Jean-Jacques Rousseau – Emile oder Über die Erziehung

Auszug: 2. Band, 4. Buch (Hervorhebungen von mir):

Erziehung zum Mitleid

Die Schwäche des Menschen macht ihn gesellig; die Leiden, die uns allen gemeinsam sind, ziehen uns zum Menschengeschlechte hin. Wir würden demselben nichts schulden, wenn wir nicht Menschen wären. Jede Anhänglichkeit ist ein Zeichen der eigenen Unzulänglichkeit. Bedürfte niemand der anderen, so würde auch niemand daran denken, sich ihnen anzuschließen. Deshalb haben wir nur unsere Schwachheit unser zerbrechliches Glück zu verdanken. Ein wahrhaft glückliches Wesen kann man sich nur als ein einsames vorstellen; Gott allein genießt eines absoluten Glückes; aber wer von uns vermöchte sich von letzterem einen klaren Begriff machen? Wenn irgendein unvollkommenes Wesen sich selbst genügen könnte, woran könnte es wohl nach unseren Begriffen einen Genuß finden? Es wäre allein und müßte deshalb elend sein. Ich vermag nicht zu fassen, wie jemand, dem jedes Bedürfnis nach irgendeinem Gute fehlt, etwas lieben kann; ich vermag aber auch nicht zu fassen, wie jemand, der nichts liebt, glücklich sein kann.

Hieraus folgt, daß wir uns an unsere Mitmenschen weniger um deswillen anschließen, daß wir an ihren Freuden Anteil nehmen, als vielmehr um deswillen, daß ihre Leiden unser Mitgefühl erregen, denn in letzteren tritt uns die Identität unserer Natur und die Bürgerschaft für ihre Anhänglichkeit an uns weit sichtlicher entgegen. Bildet bei unseren gemeinsamen Bedürfnissen das gleiche Interesse das Band der Vereinigung, so wird bei unserem gemeinsamen Elend wieder die Liebe das Bindemittel. Der Anblick eines glücklichen Menschen stößt den anderen weniger Liebe als Neid ein; man hätte Lust, ihm den Vorwurf zu machen, daß er dadurch, daß er sich ein ausschließliches Glück bereitet, sich ein Recht anmaße, welches ihm gebühre, und selbst die Eigenliebe leidet darunter, indem sie es uns recht fühlbar macht, daß dieser Mensch unser nicht bedürfe. Wer aber bedauert nicht den Unglücklichen, den er leiden sieht? Wer würde ihn, wenn es ihm nicht mehr als ein Wunsch kostete, nicht gern von seinen Übeln befreien wollen? Unsere Einbildungskraft versetzt uns weit eher an die Stelle eines Elenden, als an die eines Glücklichen. Unser Gefühl sagt uns, daß uns der eine dieser Zustände weit näher berühre als der andere. Das Mitleid ist süß, weil man, während man sich an die Stelle des Leidenden versetzt, trotzdem gleichzeitig das Vergnügen empfindet, nicht einem gleichen Leiden unterworfen zu sein. Der Neid dagegen ist bitter, denn anstatt den Neidischen beim Anblick eines Glücklichen an die Stelle desselben zu versetzen, erfüllt er ihn nur mit Bedauern, daß er diese nicht einnimmt. Der Leidende scheint uns von den Übeln, welche er duldet, zu befreien, der Glückliche uns hinwieder der Güte zu berauben, deren er genießt.

Wollt ihr deshalb in dem Herzen eines jungen Menschen die ersten Regungen der erwachenden Empfindungen anfachen und nähren und seinem Charakter die Richtung zur Wohltätigkeit und Güte geben, so laßt nie in ihm durch das trügerische Bild des menschlichen Glückes Stolz, Eitelkeit oder Neid aufkeimen; stellt ihm nicht gleich zuerst den Prunk der Höfe, die Pracht der Paläste, den fesselnden Reiz der Theater vor Augen; führt ihn nicht in gesellschaftliche Kreise und glänzende Versammlungen ein; zeigt ihm die Außenseite der großen Gesellschaft nicht eher, bis ihr ihn befähigt habt, sie nach ihrem wahren Werte zu schätzen. Ihm die Welt zeigen, bevor er die Menschen kennt, heißt nicht, ihn bilden, sondern ihn verderben; heißt nicht, ihn unterrichten, sondern ihn täuschen.

