Henrik Ibsen – Ein Volksfeind

Auszüge aus Ibsens grandiosem „Ein Volksfeind“ [1882], Reclam 1993/1999.

Zur Erläuterung des Kontextes: Doktor Tomas Stockmann macht in seiner Heimatgemeinde eine folgenschwere Entdeckung: Die wesentliche Geldquelle des Ortes, eine Kurbadanlage, wird durch giftige Absonderungen der Industrie verschmutzt und stellt somit eine erhebliche Gefährdung der Badegäste dar, die bereits seit Jahren diesen schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Doktor Stockmann gibt im Folgenden seine wissenschaftlich fundierten Ergebnisse einigen Privatpersonen und der Presse bekannt, die aus Sensationsgier und Abneigung gegenüber den Lenkern der Stadt (u.a. Stockmanns Bruder, der Amtsrat Peter Stockmann) zuerst Hilfe und Veröffentlichung der Ergebnisse zusagt, ja, diese Entdeckung geradezu als Aufklärung und Wohltat am Volke in den Himmel lobt. Das Blatt wendet sich jedoch, als das Ausmaß der ökonomischen Folgen bekannt wird: Die zu erwartenden Einbußen mehrerer Millionen durch Schließung des Kurbades führen letztendlich dazu, dass sich die gewinnorientierte Gemeinde gegen den anfänglich so bezeichneten Volksfreund Stockmann stellt, der in der Folge zum Volksfeind (gemacht) wird: Freunde distanzieren sich von ihm, die Presse weigert sich, die alamierenden Forschungsergebnisse zu publizieren und Stockmann erfährt von der breiten Mehrheit aufgrund seiner Absicht, die Ergebnisse dennoch veröffentlichen zu wollen, Anfeindungen, öffentliche Diskreditierung und Drohungen. Der folgende Dialog findet sich im vierten Akt: Doktor Stockmann hat zu einer Versammlung gerufen, um seine Erkenntnisse kundzutun. Da er bereits zu Beginn vom Pöbel niedergeschrien wird, der ihm verbietet, über das Kurbad zu sprechen, weicht er thematisch aus.

„Doktor Stockmann: Nun gut, meine Mitbürger, ich will mich nicht näher über unsere führenden Männer auslassen. Falls jemand aus dem, was ich eben gesagt habe, schließen sollte, daß ich diesen Herren heute abend an den Kragen will, so irrt er sich, und zwar gewaltig. Denn ich hege die schöne Hoffnung, daß diese Überreste, all diese Relikte einer dahinsterbenden Welt, daß die es ausgezeichnet allein schaffen, sich umzubringen; sie benötigen nicht die Hilfe eines Arztes, um ihren tödlichen Abgang zu beschleunigen. Und außerdem stellt gar nicht diese Art von Leuten die größte Gefahr für die Gesellschaft dar: sie sind es nicht, die die Quellen unseres geistigen Lebens so gründlich vergiften und den Grund und Boden unter uns verpesten; sie sind es nicht, die als die gefährlichsten Feinde unserer Gesellschaft am Werk sind.

Rufe von allen Seiten: Wer dann? Wer ist es? Heraus damit!

Doktor Stockmann: O ja, Sie können sich darauf verlassen, daß ich sie nennen werde! Denn das ist ja die große Entdeckung, die ich gestern gemacht habe. (Er hebt die Stimme.) Der größte Feind der Wahrheit und der Freiheit, das ist die geschlossene Mehrheit. Ja, diese verfluchte, geschlossene, liberale Mehrheit – die ist es! Jetzt wissen Sie’s.

(Gewaltiger Lärm im Saal. Die meisten schreien, trampeln und pfeifen. […])

Aslaksen: Der Diskussionsleiter erwartet, daß der Redner seine unbesonnenen Äußerungen zurücknimmt.

Doktor Stockmann: Um nichts in der Welt, Herr Aslaksen. Es ist die große Mehrheit in unserer Gesellschaft, die mich meiner Freiheit beraubt und die mir verbieten will, die Wahrheit auszusprechen.

Hovstad: Die Mehrheit hat immer das Recht auf ihrer Seite.

Billing: Und die Wahrheit auch; verdammt noch mal!

Doktor Stockmann: Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite, sage ich! Das ist eine dieser Gemeinschaftslügen, gegen die sich ein freier, denkender Mann zur Wehr setzen muß. Wer macht denn die Mehrzahl der Bewohner eines Landes aus? Sind das die klugen Leute oder die dummen? Ich denke, wir sind uns darin einig, daß die dummen Menschen überall auf der Welt in einer erschreckend großen Überzahl vorhanden sind. Aber, zum Teufel, es kann doch nie und nimmer richtig sein, daß die Dummen über die Klugen herrschen!

(Lärm und Rufe.)

Doktor Stockmann: Ja, ja, Sie können mich zwar überschreien, aber widerlegen können Sie mich nicht. Die Mehrheit hat die Macht – leider -, aber das Recht hat sie nicht. Das Recht liegt bei mir und wenigen anderen, bei den einzelnen. Recht hat immer die Minderheit.

