Rainer Maria Rilke – Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Rainer Maria Rilke

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

 

Quelle.

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Veröffentlicht unter Emergenz und Horizonte, Poesie

Thomas Bernhard – Bis einem Hören und Sehen vergeht – Die Wahrheit

Thomas Bernhard über Wahrheit. Auszug aus Kurt Hoffmann – Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard. München: Dtv 1991. S. 21-22.

„Das weiß ich ja nicht, was die Wahrheit ist, das weiß man ja selbst nicht. Vor allem ist das eine Sache, die ist, wie sie ist und die man dann beschreibt, das sind ja zwei. Auch wenn Sie den Drang haben oder die Manie haben, jetzt hundertprozentig die Wahrheit zu schreiben, gelingt es Ihnen nicht, weil Sie müßten die Wirklichkeit auf’s Papier klatschen können, das geht nicht. In dem Moment aber, wie Sie mit stilistischen Mitteln und Sprache drangehen, ist es etwas anderes und auf jeden Fall eine Verfälschung, aber vielleicht eine Annäherung. Wahrscheinlich ist der Wille zur Wahrheit, wahrscheinlich, das Einzige, was man da einsetzen kann, aber die Wahrheit … Eine Beschreibung ist eben nicht die Tatsache, also sie nützt nichts, wie man es auch wendet. […] So viele Menschen eine Sache wahrnehmen, so viele Wahrheiten sind’s. Vorausgesetzt, daß die die Wahrheit wollen. Aber die Wahrheit ist sowieso ein Blödsinn. Ich sehe mich ja auch jetzt anders, als Sie mich sehen, und Sie sehen sich anders, als ich Sie sehe, und alles immer wieder über’s Kreuz, also es ist schon, während es stattfindet, vollkommen verschoben, verschroben und etwas ganz anderes. Jeder, der etwas schreibt, das wäre eine neue Wahrheit.“

Veröffentlicht unter Aufklärung, Emergenz und Horizonte

Thomas Bernhard – Der Theatermacher (Auszüge)

In Klammern der Verweis auf die jeweilige Seite in der Spectaculum 50 – Moderne Theaterstücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990.

Thomas Bernhard – Der Theatermacher

(S. 28/29)

BRUSCON:
[…]
„Wenn wir ehrlich sind
ist das Theater an sich eine Absurdität
aber wenn wir ehrlich sind
können wir kein Theater machen
weder können wir wenn wir ehrlich sind
ein Theaterstück schreiben
noch ein Theaterstück spielen
wenn wir ehrlich sind
können wir überhaupt nichts mehr tun
außer uns umbringen
da wir uns aber nicht umbringen
weil wir uns nicht umbringen wollen
wenigstens bis heute und bis jetzt nicht
da wir uns also bis heute und bis jetzt nicht umgebracht haben
versuchen wir es immer wieder mit dem Theater
wir schreiben für das Theater
und wir spielen Theater
und ist das alles auch das Absurdeste
und Verlogenste
Wie kann ein Schauspieler
einen König darstellen
der überhaupt nicht weiß was ein König ist
wie kann eine Schauspielerin
eine Stallmagd darstellen
die überhaupt nicht weiß was eine Stallmagd ist
wenn ein Staatsschauspieler einen König darstellt
ist das nur abgeschmackt
und wenn eine Staatsschauspielerin
eine Stallmagd darstellt
ist das noch abgeschmackter
aber alle Schauspieler stellen immer wieder etwas dar
das sie nicht sein können
und das nur abgeschmackt ist
so ist alles auf dem Theater abgeschmackt mein Herr
Da die Schauspieler die dümmsten sind
ist es doch eine Abgeschmacktheit
wenn sie beispielsweise Schopenhauer und Kant darstellen
oder ein Staatsschauspieler spielt Friedrich den Großen
oder gar Voltaire wird von einem Schauspieler gespielt
das ist alles abgeschmackt
natürlich bin ich mir dieser Tatsache
immer bewußt gewesen
Was Schauspieler darstellen
ist immer falsch dargestellt
eben verlogen mein Herr
und gerade deshalb ist es Theater
Dargestelltes ist Verlogenes
und dargestelltes Verlogenes lieben wir
So habe ich meine Komödie geschrieben
verlogen
so stellen wir sie dar
verlogen
so wird sie aufgenommen
verlogen
Der Schreiber ist verlogen
die Darsteller sind verlogen
und die Zuschauer sind auch verlogen
und alles zusammen ist eine einzige Absurdität
ganz zu schweigen davon
daß es sich um eine Perversität handelt
die schon Jahrtausende alt ist
das Theater ist eine jahrtausendealte Perversität
in die die Menschheit vernarrt ist
und deshalb so so tief in sie vernarrt ist
weil sie in ihre Verlogenheit so tief vernarrt ist
und nirgendwo sonst in dieser Menschheit
ist die Verlogenheit größer und faszinierender
als auf dem Theater“