Von Natur sind die Menschen weder Könige noch Große noch Hofschranzen noch Reiche. Alle werden nackt und arm geboren, alle sind den kleinlichen Sorgen des Lebens, den Verdrießlichkeiten, den Übeln, den Bedürfnissen und Schmerzen aller Art unterworfen, und alle werden schließlich eine Beute des Todes. Das ist das wahre Spiegelbild des Menschen; kein Sterblicher ist von diesem Lose ausgenommen. Macht bei eurem Studium der menschlichen Natur deshalb mit dem den Anfang, was von derselben unzertrennlich ist, kurz mit allem, worin sich das Wesen der Menschheit am deutlichsten darstellt.

Mit sechzehn Jahren weiß der Jüngling, was Leiden heißt, denn er hat schon selbst gelitten; aber er weiß kaum, daß andere Wesen ebenfalls mit Leiden zu kämpfen haben. Mit dem Anblick von Leiden vertraut sein, ohne sie zu empfinden, heißt noch nicht, sie kennen, und da, wie ich bereits hundertmal erklärt habe, sich das Kind nicht die Empfindungen anderer vorzustellen vermag, so kennt es keine anderen Übel als seine eigenen. Sobald jedoch die erste Entwicklung der Sinnlichkeit das Feuer der Einbildungskraft in ihm anfacht, so beginnt es die Empfindungen seiner Mitmenschen zu teilen, von ihren Klagen gerührt zu werden und ihnen ihre Schmerzen nachzufühlen. In diesem Augenblick muß das dunkle Gemälde der leidenden Menschheit in seinem Herzen die erste Rührung hervorrufen, die es je empfunden hat.

Wen wollt ihr nun dafür verantwortlich machen, wenn bei euren Kindern dieser Augenblick nicht deutlich in die Augen fällt? Ihr lehrt sie so frühzeitig mit dem Gefühl spielen, macht sie mit der Sprache desselben so zeitig vertraut, daß sie dadurch, daß sie beständig in demselben Tone reden, eure Lehren gegen euch selbst kehren, und euch kein Mittel übriglassen, zu unterscheiden, wann sie zu lügen aufhören und das wirklich zu fühlen beginnen, was sie sagen. Betrachtet dagegen meinen Emil! Bis zu dem Alter, zu welchem ich ihn jetzt geführt habe, hat er weder die in Rede stehenden Gefühle gehabt, noch eine Lüge über seine Zunge gebracht. Bevor er wußte, was Liebe heißt, hat er zu niemandem gesagt: »Ich liebe dich von Herzen.« Man hat ihm nicht verschrieben, welches Benehmen er in dem Zimmer seines Vater, seiner Mutter oder seines kranken Hofmeisters beobachten solle; man hat ihn nie in der Kunst unterwiesen, sich traurig zu stellen, wenn er nicht wirklich betrübt war. Er hat nie den Schein angenommen, als weine er über jemandes Tod, da er noch gar nicht weiß, was Sterben ist. Dieselbe Empfindungslosigkeit, die er in seinem Herzen hat, spricht sich auch in seinem ganzen Wesen aus. Gleichgültig gegen alles, mit Ausnahme seiner eigenen Person, faßt er, wie alle anderen Kinder, für niemanden Interesse. Der einzige Unterschied zwischen ihm und diesen beruht lediglich darin, daß er auch nicht einmal den Schein erregen will, als hege er ein Interesse, und daß er nicht falsch ist wie sie.

