Zeuge

Zeuge (9.7.2011)

Die grenzenlose Anmaßung des „Du“.
Darf ich dich duzen? Du bist stets
um mich.
Der erschütternde Abgrund der Skepsis: „Einheit“?!
Verschwimmen wir? Ab und zu kann ich uns nicht
unterscheiden. Die Existenz des Sandkorns.
Die Gemeinheit der Trennung.
So vertraut fremd,
im Regentanz undenkbarer Antworten
auf absurde Fragen: Das Fest des Blödsinns und
die Notwendigkeit des Bleistifts.
Aber du bist da. Das reicht.
Muss reichen.

Deine Schrankenlosigkeit
und die Unmöglichkeit des Ankerswurfs.
Endlich einmal nicht können und nicht können müssen.
Deine unanfechtbare, tatsächliche Schönheit
die uns staunend vereinnahmt, ganz dein. Das Los des Gefangenen.
Alle hinfälligen, unwürdigen Gotteskonzepte,
und die schattenhafte Scham unserer kläglichen Konstrukte,
der verzweifelte Versuch, dir
gerecht zu werden.

Mit Narrenmützen im Schwindeln und Tanzen,
Verrenken und Verdenken im Karneval: Der Fluch des Spiegels.
Irgendwann sinken wir doch,
zu dir, der Allgegenwärtigen. Das Versprechen des Bachgemurmels
und die Hymnen, die wir anstimmen:
wir, die Trompeten deines alldurchfließenden Atems.

Ich bin bei dir,
in andächtiger Ohnmacht und duze dich im Flüsterton
ergeben und zärtlich, ohne zu benennen.
Denn dir wurde ein Name verliehen,
der dir nicht gerecht wird.
Das vermag kein Name.

Deine reine Sprache,
wie sie lockt und zwingt, sie schenkt das Hören.
Ohne Verdacht. Ohne Absicht. Ohne Grenzen.
Deine ursprüngliche nackte Schönheit
und die eingeschneite Ruhe im erfüllten Schweigen
deiner Anwesenheit.
Ich lausche und bleibe:
Ich bin durch deine Zeugenschaft
Zeuge meiner selbst geworden.

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