(Erneut großer Lärm.)

Hovstad: Haha, Doktor Stockmann ist also seit vorgestern Aristokrat geworden!

Doktor Stockmann: Ich habe gesagt, daß ich kein Wort verlieren werde über den kleinen Haufen hühnerbrüstiger, kurzatmiger Leute, die schon außenbords hängen. Mit denen hat das pulsierende Leben nichts mehr zu schaffen. Ich denke an die wenigen, an die einzelnen unter uns, die sich den jungen, aufschießenden Wahrheiten verschrieben haben. Diese Männer stehen gleichsam auf dem Vorposten; so weit voraus, daß die geschlossene Mehrheit noch nicht bis dorthin vorgedrungen ist – und da kämpfen sie für Wahrheiten, die noch viel zu neu sind in der Gedankenwelt, als daß sie schon eine Mehrheit für sich haben könnten.

Hovstad: Aha, dann ist der Doktor also Revolutionär geworden!

Doktor Stockmann: Ja, verdammt noch mal, dann bin ich das, Herr Hovstad! Ich will eine Revolution anzetteln gegen die lüge, daß die Mehrheit die Wahrheit für sich gepachtet hat. Was für Wahrheiten sind denn das, um die die Mehrheit sich üblicherweise versammelt? Diese Wahrheiten sind schon so betagt, daß sie ganz altersschwach und klapprig geworden sind. Aber wenn eine Wahrheit alt geworden ist, dann ist sie auf dem besten Wege, eine Lüge zu werden, meine Herren.

(Lachen und Hohnäußerungen.)

Doktor Stockmann: Ja, ja, sie können mir ruhig glauben, die Wahrheiten sind nun mal nicht solche zählebigen Methusalems, wie das Volk sich einbildet. Eine normal veranlagte Wahrheit lebt – in der Regel – schätzungsweise siebzehn bis achtzehn, höchstens zwanzig Jahre, selten länger. Und solche vom Alter gezeichneten Wahrheiten sind dann schon immer schrecklich dürr. Und trotzdem ist erst dann der Zeitpunkt gekommen, an dem die Mehrheit etwas mit ihnen anzufangen weiß und sie der Gesellschaft als gesunde, geistige Nahrung empfiehlt. Aber ich versichere Ihnen, in solcher Art Kost ist kein großer Nährwert, und ich als Arzt muß das ja wissen. Alle diese Mehrheitswahrheiten ähnelnd ein Jahr altem Räucherfleisch, sie sind wie ranziger, verdorbener, grünschimmliger Schinken. Und aus ihnen resultiert der ganze moralische Skorbut, der in der Gesellschaft grassiert.

Aslaksen: Es scheint mir, als wenn der verehrte Redner weit vom Thema abschweift.

Amtsrat: Ich muß im wesentlichen der Meinung des Diskussionsleuters beipflichten.

Doktor Stockmann: Bist du verrückt, Peter? Ich halte mich so eng wie möglich an das Thema! Denn das, worüber ich sprechen will, ist ja gerade die Tatsache, daß die Masse, die Mehrzahl, diese verdammte geschlossene Mehrheit – daß die es ist, die, wie gesagt, die Quellen unseres geistigen Lebens vergiftet und den Grund und Boden unter uns verseucht.

Hovstad: Und das macht die freie, denkende Mehrheit der Bevölkerung nur, weil sie besonnen genug ist, ausschließlich die sicheren und bekannten Wahrheiten zu verehren?

Doktor Stockmann: Ach, mein lieber Hovstad, reden Sie doch nicht von sicheren Wahrheiten! Die Wahrheiten, die die Masse, die große Menge anerkennt, das sind Wahrheiten, die die Kämpfer auf den Vorposten zu Zeiten der Großeltern als sicher angesehen haben. Wir Vorpostenkämpfer, die wir heute leben, erkennen sie nicht länger an und ich glaube auch nicht, daß es eine andere sichere Wahrheit gibt als die, daß keine Gemeinschaft ein gesundes Leben auf der Grundlage von alten, kraftlosen Wahrheiten führen kann.“ (S. 84-87)

„Doktor Stockmann: Diese Art gemeines Volk, von der ich rede, ist nicht nur ganz unten zu finden, das wimmelt und drängt sich um uns herum – bis hinauf in die Spitzen der Gesellschaft. Schaut euch nur euren eigenen, schönen, schmucken Amtsrat an! Mein Bruder Peter ist ein gewöhnlicher Mann, par excellence … (Lachen und Zischen.)

Amtsrat: Ich verbitte mir derartige persönliche Bemerkungen.

Doktor Stockmann (unbeirrt): … und das ist er nicht, weil er – wie ich – von einem alten, schrecklichen Seeräuber unten aus Pommern oder der Gegend da abstammt, das tun wir nämlich ….

Amtsrat: Ammenmärchen. Das stimmt doch nicht!