Da Emil noch wenig über fühlende Wesen nachgedacht hat, so wird er auch erst spät lernen, was Leiden und Streben heißt. Von nun an werden Klagen und Schmerzensschreie beginnen, sein Mitgefühl zu erregen; von dem Anblick strömenden Blutes wird er seine Augen abwenden; die Zuckungen eines sterbenden Tieres werden ihn mit wahrer Herzensangst erfüllen, noch ehe er sich über die Entstehung dieser Bewegungen in ihm Rechenschaft ablegen kann. Wäre er stumpfsinnig und roh geblieben, so würden sie sich in ihm gar nicht bilden; wäre er unterrichteter, so würde er ihre Quelle kennen. Er hat schon zu viele Vergleichungen zwischen einzelnen Vorstellungen angestellt, um gar nichts zu empfinden, aber trotzdem noch nicht genug, um sich bewußt zu werden, was er empfindet.

Auf die Weise entsteht das Mittleid, das erste sich auf andere beziehende Gefühl, welches nach der Ordnung der Natur das menschliche Herz bewegt. Um fühlend und mitleidig zu werden, muß das Kind wissen, daß es Wesen seinesgleichen gibt, welche leiden, was es selbst gelitten, und Schmerzen empfinden, die es selbst empfunden hat, ja die sogar noch von anderen Schmerzen gepeinigt werden, von denen es sich wenigstens den Begriff machen muß, daß es dieselben möglicherweise gleichfalls wird aushalten müssen. Und fürwahr, wodurch sollten wir uns sonst wohl zum Mitleid bewegen lassen, wenn nicht dadurch, daß wir gleichsam aus uns heraustreten, uns mit dem leidenden Geschöpfe identifizieren und unser eigenes Sein mit dem seinigen vertauschen? Wir leiden nur so viel, als es nach unserem Dafürhalten leidet, und leiden nicht in uns, sondern in ihm. Vor dem Erwachen der Einbildungskraft, die den Menschen aus sich heraus zu versetzen beginnt, wird sich also auch bei niemandem das Mitgefühl regen.

Was haben wir nun, um dieses erwachende Mitgefühl anzufachen und zu nähren, um es zu leiten und ihm in der ihm vor der Natur gegebenen Richtung zu folgen, anders zu tun, als dem jungen Menschen einerseits solche Gegenstände darzubieten, auf welche die zunehmende Kraft seines Herzens zu wirken vermag, die es erweitern, es auch mit anderen Wesen zu teilen bereit sind, und es dahin bringen, daß es sich auch außer sich selbst überall wiederfinde, und anderseits sorgfältig alle solche von ihm fernzuhalten, welche das Herz verengern, in sich selbst verschließen und den Egoismus großzuziehen geeignet sind? Mit anderen Worten, was haben wir anderes zu tun, als Güte, Menschlichkeit, Mitgefühl, Wohltätigkeit, kurz alle einnehmenden und sanften Gefühle, die den Menschen so wohlgefallen, in ihm zu erwecken, und dagegen das Hervortreten des Neides, der Habsucht, des Hasses sowie alle übrigen abstoßenden und grausamen Leidenschaften zu verhüten, die gleichsam das Gefühl nicht nur auf Null herabdrücken, sondern es sogar noch in eine negative Größe verwandeln, und demjenigen, welcher von ihnen beseelt ist, nicht als Qual bereiten.

Alle meine bisherigen Betrachtungen glaube ich in zwei oder drei bestimmte, klare und leicht faßliche Grundsätze kurz zusammenfassen zu können.

Erster Grundsatz

Es gehört nicht zu den Eigenschaften des menschlichen Herzens, sich an die Stelle derer zu versetzen, welche glücklicher sind als wir, sondern es versetzt sich lediglich an die Stelle derer, welche mehr zu beklagen sind als wir.

Etwaige Ausnahmen von dieser Regel sind es mehr dem Scheine nach als in Wirklichkeit. So versetzt man sich zum Beispiel nicht an die Stelle des Reichen oder des Großen, zu dem man Zuneigung gefaßt hat. Selbst wenn man ihm aufrichtig zugetan ist, eignet man sich immer nur einen Teil seines Wohlseins an. Bisweilen liebt man ihn auch noch im Unglück; solange es ihm aber gut geht, hat er keinen wahren Freund als denjenigen, der sich vom Scheine nicht täuschen läßt und ihn bei all seinem Glück mehr beklagt als beneidet.

