Thomas Bernhard – Der Theatermacher (Auszüge)

In Klammern der Verweis auf die jeweilige Seite in der Spectaculum 50 – Moderne Theaterstücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990.

Thomas Bernhard – Der Theatermacher

(S. 28/29)

BRUSCON:
[…]
„Wenn wir ehrlich sind
ist das Theater an sich eine Absurdität
aber wenn wir ehrlich sind
können wir kein Theater machen
weder können wir wenn wir ehrlich sind
ein Theaterstück schreiben
noch ein Theaterstück spielen
wenn wir ehrlich sind
können wir überhaupt nichts mehr tun
außer uns umbringen
da wir uns aber nicht umbringen
weil wir uns nicht umbringen wollen
wenigstens bis heute und bis jetzt nicht
da wir uns also bis heute und bis jetzt nicht umgebracht haben
versuchen wir es immer wieder mit dem Theater
wir schreiben für das Theater
und wir spielen Theater
und ist das alles auch das Absurdeste
und Verlogenste
Wie kann ein Schauspieler
einen König darstellen
der überhaupt nicht weiß was ein König ist
wie kann eine Schauspielerin
eine Stallmagd darstellen
die überhaupt nicht weiß was eine Stallmagd ist
wenn ein Staatsschauspieler einen König darstellt
ist das nur abgeschmackt
und wenn eine Staatsschauspielerin
eine Stallmagd darstellt
ist das noch abgeschmackter
aber alle Schauspieler stellen immer wieder etwas dar
das sie nicht sein können
und das nur abgeschmackt ist
so ist alles auf dem Theater abgeschmackt mein Herr
Da die Schauspieler die dümmsten sind
ist es doch eine Abgeschmacktheit
wenn sie beispielsweise Schopenhauer und Kant darstellen
oder ein Staatsschauspieler spielt Friedrich den Großen
oder gar Voltaire wird von einem Schauspieler gespielt
das ist alles abgeschmackt
natürlich bin ich mir dieser Tatsache
immer bewußt gewesen
Was Schauspieler darstellen
ist immer falsch dargestellt
eben verlogen mein Herr
und gerade deshalb ist es Theater
Dargestelltes ist Verlogenes
und dargestelltes Verlogenes lieben wir
So habe ich meine Komödie geschrieben
verlogen
so stellen wir sie dar
verlogen
so wird sie aufgenommen
verlogen
Der Schreiber ist verlogen
die Darsteller sind verlogen
und die Zuschauer sind auch verlogen
und alles zusammen ist eine einzige Absurdität
ganz zu schweigen davon
daß es sich um eine Perversität handelt
die schon Jahrtausende alt ist
das Theater ist eine jahrtausendealte Perversität
in die die Menschheit vernarrt ist
und deshalb so so tief in sie vernarrt ist
weil sie in ihre Verlogenheit so tief vernarrt ist
und nirgendwo sonst in dieser Menschheit
ist die Verlogenheit größer und faszinierender
als auf dem Theater“

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(S. 50)

BRUSCON:

„Die Welt ist grausam mein Kind
und verschont niemanden
keinen Menschen
nichts
alles wird von ihr zugrunde gerichtet
Wer glaubt
fliehen zu können
wird sofort eingeholt
eines jeden Ziel
ist das Unglück
und das Ende.“

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(S. 81)

BRUSCON:
[…]
in gewisser Weise
ist alles ein Kompromiß
auch wenn wir die allerhöchste Perfektion
im Auge haben
ist alles ein Kompromiß
Intrige mußt du wissen
nichts als Intrige
In die Falle gegangene Menschheit…“

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(S. 86)

BRUSCON:

„Wir geben das Äußerste
aber es wird nicht verstanden
je mehr wir uns entäußern
desto größer wird unsere Geistesanstrengung
desto verständnisloser die Kritik
lebenslänglich treten wir auf
und kein Mensch versteht uns
[…]
Wenn ich nur Bier ausschenken könnte
habe ich gedacht
weiße aufgekrempelte Wirtsärmel
und Bier ausschenken
Glücklichsein“

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(S. 92)

BRUSCON:

„Nur weil wir an uns glauben
halten wir es aus
überstehen wir
es donnert
was wir nicht ändern können
weil wir an unsere Kunst glauben“

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