———————

(S. 50)

BRUSCON:

„Die Welt ist grausam mein Kind
und verschont niemanden
keinen Menschen
nichts
alles wird von ihr zugrunde gerichtet
Wer glaubt
fliehen zu können
wird sofort eingeholt
eines jeden Ziel
ist das Unglück
und das Ende.“

———————

(S. 81)

BRUSCON:
[…]
in gewisser Weise
ist alles ein Kompromiß
auch wenn wir die allerhöchste Perfektion
im Auge haben
ist alles ein Kompromiß
Intrige mußt du wissen
nichts als Intrige
In die Falle gegangene Menschheit…“

———————

(S. 86)

BRUSCON:

„Wir geben das Äußerste
aber es wird nicht verstanden
je mehr wir uns entäußern
desto größer wird unsere Geistesanstrengung
desto verständnisloser die Kritik
lebenslänglich treten wir auf
und kein Mensch versteht uns
[…]
Wenn ich nur Bier ausschenken könnte
habe ich gedacht
weiße aufgekrempelte Wirtsärmel
und Bier ausschenken
Glücklichsein“

———————

(S. 92)

BRUSCON:

„Nur weil wir an uns glauben
halten wir es aus
überstehen wir
es donnert
was wir nicht ändern können
weil wir an unsere Kunst glauben“

Veröffentlicht unter Emergenz und Horizonte

How TV Ruined Your Life. Charlie Brooker

Selten habe ich so euphorisch gelacht, während ich gleichzeitig in teils beklommener, teils fassungsloser Faszination zugeschaut habe. Selten wurden ein kritisch-aufklärerischer Impetus,  bissigste Ironie und ein vernichtender Sarkasmus auf so vertreffliche und informative Weise gepaart und derart stilvoll vermittelt. Ja, selten verspürt man angesichts der Fernseh- und Internetlandschaft überhaupt das Bedürfnis, aufzustehen und den Hut zu ziehen, d.h. in diesem Fall: in Dankbarkeit und Respekt den Hut vor Charlie Brooker zu ziehen, der für die Serie, bzw. das Format „How TV Ruined Your Life“ verantwortlich zeichnet. Für mich ein denkwürdiges und auf verschiedensten Ebenen bereicherndes Stück kritisch-selbstreflexiver Fernseharbeit, das man nicht hoch genug schätzen kann. Hier die einzelnen Episoden:

Veröffentlicht unter Aufklärung, Humor

Wilhelm Busch [II]

Kritik des Herzens

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab‘ ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff‘ ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.

Sie stritten sich beim Wein herum

Sie stritten sich beim Wein herum                                                                                                 Was das nun wieder wäre;
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen,
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren

Seid mir nur nicht gar zu traurig,
Daß die schöne Zeit entflieht,
Daß die Welle kühl und schaurig
Uns in ihre Wirbel zieht;

Daß des Herzens süße Regung,
Daß der Liebe Hochgenuß,
Jene himmlische Bewegung,
Sich zur Ruh begeben muß.

Laßt uns lieben, singen, trinken,
Und wir pfeifen auf die Zeit;
Selbst ein leises Augenwinken
Zuckt durch alle Ewigkeit.