Man wird von dem Glücke gewisser Stände, zum Beispiel dem der Landleute und der Hirten, gerührt. Die Freude, diese guten Leute glücklich zu sehen, wird durch keinen neidischen Gedanken vergiftet; man nimmt in Wahrheit einen aufrichtigen Anteil an ihnen. Weshalb dies? Deshalb, weil wir uns bewußt sind, daß es jeden Augenblick in unserer Macht liegt, zu diesem Stande des Friedens und der Unschuld herabzusteigen und desselben Glückes teilhaftig zu werden. Das bleibt immer noch unsere letzte Zuflucht, eine Zuflucht, die uns nur mit angenehmen Ideen erfüllt, da unser bloßer Wille genügt, uns in den Besitz dieses Genusses zu setzen. Es bereitet stets Vergnügen, seine Hilfsmittel zu überschauen und sein eigenes Gut zu betrachten, selbst für den Fall, daß man keinen Gebrauch davon machen will.

Um einen jungen Mann mit Menschenliebe zu erfüllen, muß man ihn also, wie sich aus obiger Betrachtung ergibt, nicht das glänzende Los anderer bewundern lassen, sondern man muß ihm dasselbe vielmehr von seiner Kehrseite zeigen, ja ihm sogar eine förmliche Furcht vor einem solchen Lose einjagen. Dann wird er sich konsequenterweise einen neuen, noch von niemandem betretenen Weg zum Glück bahnen müssen.

Zweiter Grundsatz

Nur diejenigen Übel anderer erregen unser Bedauern, vor denen man sich selbst nicht sicher hält.

Non ignara mali, miseris succurrere disco. (Übs.: Nicht unkundig des Leids, lernte ich Elenden beistehen.)

Vergil, Aen. I. 630.

Ich kenne nichts so Schönes, so Tiefes, so Ergreifendes und Wahres wie die Worte dieses Wesens.

Weshalb fühlen die Könige kein Mitleid mit ihren Untertanen? Deshalb, weil sie sich in ihren eigenen Augen nicht wie gewöhnliche Menschen vorkommen. Weshalb sind die Reichen so hart gegen die Armen? Weil sie nicht befürchten, ebenfalls in Armut zu geraten. Weshalb blickt der Adel mit so großer Verachtung auf das Volk? Weil er niemals in den bürgerlichen Stand hinabsinken kann. Weshalb sind die Türken in allgemeinen menschlicher und gastfreundlicher als wir? Weil bei ihrer mit völliger Willkür verfahrenden Regierung die Größe und das Glück der einzelnen beständig unsicher und schwankend ist, und sie deshalb Niedrigkeit und Elend nicht als Uebel betrachten, die nie an sie herantreten könnte. Jeder kann morgen in derselben Lage sein, in welcher sich der heute von ihm Unterstützte befindet. Diese Wahrnehmung, die in den morgenländischen Romanen überall zutage tritt, ist die Ursache, daß sie für uns etwas ungemein Rührendes haben, wie es das ganze Aufgebot unserer trockenen Moral nicht hervorzubringen vermag.

