Thomas Bernhard – Bis einem Hören und Sehen vergeht – Die Wahrheit

Thomas Bernhard über Wahrheit. Auszug aus Kurt Hoffmann – Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard. München: Dtv 1991. S. 21-22.

„Das weiß ich ja nicht, was die Wahrheit ist, das weiß man ja selbst nicht. Vor allem ist das eine Sache, die ist, wie sie ist und die man dann beschreibt, das sind ja zwei. Auch wenn Sie den Drang haben oder die Manie haben, jetzt hundertprozentig die Wahrheit zu schreiben, gelingt es Ihnen nicht, weil Sie müßten die Wirklichkeit auf’s Papier klatschen können, das geht nicht. In dem Moment aber, wie Sie mit stilistischen Mitteln und Sprache drangehen, ist es etwas anderes und auf jeden Fall eine Verfälschung, aber vielleicht eine Annäherung. Wahrscheinlich ist der Wille zur Wahrheit, wahrscheinlich, das Einzige, was man da einsetzen kann, aber die Wahrheit … Eine Beschreibung ist eben nicht die Tatsache, also sie nützt nichts, wie man es auch wendet. […] So viele Menschen eine Sache wahrnehmen, so viele Wahrheiten sind’s. Vorausgesetzt, daß die die Wahrheit wollen. Aber die Wahrheit ist sowieso ein Blödsinn. Ich sehe mich ja auch jetzt anders, als Sie mich sehen, und Sie sehen sich anders, als ich Sie sehe, und alles immer wieder über’s Kreuz, also es ist schon, während es stattfindet, vollkommen verschoben, verschroben und etwas ganz anderes. Jeder, der etwas schreibt, das wäre eine neue Wahrheit.“

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