Veröffentlicht unter Poesie

Andreas Tscherning: Melancholey Redet selber

Andreas Tscherning: Melancholey Redet selber
Ich Mutter schweren bluts / ich faule last der Erden
Wil sagen / was ich bin / und was durch mich kan werden.
Ich bin die schwartze Gall / ’nechst im Latein gehört /
Im Deutschen aber nun / und keines doch gelehrt.
Ich kan durch wahnwitz fast so gute Verse schreiben /
Als einer der sich läst den weisen Föbus treiben /
Den Vater aller Kunst. Ich fürchte nur allein
Es möchte bey der Welt der Argwohn von mir seyn /
Als ob vom Höllengeist ich etwas wolt‘ ergründen /
Sonst könt‘ ich vor der Zeit / was noch nicht ist / verkünden /
Indessen bleib ich doch stets eine Poetinn /
Besinge meinen fall / und was ich selber bin.
Und diesen Ruhm hat mir mein edles Blut geleget
Und Himmelischer Geist / wann der sich in mir reget /
Entzünd ich als ein GOtt die Hertzen schleunig an /
Da gehn sie ausser sich / und suchen eine Bahn
Die mehr als Weltlich ist. Hat jemand was gesehen /
Von der Sibyllen Hand / so ists durch mich geschehen /
Von mir kommts her / daß offt ein schuldenreiner Geist
Ein Hexer bey der Welt und Teuffelsbanner heist.
Wann nemlich meine Krafft / so hohe Sachen liebet /
Ihm auch / was Göttlich ist / in Kopff und Feder giebet.
Wer war der Calchas doch? wer war die kluge Magd
(Ich meine Manto dich/) die beide weißgesagt?
Ein Paar voll schwartzer Gall. Wo ich der Warheit schone
So wundert euch ja nicht. Dann freilich ist nicht ohne
Indem ich wunder red‘ / entfärb ich mich auch nicht
Ein Zeichen meiner art und thorheit an das Licht
Zugeben / als ich wil. Und wo gebrichts an Thoren?
Den klügsten Leuten ist die Thorheit angebohren.
So weit die Wissenschafft erstrecket jhren Schritt
So weit setzt auff den Fuß auch Thorheit ihren tritt.
Beym Cato war vielleicht ein wenig meines gleichen /
Wann nichts den ernsten Mann zum Lachen kont erweichen.
Ists nicht? so war er da von mir nicht gantz entfreyt /
Als er dem Griechen dort / dem Unflat jener Zeit /
Sein irdnes Faß geweltzt. Mir / Mir ists offt gelungen
Daß freiher Helden Muht durch meine Krafft bezwungen /
Und schier gedämpfet ist. Durch meine wundermacht
Ist manch so junges Mensch von aller Lust gebracht /
Wie frölich es auch sprang. Furcht / bleichsein / Leid und Klagen
Diß sind die Wirckungen davon ich weiß zu sagen.
Das Leben wird durch mich den Menschen selber leid /
Sie leben und sind todt / zum Hencker wird die Zeit
Das Grab jhr bester trost. Ich weine wann zu lachen
Ich traure / wann ich soll mir Lust und Freude machen.
Es treugt mich / was ich seh‘ / und bild es mir doch ein /
Der Tag bedünckt mich Nacht / und Nacht der Tag zu seyn.
Wem ich noch unbekandt / der kennt mich von Geberden /
Ich wende fort und für mein‘ Augen hin zur Erden /
Weil von der Erden ich zuvor entsprossen bin.
So seh ich nirgends mehr als auff die Mutter hin.
Ich finde nirgends Ruh / muß selber mit mir zancken /
Ich sitz / ich lieg / ich steh / ist alles in Gedancken /
Bin Amme meiner Pein. Bald bin ich gantz erblaßt
Und mein‘ es falle schon die schwere Himmels Last
Der Atlas sey ermüdt. Bald bin ich unter Schlangen /
Bald haben Kröten sich an meinen Leib gehangen /
Bald hat ein Berg / ein Wall / ein Thurn den Leib bedeckt /
Bald hat ein Hencker mich biß auff den Tod geschreckt /
Weil er den Tod gedreut / Bald denck ich an die Sünden
Und denn so muß ich Angst / O Zentnerangst! empfinden /
Wann je der grosse GOtt mit Donner auff uns schlägt /
So mein‘ ich daß er auch zu mir kein Hertze trägt.
Kan auch der Pluto fast mehr Plagen umb sich führen?
Kan auch mehr Schmertz und Angst das Höllenheer berühren?
Dann ich zweyköpffig bin / dreyleibig / Lahm und Blind /
Ich Hex / ich raube mir / und was man schändlichs findt /
Das bin in warheit ich. Ich mache selbst mir Plage
Ich bin mein eigner Feind / ich faste gantze Tage /
Bin selber mir genung / nach andern frag ich nicht
Was der und jener auch von meiner weise spricht.
So hat mein Timon auch das Griechen Volck gemieden /
Ich lebe zum Verdruß bin nicht mit mir zu frieden /
Bin traurig / rau und hart / der Leute mähr und Hohn.
Ich mache was ich wil / so krieg ich Spott zu Lohn /
Beklag ich daß ich sey am Galgen auffgehencket /
Bewein‘ ich meine Noth / ich sey im Meer erträncket /
Beschwer‘ ich / als mich dünckt / ich sey ein Topff / ein Hahn
Ein‘ Henne / Glaß / ja todt / so komm‘ ich übel an /
Und werde bloß verlacht / Und dieses ist mein leben /
Wo elend Leben heist. Heut wil ich zwar mich geben
In eines Freundes Lust / ach Morgen / ach o Leid!
Da tret‘ ich widerum in alte Traurigkeit.

——-

Da sich nach knapper Suche per Google keine Kopie oder Quelle finden lassen wollte, habe ich das Gedicht kurzerhand abgetippt. Quelle:

McDonald, Grantley: The Emblem of Melancholy. In: Sieber, Andrea und Wittstock, Antje (Hg.): Melancholie – zwischen Attitüde und Diskurs. Konzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Göttingen 2009. S. 115-117.

Veröffentlicht unter Emergenz und Horizonte, Poesie

Andreas Gryphius: Menschliches Elende (1658)

Andreas Gryphius

Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid.
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn;
Was nach uns kommen wird, wird uns in Grab nachziehn.
Was sag ich? wir vergehn, wie Rauch von starken Winden.

 

Quellen hier, hier und hier.

Veröffentlicht unter Emergenz und Horizonte, Poesie