Gewöhnt deshalb euren Zögling nicht, von der Höhe seiner hervorragenden Stellung auf die Kümmernisse der Unglücklichen und die Mühen der Elenden herabzublicken, und hofft nicht, daß ihr ihn mit Teilnahme erfüllen könnt, solange er sie als Übel betrachtet, die ihm völlig unnahbar seien. Macht ihm vielmehr recht begreiflich, daß das Schicksal dieser Unglücklichen auch ihm vorbehalten sein kann, daß alle ihre Übel binnen kurzem auch über ihn hereinbrechen können, daß tausend unvorhergesehene und unvermeidliche Ereignisse ihn jeden Augenblick in ihren Leidensgenossen zu verwandeln vermöge. Haltet ihn an, sich weder auf Geburt noch auf Gesundheit noch auf Reichtum zu verlassen; haltet ihm eindringlich die häufigen Wechselfälle des Schicksals vor. Macht ihn mit den nur allzuoft vorkommenden Beispielen bekannt, wo Menschen, die noch eine weit höhere Stellung als er einnahmen, noch tief unter jene Unglücklichen hinabgesunken sind, ob durch eigene oder fremde Schuld, kommt hierbei nicht in Frage; hat er denn überhaupt schon eine richtige Vorstellung davon, was Schuld ist? Erlaubt euch nie einen Eingriff in die Ordnung seiner Kenntnisse und gebt ihm nur über Dinge, die seiner Fassungskraft entsprechend, die nötige Aufklärung. Er bedarf keines hohen Grades von Gelehrsamkeit, um zu begreifen, daß ihm alle menschliche Weisheit nicht dafür einzustehen vermag, ob er in der nächsten Stunde noch leben oder tot sein werde; ob er sich nicht, noch ehe die Nacht einbricht, zähneknirschend unter den heftigsten Nierenschmerzen werde winden müssen, ob er in einem Monat reich oder arm sein werde, oder ob ihm nicht das Los bestimmt sei, im nächsten Jahre unter Knutenhieben auf den Galeeren in Algier zu rudern. Vor allem aber sagt es ihm nicht so kalt, als handele es sich um einen Paragraphen seines Katechismus; er muß das menschliche Elend vor Augen haben und es mitempfinden. Erschüttert, erschreckt seine Einbildungskraft mit den Gefahren von denen jeder Mensch unaufhörlich umringt ist; er muß es förmlich mit Augen sehen, wie ihm diese Abgründe auf allen Seiten entgegengähnen, und sich bei der Schilderung ihrer Schrecken ängstlich an euch drängen, aus Furcht, in sie hinabzustürzen. »Dadurch werden wir ihn ja furchtsam und feige machen,« werdet ihr mir einwenden. Das wird sich in der Folge herausstellen; für jetzt liegt es uns am nächsten, ihn menschlich zu machen.

Dritter Grundsatz

Das Mittleid, welches uns bei dem Leiden anderer erfüllt, bemessen wir nicht nach der Größe dieses Leidens, sondern nach der Empfindung, welche wir denjenigen, die es erdulden, zuschreiben.

Man bedauert einen Unglücklichen nur insoweit, als man glaubt, daß er sich selbst für bedauernswert halte. Die physische Empfindung unserer Leiden ist beschränkter, als es den Anschein hat. Die Erinnerung allein, die sie uns als fortbestehend, empfinden läßt, und die Einbildungskraft, die uns durch den Gedanken an die Fortdauer dieser Qualen selbst die Zukunft verbittert, tragen die Schuld, daß wir uns wahrhaft bedauernswerth vorkommen. Hierin liegt meines Erachtens auch eine der Ursachen, weshalb wir bei dem Leiden der Tiere weniger Teilnahme verraten, als bei denen der Menschen, obgleich das bei beiden gleichstarke Empfindungsvermögen uns mit ihnen genau in derselben Weise identifizieren sollte. Steht der Karrengaul in seinem Stalle, so bedauern wir ihn nicht leicht, weil wir annehmen, daß er, wenn er sein Heu verzehrt, weder der empfangenen Peitschenhiebe noch der Anstrengungen gedenke, die seiner warten. Ebensowenig fühlen wir mit einem Hammel, den wir auf der Weide erblicken, Mitleid, obwohl wir uns dessen bewußt sind, daß er binnen kurzem geschlachtet werden wird, weil wir uns zu der Annahme berechtigt halten, daß er sein Los nicht voraussehe. Infolge einer unwillkürlichen Ausdehnung dieser Voraussetzung nehmen wir dann auch bald an dem Lose der Menschen weniger Anteil. So beruhigen sich die Reichen über das Unrecht, welches sie den Armen zufügen, dadurch, daß sie sich vorreden, diese seien zu stumpf, um etwas davon zu empfinden. Im allgemeinen hängt nach meinem Dafürhalten der Wert, den jeder auf das Glück seiner Nebenmenschen setzt, von dem Grade der Achtung ab, die er denselben zu zollen scheint. Es liegt in der Natur, daß man das Glück derer, die man verachtet, für ziemlich wertlos hält. Man braucht sich deshalb nicht mehr zu wundern, wenn die Staatsmänner mit so großer Geringschätzung vom Volke reden, noch wenn die meisten Philosophen sich so geflissentlich bestreben, die Menschen nur von ihrer schlechten Seite zu zeigen.