Doktor Stockmann: … sondern, weil er die Gedanken seiner Vorgesetzten denkt und die Meinung seiner Vorgesetzten vertritt. Leute, die das tun, sind die im Denken gewöhnlichen Leute; sehen Sie, deshalb ist mein stattlicher Bruder Peter im Grunde genommen so furchtbar wenig vornehm – und folglich auch so wenig frei in seinem Denken.

Amtsrat: Herr Diskussionsleiter …!

Hovstad: Es sind also die Vornehmen, die hierzulande frei denken? Das ist ja eine ganz neue Erkenntnis.

(Lachen in der Versammlung.)

Doktor Stockmann: Ja, das gehört auch zu meiner Entdeckung. Und außerdem gehört dazu, daß freies Denken und Moral fast dasselbe sind. Und deshalb sage ich, es ist einfach unverantwortlich vom ‚Volksboten‘, wenn er tagein, tagaus die Irrlehre verkündet, daß es die Masse ist, die geschlossene Mehrheit, die das freie Denken und die Moral auf ihrer Seite hat – wohingegen Laster und Verderben und sonstige Schweinereien aus der Kultur sickern, so wie all die Verschmutzungen von den Gerbereien oben im Molletal ins Kurbad sickern.

(Lärm und Unterbrechungen.)

Doktor Stockmann (unbeirrt, lacht vor lauter Eifer): Und dennoch kann derselbe ‚Volksbote‘ auch predigen, daß die Massen bessere Lebensbedingungen erhalten sollen – ja, zum Teufel, wenn die Lehre des ‚Volksboten‘ richtig wäre, würde die Masse durch diese Verbesserung doch geradewegs ins Verderben geführt! Aber glücklicherweise ist es nur eine alte vererbte Volkslüge, daß Kultur demoralisiert. Nein, Verdummung, Armut und schlechte Lebensbedingungen begünstigen das Geschäft des Teufels! In einem Haus, das nicht jeden Tag gelüftet und gefegt wird – meine Frau Katrine besteht darauf, daß der Boden auch gewischt werden muß, aber darüber läßt sich streiten – nun, in so einem Haus, meine ich, verlieren die Leute nach zwei, drei Jahren die Fähigkeit, moralisch zu denken und zu handeln. Mangel an Sauerstoff schwächt das Gewissen. Und hier in der Stadt herrscht anscheinend in vielen, vielen Häusern ein großer Mangel an Sauerstoff, wenn die geschlossene Mehrheit so gewissenlos ist, das Wachstum der Stadt auf einem Morast von Lügen und Betrug zu gründen“. (S. 91/92)

— Und zuletzt ein Auszug aus dem fünften Akt: Doktor Tomas Stockmann im Gespräch mit seinem Bruder Peter Stockmann, dem Amtsrat und Führer der Stadt, der die Bürger samt Presse gegen seinen Bruder aufgehetzt hat, bzw. dessen ökonomischen Motive die geschlossene Mehrheit überzeugt haben. —

„Amtsrat: Wenn ich dir einen Rat geben darf, so solltest du für eine Weile von hier fortgehen …

Doktor Stockmann: Ja, ich habe auch schon daran gedacht fortzuziehen.

Amtsrat: Gut. Und wenn du ein halbes Jahr Zeit gehabt hast, dich zu besinnen, und du dich nach reifer Überlegung zu ein paar bedauernden Worten bequemen kannst, mit denen du deinen Irrtum eingestehst …

Doktor Stockmann: Dann könnte ich vielleicht meinen Posten wieder bekommen, meinst du?

Amtsrat: Vielleicht, es wäre nicht ganz unmöglich.

Doktor Stockmann: Ja, aber die öffentliche Meinung? Ihr könnt doch wegen der öffentlichen Meinung nicht.

Amtsrat: Die öffentliche Meinung ist äußerst wechselhaft. Und offen gesagt, es wäre für uns von großer Bedeutung, ein solches Eingeständnis von dir zu bekommen.

Doktor Stockmann: Ja, danach leckt ihr euch alle zehn Finger, was? Aber, zum Teufel, du weißt doch wohl noch, was ich dir vorher über solche Ränkespiele gesagt habe!

Amtsrat: Damals sah die Situation aber ganz anders aus, da dachtest du, du hättest die ganze Stadt auf deiner Seite …

Doktor Stockmann: Ja, und nun merke ich, daß ich die ganze Stadt im Nacken habe … (Er braust auf.) Aber selbst, wenn ich den Teufel und seine Großmutter im Nacken hätte …! Niemals, niemals, sage ich!

Amtsrat: Ein Familienvater darf nicht so handeln wie du. Das darfst du nicht, Tomas.

Doktor Stockmann: Darf ich nicht! Es gibt nur eine einzige Sache auf der Welt, die ein freier Mann nicht darf, und weißt du, was das ist?

Amtsrat: Nein.

Doktor Stockmann: Natürlich nicht, aber ich werde es dir erzählen. Ein freier Mann darf sich nicht wie ein Lump besudeln; er darf sich nicht so verhalten, daß er sich selbst anspucken müßte!

(S. 106)

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