Molière – Der Menschenfeind (1. Aufzug, 1. Auftritt)

Molière

Molière

Die folgenden Auszüge sind der Reclam-Ausgabe (1993/2007) entnommen, die es hier zu erwerben gibt. Zur Einführung nur das Wesentliche: Der Misanthrop (oder: der griesgrämige Verliebte) Alceste ist verstimmt. Zum einen, weil sich die junge Frau, die er trotz seines Menschenhasses liebt, nicht so verhält, wie er es wünscht und zum anderen… nun, das lassen wir ihn am besten selbst erklären (1. Aufzug, 1. Auftritt):

„Philinte: Ihr Mißmut ist mir unbegreiflich und
Ich muß schon sagen, auch wenn ich ihr Freund …

Alceste (steht heftig auf):
Ich und ihr Freund? Das sollten Sie vergessen.
Ich habe mich bisher zwar so genannt,
Doch jetzt, da ich Sie so erleben mußte,
Erkläre ich, daß ich es nicht mehr bin
Und keinen Platz in falschen Herzen wünsche.

Philinte: Demnach hab ich mich also schwer verfehlt?

Alceste: Sie müßten eigentlich vor Scham versinken;
Solch ein Verhalten läßt sich nicht verzeihen
Und ist für jeden Ehrenmann empörend.
Ich sehe, wie Sie einen Mann umschmeicheln,
Ihm auch die letzte Freundlichkeit erweisen,
Ihn mit Beteuerungen, Anerbieten,
Und Schwüren stürmisch in die Arme schließen;
Und als ich Sie dann frage, wer er sei,
Da können Sie mir kaum den Namen nennen;
Sie trennen sich, schon sind Sie abgekühlt,
Und tun vor mir, als ging er Sie nichts an.
Verflucht! Wer so sein Innerstes verrät,
Ist ehrlos, feig, gemein und kriecherisch;
Hätt ich so unglückselig mich verhalten,
Ich würde mich vor Gram schnurstracks erhängen.

Philinte: Ich meine, das verdient nicht gleich den Strick,
Und bitte Sie, es freundlich hinzunehmen,
Daß ich Ihr Urteil in Begnadigung wandle
Und, wenn es recht ist, mich nicht gleich erhänge.

Alceste: Die Witzelei ist reichlich abgeschmackt!

Philinte: Im Ernst, was wollen Sie, was soll man tun?

Alceste: Aufrichtig sein! Ein Mann von Ehre soll
Kein Wort, das nicht von Herzen kommt, verlieren.

Philinte: Wenn jemand herzlich Sie umarmen möchte,
Muß man ihn doch mit gleicher Münze zahlen,
So gut man kann den Überschwang erwidern
Und Freundlichkeit mit Freundlichkeit vergelten.

Alceste: Nein, ich kann diese Laschheit nicht ertragen,
Die Mode ist bei Ihren feinen Leuten;
Nichts ist mir so verhaßt wie dies Getue
Von denen, die gern große Reden schwingen,
Die leichtfertig Umarmungen verteilen,
Die so verbindlich Überflüssiges schwatzen,
Die Höflichkeit zu einem Wettkampf machen
Und Redllichen und Gecken gleich begegnen.
Was soll mir eines Menschen Schmeichelei,
Der Freundschaft, Treue, Achtung, Neigung schwört,
In höchsten Tönen mir ein Loblied singt
Und dann beim ersten Schuft dasselbe tut?
Nein, nein, wer eine feine Seele hat
Will keine Achtung, die verschleudert wird;
Wertschätzung ist ein billiger Genuß,
Wenn alle Welt sie mit uns teilen kann.
Achtung muß sich auf einen Vorzug gründen;
Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen.
Da Sie dem Laster dieser Zeit auch frönen,
Sind wir, verdammt nochmal, geschiedene Leute.
Die Liebedienerei ist mir zuwider,
Die sich nicht kümmert um Verdienst; ich will
In meinem Wert erkannt sein, kurz und gut,
Der Menschenfreund ist wahrlich nicht mein Fall.

Philinte: Aber als Mann von Welt muß man doch auch
Die äußeren Umgangsformen wahren können.

Alceste: Nein sag ich, dieses üble Tauschgeschäft
Mit falscher Freundschaft muß gegeißelt werden.
Mensch soll man sein, und wenn man sich begegnet
Den tiefsten Grund der Seele offenbaren.
Nur sie soll sprechen, und Gefühle sollen
Sich nie verstecken hinter leeren Floskeln.

Philinte: Bei manchem Anlaß kann die Offenheit
Auch komisch wirken und nicht statthaft sein.
Manchmal – mög es Ihr strenger Ehrbegriff
Verzeihn – darf man sein Herz nicht offen zeigen.
Wär es denn angebracht und schicklich, jedem
Alles zu sagen, was man von ihm denkt?
Der, den ich hasse und der mir mißfällt,
Soll er erfahren, wie die Dinge stehen?

Alceste: Ja.

Philinte: Wie! Sie würden zu Emilie sagen,
In ihrem Alter sei es ein Skandal,
Kokett zu sein und sich so grell zu schminken?