Das Volk bildet das menschliche Geschlecht. Der Bruchteil, welcher nicht zum eigentlichen Volke gehört, ist so geringfügig, daß es nicht der Mühe verlohnt, ihn mit in Anschlag zu bringen. Der Mensch bleibt sich in allen Ständen gleich. Verhält er sich aber so, dann verdienen gerade die an Seelenzahl hervorragendsten Stände die meiste Achtung.

Alle Standesunterschiede verschwinden in den Augen des Denkenden, denn er bemerkt bei der dienenden Klasse die nämlichen Leidenschaften und Gefühle wie bei den Trägern der erlauchtesten Namen; nur in der Sprache, in der mehr oder weniger übertünchten Außenseite nimmt er einen Unterschied wahr; und tritt sonst ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen hervor, so fällt er stets zum Nachteil dessen aus, der die größte Verstellungsgabe besitzt. Das Volk zeigt sich wie es ist, und es ist nicht liebenswürdig; aber die Weltleute haben alle Ursache, sich zu verstellen; zeigten sie sich wie sie sind, so würden sie wahrlich Grauen und Abscheu erregen.

Wie unsere Weisen weiter behaupten, gibt es in jedem Stande das nämliche Maß von Glück und Leid. Das ist eine ebenso unheilvolle wie durchaus unhaltbare Behauptung. Dann sind wir einmal alle gleich glücklich, weshalb soll mir dann wohl das Los irgend jemandes nahegehen? Bleibe jeder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet: der Sklave lasse sich mißhandeln, der Schwache dulde, der Bettler gehe zugrunde, eine Änderung ihrer Lage vermag ihnen ja keinen Gewinn zu bringen. Man zählt die Sorgen der Reichen auf und weist die Richtigkeit ihrer eitlen Freunden nach. Welche plumpen Trugschlüsse! Die Sorgen des Reichen sind nicht die notwendigen Folgen seiner Lebensstellung, sondern fallen einem Mißbrauch derselben zur Last. Wäre er sogar noch unglücklicher als der Arme, so wäre er trotzdem nicht zu bedauern, weil er allein die Schuld an seinen Leiden trägt, und weil es nur auf ihn ankommt, glücklich zu sein. Die Sorgen des Armen sind dagegen die Folgen seiner Verhältnisse, der Härte seines Schicksals, welches schwer auf ihm lastet. Auch die längste Gewohnheit ist nicht imstande, das physische Gefühl der Ermüdung, der Erschöpfung und des Hungers von ihm zu nehmen. Weder hohe Geistesgaben noch Weisheit vermögen ihn von den Leiden seines Standes zu befreien. Welcher Gewinn erwächst dem Epiktet daraus, daß er voraussieht, sein Herr werde ihm noch das Bein zerschmettern? Läuft er etwa deshalb weniger Gefahr, daß es ihm derselbe zerschlagen werde? Die Voraussicht tritt nur als ein neues Übel zu der Zahl seiner alten Übel hinzu. Besäße das Volk ebensoviel überlegende Klugheit, als wir ihm geistige Unfähigkeit beimessen, was würde es anderes sein können, als was es jetzt ist? Was würde es anders tun können, als was es jetzt tut? Lernt nur die Leute dieser Klasse besser kennen und ihr werdet euch überzeugen, daß sie, wenn sie auch eine andere Sprache führen, demungeachtet ebensoviel Geist und sogar ein weit richtigeres Urteil besitzen als ihr. Achtet deshalb euer Geschlecht; bedenkt, daß es wesentlich aus der Volksmasse gebildet wird, daß die Lücke, welche durch die Beseitigung aller Könige und Philosophen entstände, kaum bemerkbar sein würde und der Weltlauf sicherlich nicht darunter zu leiden hätte. Mit einem Wort, lehrt euren Zögling alle Menschen lieben, selbst diejenigen, welche mit Verachtung auf ihre Mitmenschen herabblicken. Erzieht ihn so, daß er sich nicht als Glied einer besonderen Klasse betrachte, sondern sich in allen wiederfinde. Sprecht von dem menschlichen Geschlecht in seiner Gegenwart mit aufrichtiger Teilnahme, selbst mit Mitleid, aber niemals mit Verachtung. Mensch, entehre den Menschen nicht!

