Andreas Tscherning: Melancholey Redet selber

Andreas Tscherning: Melancholey Redet selber
Ich Mutter schweren bluts / ich faule last der Erden
Wil sagen / was ich bin / und was durch mich kan werden.
Ich bin die schwartze Gall / ’nechst im Latein gehört /
Im Deutschen aber nun / und keines doch gelehrt.
Ich kan durch wahnwitz fast so gute Verse schreiben /
Als einer der sich läst den weisen Föbus treiben /
Den Vater aller Kunst. Ich fürchte nur allein
Es möchte bey der Welt der Argwohn von mir seyn /
Als ob vom Höllengeist ich etwas wolt‘ ergründen /
Sonst könt‘ ich vor der Zeit / was noch nicht ist / verkünden /
Indessen bleib ich doch stets eine Poetinn /
Besinge meinen fall / und was ich selber bin.
Und diesen Ruhm hat mir mein edles Blut geleget
Und Himmelischer Geist / wann der sich in mir reget /
Entzünd ich als ein GOtt die Hertzen schleunig an /
Da gehn sie ausser sich / und suchen eine Bahn
Die mehr als Weltlich ist. Hat jemand was gesehen /
Von der Sibyllen Hand / so ists durch mich geschehen /
Von mir kommts her / daß offt ein schuldenreiner Geist
Ein Hexer bey der Welt und Teuffelsbanner heist.
Wann nemlich meine Krafft / so hohe Sachen liebet /
Ihm auch / was Göttlich ist / in Kopff und Feder giebet.
Wer war der Calchas doch? wer war die kluge Magd
(Ich meine Manto dich/) die beide weißgesagt?
Ein Paar voll schwartzer Gall. Wo ich der Warheit schone
So wundert euch ja nicht. Dann freilich ist nicht ohne
Indem ich wunder red‘ / entfärb ich mich auch nicht
Ein Zeichen meiner art und thorheit an das Licht
Zugeben / als ich wil. Und wo gebrichts an Thoren?
Den klügsten Leuten ist die Thorheit angebohren.
So weit die Wissenschafft erstrecket jhren Schritt
So weit setzt auff den Fuß auch Thorheit ihren tritt.
Beym Cato war vielleicht ein wenig meines gleichen /
Wann nichts den ernsten Mann zum Lachen kont erweichen.
Ists nicht? so war er da von mir nicht gantz entfreyt /
Als er dem Griechen dort / dem Unflat jener Zeit /
Sein irdnes Faß geweltzt. Mir / Mir ists offt gelungen
Daß freiher Helden Muht durch meine Krafft bezwungen /
Und schier gedämpfet ist. Durch meine wundermacht
Ist manch so junges Mensch von aller Lust gebracht /
Wie frölich es auch sprang. Furcht / bleichsein / Leid und Klagen
Diß sind die Wirckungen davon ich weiß zu sagen.
Das Leben wird durch mich den Menschen selber leid /
Sie leben und sind todt / zum Hencker wird die Zeit
Das Grab jhr bester trost. Ich weine wann zu lachen
Ich traure / wann ich soll mir Lust und Freude machen.
Es treugt mich / was ich seh‘ / und bild es mir doch ein /
Der Tag bedünckt mich Nacht / und Nacht der Tag zu seyn.
Wem ich noch unbekandt / der kennt mich von Geberden /
Ich wende fort und für mein‘ Augen hin zur Erden /
Weil von der Erden ich zuvor entsprossen bin.
So seh ich nirgends mehr als auff die Mutter hin.
Ich finde nirgends Ruh / muß selber mit mir zancken /
Ich sitz / ich lieg / ich steh / ist alles in Gedancken /
Bin Amme meiner Pein. Bald bin ich gantz erblaßt
Und mein‘ es falle schon die schwere Himmels Last
Der Atlas sey ermüdt. Bald bin ich unter Schlangen /
Bald haben Kröten sich an meinen Leib gehangen /
Bald hat ein Berg / ein Wall / ein Thurn den Leib bedeckt /
Bald hat ein Hencker mich biß auff den Tod geschreckt /
Weil er den Tod gedreut / Bald denck ich an die Sünden
Und denn so muß ich Angst / O Zentnerangst! empfinden /
Wann je der grosse GOtt mit Donner auff uns schlägt /
So mein‘ ich daß er auch zu mir kein Hertze trägt.
Kan auch der Pluto fast mehr Plagen umb sich führen?
Kan auch mehr Schmertz und Angst das Höllenheer berühren?
Dann ich zweyköpffig bin / dreyleibig / Lahm und Blind /
Ich Hex / ich raube mir / und was man schändlichs findt /
Das bin in warheit ich. Ich mache selbst mir Plage
Ich bin mein eigner Feind / ich faste gantze Tage /
Bin selber mir genung / nach andern frag ich nicht
Was der und jener auch von meiner weise spricht.
So hat mein Timon auch das Griechen Volck gemieden /
Ich lebe zum Verdruß bin nicht mit mir zu frieden /
Bin traurig / rau und hart / der Leute mähr und Hohn.
Ich mache was ich wil / so krieg ich Spott zu Lohn /
Beklag ich daß ich sey am Galgen auffgehencket /
Bewein‘ ich meine Noth / ich sey im Meer erträncket /
Beschwer‘ ich / als mich dünckt / ich sey ein Topff / ein Hahn
Ein‘ Henne / Glaß / ja todt / so komm‘ ich übel an /
Und werde bloß verlacht / Und dieses ist mein leben /
Wo elend Leben heist. Heut wil ich zwar mich geben
In eines Freundes Lust / ach Morgen / ach o Leid!
Da tret‘ ich widerum in alte Traurigkeit.

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Da sich nach knapper Suche per Google keine Kopie oder Quelle finden lassen wollte, habe ich das Gedicht kurzerhand abgetippt. Quelle:

McDonald, Grantley: The Emblem of Melancholy. In: Sieber, Andrea und Wittstock, Antje (Hg.): Melancholie – zwischen Attitüde und Diskurs. Konzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Göttingen 2009. S. 115-117.

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