Vorwort zu: Molière – Der Menschenfeind

Warum schmerzt viele Filmrezipienten der Tod eines treuen Schäferhunds mehr als der Tod jedes beliebigen anderen Menschen im selben Film? Chris Rock, seines Zeichens erfolgreicher Comedian und sog. „Schauspieler“ wies m.E. zurecht darauf hin, dass viele selbst beim Spaziergang durch die Stadt spontan eher Mitgefühl für den Hund, als für den daneben sitzenden Obdachlosen empfinden. Aber das geht vielleicht nur wenigen so.

Ach, die misanthropischen Momente, die mich stets begleiten, wenn ich zu lange unter sogenannten Menschen bin… die mich immerfort anspringen, wenn der Gegenüber das Erbe der Aufklärung mit Füßen tritt und erzählt, wie es sich so lebt im Menschenzoo. Albtraumhafte Anekdoten aberwitzig-absurder Allgemeinheit. Ist das schon bodenlos weltabgewandte Arroganz und Überheblichkeit oder ungenießbare Trauer? Nimmt man sich generell zu wichtig, ist es das überhaupt wert? Wo beginnt Gleichmut, wo Gleichgültigkeit, sind die beiden über Ecken verwandt? Wenn hier Determinismus herrscht, dann ist’s sinnlos, verfehlt, Zeitverschwendung. Aber dennoch und trotzdem: Keine Toleranz für Intoleranz und „keinen Applaus für Scheiße“, wie ich es unlängst auf einem halb verwitterten Aufkleber gelesen habe, der an einer defekten Straßenlaterne klebte. Homo homini lupus est und wer außer dem ewig toleranten, ewig duldsamen, ewig selbstvergessen, nächstenliebenden Gutmenschen wollte widersprechen, es sei denn, er begriffe die Menge eher als Schafherde denn als Wolf – und hier müsste man nun das Verhältnis klären, ob es gar familiäre Banden gibt, denn selbst die Schafe spielen hier und da ganz ungeniert den Wolf, aber dazu wann anders, insbesondere in den noch ausstehenden Artikeln zu Gustave Le Bon und José Ortega y Gasset.

Aber moment, da muss ich kurz husten, mich distanzierend räuspern und vorgeben, dass in der heutigen Gesellschaft Misanthropen doch nun wirklich nichts mehr zu suchen hätten, dass ich das gar nicht so meinte, dass der Mensch schließlich verzeihliche Fehler beginge, wer wollte ihm das ankreiden, wer wollte da richten, gar den ersten Stein werfen, wir sind doch alle Menschen und Menschen machen Fehler, oder? Sehen wir unserem Spiegelbild in die Augen: Lieben wir nicht den Menschen? Nun, gerade der Misanthrop liebt den Menschen, er kann nur Leute nicht ausstehen. Ist er denn weltfremd? Oder ist er vielmehr der Verlassene, der Enttäuschte, der beleidigte kleine Junge, der kein Eis bekommen hat? Stellt er sich an und ins Abseits? Lebt er nach seiner Flucht aus der Gesellschaftsmitte nun im Elfenbeinturm, fernab von den realen Menschen? Nun, das gilt es zu entscheiden. Allgemeiner gefragt: Was fällt ihm ein, dem Menschenfeind, was hat er denn? Gerade raus: Prinzipien und Ideale. Und das stößt doppelt auf, das wird nicht gern genommen. Als ob der Durchschnittsmensch nicht brav und pflichtbewusst, verantwortungsvoll und mitfühlend sei. Als ob er nicht stets ethische Erwägungen in seinem Bewusstsein wälzte, den Gegenüber nicht stets so behandelte, wie er selbst gern behandelt werden würde. Als ob es ihm gleichgültig wäre. ALS OB!

Denn man wird entgegnen: Der Misanthrop, der Zyniker, der Idealist – all diese Herrschaften sind arrogante, hochmütige, vorsintflutliche Menschen, die noch nicht zu den Übrigen gefallen sind – so nach dem Motto: „Der lernt’s auch noch“, willkommen in der grauen Scheiße, im Mittelmaßkäfig, dem gewöhnlichen Schon-immer! Goethe (oder je nach Quelle: Mörike, bzw. Cromwell) schrieb: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“ Tss, der Goethe. Der schrieb ja auch Folgendes: „Kein Mensch will etwas werden, ein jeder will schon was sein.“ Oder: „Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter. Wer sie aber behandelt, wie sie sein könnten, macht sie besser.“ –

Aber zu diesem Exkurs wann anders, zurück zu Molière. Molière ist einer meiner Lieblingsautoren, bzw. in meinen Augen einer der bedeutendsten Dramatiker überhaupt. Dabei soll gar nicht verschwiegen werden, dass meine Verehrung mitunter nicht nur aus dem Genuss am Stil und den Erzählungen als solchen resultiert, sondern vor allem in der Tatsache begründet liegt, dass er – vor allem im „Menschenfeind“ – vieles ausdrückt, was ich in der gleichen Weise denke und empfinde, sei das nun gut oder bedenklich. Ob ich hier noch weitere Ausschnitte aus den bereits gelesenen Dramen „Don Juan“, „Tartuffe“, „der eingebildete Kranke“, „der Geizige“ und „die Schule der Frauen“ aufführe, weiß ich noch nicht, aber soviel sei gesagt: „Der Menschenfeind“ ist bei weitem mein Lieblingsstück von Molière, und im folgenden Artikel nun also die Passagen.

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