Dieser und ähnlicher Wege, die den bisher eingeschlagenen allerdings ganz entgegengesetzt sind, muß man sich bedienen, um in das Herz des Jünglings einzudringen, damit in demselben die ersten Regungen der Natur wach werden, es sich mehr und mehr entfalte und für die Mitmenschen zu schlagen beginne. Ich kann jedoch nicht unterlassen, dem noch die Bemerkung hinzuzufügen, daß es dabei von äußerster Wichtigkeit ist, diese Regungen soviel als möglich von allem persönlichen Interesse frei zu erhalten. Fern bleibe vor allem jede Eitelkeit, jeder Wetteifer, jede Ruhmsucht, jedes Gefühl, welches uns antreibt, uns mit anderen zu vergleichen. Denn solche Vergleichungen lassen sich nicht anstellen, ohne daß sich in uns ein gewisses Gefühl des Hasses gegen diejenigen festsetzt, welche uns den Vorrang streitig machen, und wäre es auch nur nach unserer eigenen einseitigen Schätzung. Dann bleibt einem nur die Wahl, sich blind zu stellen oder sich zu erzürnen, schlecht zu sein oder albern. Geben wir uns Mühe, dieser Alternative aus dem Wege zu gehen. Freilich kann man mir den Einwurf machen, daß diese so gefährlichen Leidenschaften aller unsere Gegenbemühungen ungeachtet doch früher oder später zum Vorschein kommen werden. Ich leugne es nicht. Jedes Ding hat seine Zeit und seinen Ort; ich stelle nur den Satz auf, daß man zu ihrer Entstehung nicht hilfreiche Hand bieten dürfe.

Darin spricht sich der Geist der Methode aus, deren Beobachtung man sich zur Pflicht machen sollte. Beispiele und Einzelheiten sind hierbei überflüssig, weil hier die Charaktere nach den verschiedensten Richtungen auseinanderzugehen beginnen, und weil jedes Beispiel, welches ich anführen könnte, vielleicht nicht auf einen unter Hunderttausend passen würde. In diesem Alter ist es deshalb auch, wo für den geschickten Lehrer die eigentliche Aufgabe des Beobachters und Philosophen anfängt, der die Kunst versteht, die Herzen zu erforschen, indem er an ihrer Bildung arbeitet. Solange der junge Mann noch nicht daran denkt, sich zu verstellen, und es noch nicht gelernt hat, kann man bei jedem Gegenstande, den man ihm zeigt, an seinen Mienen, seinen Blicken, seinen Gebärden sofort den Eindruck erkennen, welchen derselbe auf ihn ausübt. Man vermag auf seinem Antlitz alle Regungen seiner Seele zu lesen. Durch aufmerksame Beobachtung derselben bringt man es dahin, sie vorauszusehen, und endlich, sie zu leiten.

Man wird fast überall wahrnehmen, daß Blut, Wunden, Klagegeschrei, Seufzer, Vorbereitungen zu schmerzhaften Operationen, und überhaupt alles, was unsere Sinne als Gegenstände des Leidens erkennen lassen, alle Menschen am schnellsten und am allgemeinsten ergreift. Die Idee der Vernichtung erschüttert uns, da sie zusammengesetzter ist, nicht in gleich hohem Grade. Das Bild des Todes macht erst später Eindruck auf uns und berührt uns schwächer, weil noch niemand die Schrecken des Todes an sich selbst erfahren hat. Man muß Leichname gesehen haben, um die Angst mit dem Tode Ringender nachempfinden zu können. Hat sich dies Bild jedoch erst einmal in unserem Geiste festgesetzt, dann gibt es auch für unsere Augen kein gräßlicheres Schauspiel, sei es nun wegen der Idee völliger Vernichtung, die sich uns durch die Vermittlung unserer Sinne überwältigend aufdrängt, oder weil wir uns bewußt sind, daß dieser Augenblick für alle Menschen unvermeidlich ist, und wir uns von einem Zustande, von dem es feststeht, daß wir ihm nicht entgehen können, lebhafter ergriffen fühlen.