Alceste: Gewiß.

Philinte: Und zu Dorilas, er sei lästig
Und liege jederman bei Hof im Ohr
Mit seinen Ahnen, seinen Ruhmestaten.

Alceste: Genau.

Philinte: Sie spotten.

Alceste: Nein, ich spotte nicht,
Und will in diesem Punkte keinen schonen.
Mein Blick ist zu verstört. Was Hof und Stadt
Treiben, läßt mir die Galle überlaufen.
Mich überkommt Verzweifelung, tiefer Kummer,
Seh ich, wie Menschen umgehn miteinander.
Ich finde nichts als feige Schmeichelei,
Unrecht, Verrat, Gemeinheit, Eigennutz.
Ich halt’s nicht aus und möcht in meiner Wut
Am liebsten losgehn auf die ganze Menschheit.

Philinte: Ihr Weltschmerz klingt ein wenig ungehobelt.
Ich muß fast lachen über Ihren Zorn
Und seh uns wie die Brüder aus der Schule
Der Ehemänner, die mit gleicher Sorgfalt
Erzogen …

Alceste: Gott, wie fad ist der Vergleich.

Philinte: Wirklich, jetzt reicht es mit den dummen Scherzen!
Ihr Eifer wird die Welt gewiß nicht ändern;
Und da Sie Offenheit so reizvoll finden,
Sag ich ganz offen, daß Sie diese Krankheit,
Wo Sie auch sind, zum Komödianten macht,
Und daß Ihr Wüten gegen heutige Sitten
Den meisten Menschen lächerlich erscheint.

Alceste: Sehr gut! Verdammt! Sehr gut! Das will ich ja.
Das ist ein gutes Zeichen, und es freut mich;
Die Menschen sind mir so verhaßt, daß ich
Mich ärgern würde, fänden sie mich weise.

Philinte: Ist denn die menschliche Natur so schlecht!

Alceste: Ja, und sie flößt mir großen Abscheu ein.

Philinte: Soll sich Ihr Widerwille ausnahmslos
Auf alle die armen Sterblichen erstrecken?
Schließlich sind doch in unserem Jahrhundert …

Alceste: Nein, er gilt jedem, und ich hasse alle;
Die einen, weil sie bös und tückisch sind,
Die andern, weil sie diesen Bösen schöntun
Und nicht den Haß verspüren, den Verderbtheit
In einer reinen Seele wecken muß.
Bei diesem Schuft, mit dem ich prozessiere,
Sieht man, wohin dies Schöntun führen kann.
Trotz Maske ist der Heuchler zu erkennen,
Und jeder weiß, wozu er fähig ist.
Sein Augenaufschlag und sein sanfter Ton
Können nur Leute täuschen, die hier fremd sind.
Man weiß, daß sich der Trampel – hängen soll er –
Mit üblen Tricks in die Gesellschaft drängte,
Wodurch sein Aufstieg, glanzvoll wie er ist,
Tüchtige zornig, Brave schamrot macht.
Mit welchem Schimpfwort man ihn auch belegt,
Kein Mensch tritt ein für seine lumpige Ehre.
Man kann ihn Strolch, Betrüger, Gauner nennen,
Jeder stimmt zu und keiner widerspricht.
Dennoch ist seine Fratze gern gesehn;
Man lädt ihn ein, man lacht ihm zu, er schmeichelt;
Gilt es, sich durch Intrigen hochzudienen,
Muß ihm der Tüchtigste noch unterliegen.
Zum Teufel auch! Es macht mich sterbenskrank,
Daß man so schonend mit dem Laster umgeht,
Und manchmal packt mich plötzlich eine Regung,
In Einsamkeit zu fliehn, weit weg von Menschen.

Philinte: Mein Gott, was soll der Kummer um die Sitten!
Betrachten wir die menschliche Natur
Mit Nachsicht und nicht mit der größten Strenge.
Wir sollten ihre mängel gütig sehn,
Die Tugend muß verstehn sich anzupassen:
Wer immer recht hat, setzt sich leicht ins Unrecht.
Vollkommene Vernunft ist nie extrem;
Sie will, daß man mit Maßen weise sei.
Die große Tugendstrenge alter Zeiten
Ist unsern heutigen Sitten allzu fremd,
Verlangt untadelige Menschen, wo es
Doch gilt, sich ohne Trotz der Zeit zu fügen;
Und es ist eine Narrheit sondergleichen,
Sich einzumischen, um die Welt zu bessern.
Ich seh wie Sie tagtäglich hundert Dinge,
Die besser wären, wenn sie anders liefen;
Doch was sich mir auf Schritt und Tritt auch zeigt,
Ich brause deshalb nicht gleich auf wie Sie,
Ich nehm die Menschen, wie sie sind, gelassen,
Gewöhne mich zu dulden, was sie tun;
Mir scheint bei Hof und in der Stadt mein Phlegma
So philosophisch wie Ihr galliges Wesen.

