Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen [2 – Verstecken durch Zeigen]

Weiter im Text:

„Jetzt möchte ich zu etwas weniger Offensichtlichem übergehen und  darlegen, wie das Fernsehen paradoxerweise verstecken kann, indem  es zeigt, etwas anderes zeigt, als es zeigen müsste, wenn es täte,  was angeblich tut, nämlich informieren; oder auch, indem es zeigt,  was gezeigt werden muß, aber so daß man es nicht zeigt oder  bedeutungslos macht oder so konstruiert, daß es einen Sinn  annimmt, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.“ (S. 24)

„Die Journalisten tragen eine spezielle ‚Brille‘, mit der sie  bestimmte Dinge sehen, andere nicht, und mit der sie die Dinge,  die sie sehen, auf bestimmte Weise sehen. Sie treffen eine  Auswahl, und aus dem, was sie ausgewählt haben, errichten sie ein  Konstrukt.“ (S. 25)

„Das Auswahlprinzip ist die Suche nach dem Sensationellen, dem  Spektakulären. Das Fernsehen verlangt die Dramatisierung, und zwar  im doppelten Sinn: Es setzt ein Ereignis in Bilder um, und es  übertreibt seine Bedeutung, seinen Stellenwert, seinen  dramatischen, tragischen Charakter. An den Vorstädten sind die  Aufruhrszenen von Interesse. Aufruhr: welch vielsagendes Wort … (Mit den Worten geschieht dasselbe. Mit Alltagswörtern verblüfft  man weder den ‚Bourgeois‘ noch das ‚Volk‘. Die Wörter müssen schon  etwas Besonderes haben. […] Und Benennungen können unheilvolle  Verwirrung stiften: Islam, islamisch, islamistisch – ist der  Schleier nun islamisch oder islamistisch? Und wenn es sich einfach  um ein Tuch handelte, mehr nicht? Manchmal habe ich Lust, jedes Wort der Sprecher in Frage zu stellen, so oft sie reden sie  leichtfertig daher, ohne sich im mindesten über Problematik und  Bedeutung ihrer Formulierungen im klaren zu sein und über die  Verantwortung, die sie übernehmen, wenn sie sich vor Tausenden von  Zuschauern äußern, ohne zu verstehen, was sie sagen, und ohne zu  verstehen, daß sie es nicht verstehen. Denn solche Wörter bringen  etwas hervor, schaffen Phantasmen, Ängste, Phobien oder schlicht  falsche Vorstellungen).“ (S. 26f.)

„Die politischen Gefahren, die mit der üblichen Nutzung des  Fernsehens verbunden sind, kommen daher, daß es erzeugen kann, was  Literaturkritiker den effet du réel nennen, den  Wirklichkeitseffekt: Es kann zeigen und dadurch erreichen, daß man  glaubst, was man sieht. Diese Macht, etwas vor Augen zu führen,  hat mobilisierende Wirkungen. Sie kann Gedanken oder Vorstellungen  ins Leben rufen, aber auch Bevölkerungsgruppen konstituieren.“ (S.  27)

„Wenn man sich die naiv scheinende Frage stellt, wie die Leute  sich eigentlich informieren, deren Aufgabe darin besteht, uns zu  informieren, zeigt sich, daß sie grob gesagt, von anderen  Informanten informiert werden. Natürlich, es gibt die  Presseagenturen, offizielle Quelle (Minesterien, Polizei usw.),  mit denen die Journalisten auf komplexe Weise zusammenarbeiten  müssen, usw. Das Entscheidende aber an der Information, jene  Information über die Information nämlich, die zu entscheiden  ermöglicht, was wichtig, was übermittelnswert ist, kommt zum  großen Teil von anderen Informatoren. Und das führt zu einer Art  Nivellierung, einer Homogenisierung der Wichtigkeitshierarchien.“  (S. 34f.)

„In Redaktionsstuben, in Verlagshäusern, allerorten regiert  heutzutage die ‚Einschaltquotenmentalität‘. Überall ist Maßstab  der Verkaufserfolg. …Gegenwärtig dagegen gilt der Markt mehr und  mehr als legitime Legitimationsinstanz. Das zeigt eine andere neue  Einrichtung deutlich: die Bestsellerliste. …Über die  Einschaltquote schlägt die Logik des Kommerzes auf die  Kulturerzeugnisse durch. Man muß aber wissen, daß historisch  gesehen alle Kulturerzeugnisse, die ich jedenfalls schätze – ich  hoffe, ich bin nicht der einzige – und die auch noch manch anderer  zu den höchsten Errungenschaften der Menschheit zählen mag,  Mathematik, Poesie, Literatur, Philosophie -, daß all das gegen  das Äquivalent der Einschaltquote, gegen die Logik des Kommerzes  entstanden ist“. (S. 36f.)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Emergenz und Horizonte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.