Diese verschiedenen Grade haben ihre Modifikationen und Abstufungen, welche von dem besonderen Charakter und den früheren Gewohnheiten jedes einzelnen abhängen. Aber sie finden sich allgemein und niemand ist von ihnen völlig frei. Es kommen freilich auch erst später auftretende und weniger allgemein verbreitete vor, welche mehr den gefühlvollen Seelen eigen sind. Sie haben ihre Quelle in moralischen Leiden, in innerem Schmerze, in Kummer, Gram und Trauer. Es gibt Menschen, auf die nur lautes Klagegeschrei und Tränen Eindruck hervorbringen. Niemals hat ihnen ein fortwährendes geheimes Seufzen eines von Kummer überwältigten Herzens ebenfalls einen Seufzer zu entlocken vermocht, niemals hat der Anblick einer gebeugten Haltung, eines abgehärmten und bleichen Gesichts, eines erloschenen Auges, in welchem die Tränen längst versiecht sind, ihre Augen mit Tränen gefüllt. Für sie bedeuten Seelenleiden nichts. Über diese haben sie sich ein für allemal ein Urteil gebildet, wie es sich von solchen erwarten läßt, deren Seele völlig gefühllos ist. Rechnet bei ihnen nur auf unbeugsame Strenge, Härte und Grausamkeit. Sie können wohl unbescholten und gerecht sein, nie aber gütig, edelmütig und mitleidig. Ich sage, sie können möglicherweise gerecht sein, wenn ein erbarmungsloser Mensch es überhaupt zu sein vermag.

Hütet euch jedoch, euch durch diese Regel zu einem übereilten Urteil über junge Leute, namentlich über solche hinreißen zu lassen, die infolge einer richtigen Erziehung, bei welcher man alle moralischen Leiden von ihnen ferngehalten hat, keinen Begriff von denselben haben; denn, noch einmal, sie können nur über die Leiden, welche sie kennen, Bedauern empfinden, und diese scheinbare Gefühllosigkeit, welche ihren Grund nur in ihrer Unwissenheit hat, verwandelt sich bald in Rührung, sobald sie zu fühlen anfangen, daß es im menschlichen Leben tausenderlei Schmerzen gibt, die sie nicht kennen. Was meinen Emil anlangt, so halte ich mich für überzeugt, daß es ihm, wenn er als Kind Einfalt und ein richtiges Urteil besaß, als Jüngling nicht an Seele und Gefühl fehlen wird, denn die Wahrheit der Gefühle beruht in hohem Grad auf der Richtigkeit der Begriffe.

Aber weshalb hier erst noch daran erinnern? Ohne Zweifel wird mir mehr als ein Leser den Vorwurf machen, ich wäre meiner früheren Absichten und des beständigen Glückes, welches ich meinem Zögling verheißen hatte, nicht eingedenk geblieben. Unglückliche, im Sterben Liegende, Bilder des Schmerzens und des Elends, welch ein Glück, welch ein Genuß für ein junges Herz, das eben erst zum Leben erwacht! Sein alles nur von der trüben Seite anschauender Erzieher läßt ihn, obgleich er ihm eine so angenehme Erziehung in Aussicht stellte, nur zum Leiden aufwachsen. Dergleichen Urteile wird man sicherlich fällen. Das soll mich jedoch wenig kümmern. Ich habe verheißen, ihn glücklich zu machen, nicht aber es mir zur Aufgabe gestellt, ihn nur zu einem scheinbaren Glück zu bringen. Liegt die Schuld etwa an mir, wenn ihr euch stets vom Schein betrügen laßt und denselben für Wirklichkeit haltet?

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