Alceste: Das Phlegma, das so trefflich räsonniert,
Kann sich das Phlegma denn für nichts ereifern?
Wenn Sie, ganz zufällig, ein Freund verriete,
Man Sie mit List um Ihr Vermögen brächtem
Gerüchte über Sie in Umlauf setzte,
Nähmen Sie das auch ganz gelassen hin?

Philinte: Ja, denn die Fehler, die Sie so verbittern,
Sind nun mal Teil der menschlichen Natur;
Der Anblick eines eigennützigen, schlechten
Menschen beleidigt meinen Geist nicht mehr,
Als wenn ich beutegierige Geier sehe,
Boshafte Affen und tollwütige Wölfe.

Alceste: Verraten und verleumdet und bestohlen
Soll ich mich nicht … Verflucht! Ich red nicht weiter,
dieser Gedanke ist doch unerhört.

Philinte:
Weiß Gott, es wird schon gut sein, wenn Sie schweigen
Und Ihre Gegner weniger beschimpfen;
Kümmern Sie sich dafür um den Prozeß.

Alceste: Ich will mich nicht drum kümmern, dabei bleibt es.

Philinte: Wer tritt dann bei den Richtern für Sie ein?

Alceste: Wer? Die Verunft, das Recht, die Billigkeit.

Philinte: Sie wollen vorher keinen Richter sprechen?

Alceste: Nein, meine Sache ist gerecht und klar.

Philinte: Dem stimm ich zu, doch üble Machenschaften
Sind …

Alceste: Ich tu keinen Schritt, entweder hab ich
Recht oder Unrecht.

Philinte: Traun Sie nicht darauf.

Alceste: Ich rühr mich nicht.

Philinte: Ihr Gegner ist geschickt
Und mit Beziehungen …

Alceste: Das schert mich nicht.

Philinte: Sie werden sich noch wundern.

Alceste: Geh’s, wie es will.

Philinte: Aber…

Alceste: Es macht mir Spaß zu unterliegen.

Philinte: Schließlich …

Alceste: Die ganze Richterei wird zeigen,
Ob diese Menschen wirklich so verkommen,
So schlecht, gemein und unverfroren sind,
Daß sie mir Unrecht tun vor aller Welt.

Philinte: Was für ein Mensch!

Alceste: Und kost‘ es, was es wolle,
Ich möcht verlieren, weil der Fall so schön wär.

Philinte: Im Ernst, Alceste, Sie würden ausgelacht,
Wenn jemand hören könnte, wie Sie reden.

Alceste: Solln sie halt lachen.

Philinte: Aber diese Geradheit,
Die Sie in allem strikt verlangen, diese
Rechtschaffenheit, darin Sie sich verschanzen,
Ist sie, da wo Sie lieben, auch erkennbar?
Ich wundre mich, daß Sie, obwohl sie scheinbar
Zerstritten mit der ganzen Menschheit sind,
Trotz allem Abscheu, doch in ihrer Mitte
Die fanden, die Ihr Auge so verzaubert.
Und was mich mehr noch überrascht ist diese
Seltsame Wahl, auf die Ihr Herz verfiel.
Die ehrliche Eliante ist Ihnen gut,
Die sittsame Arsinoé hat Sie gern:
Ihr Herz verschließt sich; doch in ihren Fesseln
Hält Célimène es tändelnd hin, und ihre
Koketterie und ihre Lästerzunge
Sind dabei ganz im Stil der heutigen Zeit.
Wie kommt es, wo Sie diesen tödlich hassen,
Daß Sie ihn bei der Schönen gern ertragen?
Macht so ein süßes Wesen ihn zur Tugend?
Verzeihn Sie alles? oder sehn Sie nichts?

Alceste: Nein, meine Liebe für die junge Witwe
Macht mich nicht einfach blind für ihre Fehler.
Ich bin, trotz meiner Leidenschaft für sie,
Der erste, der sie wahrnimmt und verurteilt.
Dennoch, so wie es steht und was ich tun mag,
Sie macht mich schwach, versteht, mir zu gefallen;
Ich werfe ihr umsonst die Fehler vor,
Ich muß, auch wenn mich das verdrießt, sie lieben;
Ihr Charme ist stärker! Aber meine Liebe
Wird sie befrein von allen Modesünden.

Philinte: Wenn Ihnen das gelingt, tun Sie nicht wenig.
Sie glauben sich demnach von ihr geliebt?

Alceste: Glaubt ich das nicht, würd ich sie gar nicht lieben.

Philinte: Doch wenn Sie dem Gefühl so sehr vertrauen,
Was ärgern Sie sich über die Rivalen?

Alceste: Ein heißes Herz verlangt, daß man allein
Ihm angehört; nur deshalb bin ich hier,
Um ihr von meiner Leidenschaft zu sprechen.

Philinte: Wenn ich zu wählen hätte, meine Wünsche
Gälten nur der Kusine Elliante.
Sie schätzt Sie und ist ehrlich und beständig;
Das wär die passendere Wahl für Sie.

Alceste: Ja, mein Verstand sagt mir das jeden Tag,
Doch der Verstand kann nicht nicht die Liebe lenken.“
(S. 5-12)

Weitere Passagen der Übersicht halber in einem weiteren Artikel.

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