Ludwig Büchner – Die Gottesidee

Im Folgenden ein weiterer Ausschnitt aus Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“ (1855) mit einigen erhellenden Passagen zur Gottesidee (mit Verweis auf Feuerbauch u.a.):

Die Gottesidee 

Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was du selbst darauf geschrieben.

Luther

In seinen Göttern malt sich der Mensch.

Schiller

 

Wenn es richtig ist, daß es keine angebornen Anschauungen gibt, so muß auch die Behauptung derjenigen unrichtig sein, welche annehmen, daß die sogenannte Gottesidee oder der Begriff eines höchsten persönlichen Wesens, welches die Welt erschaffen hat, regiert und erhält, etwas dem menschlichen Geiste von Natur Eingeborenes, Notwendiges und darum durch alle Vernunftgründe Unwiderlegliches sei. Es behaupten die Anhänger dieser Ansicht, es werde durch die Erfahrung gelehrt, daß es keine noch so rohen oder ungebildeten Völker oder Individuen gebe, bei denen die Gottesidee oder der Glaube an ein höchstes persönliches Wesen nicht vorgefunden werde. In der Tat aber lehrt uns eine genaue Kenntnis und unbefangene Beobachtung der Einzelnen wie der Völker in rohen und unentwickelten Bildungszuständen gerade das Gegenteil. Gewiß nur eine bereits befangene Meinung wird imstande sein, in den sogenannten Tierreligionen alter und neuer Völker etwas dem wahren Gottesglauben Analoges zu erkennen. Es entspricht keineswegs dem Begriffe einer Gottesidee, wenn wir die Menschen solchen Tieren eine besondere Verehrung erweisen sehen, welche ihnen erfahrungsmäßig Nutzen oder Schaden bringen; wenn der Ägypter die Kuh oder das Krokodil, wenn der Indianer die Klapperschlange, der Afrikaner die Kongoschlange anbetet usw. Den Negern auf Guinea ist ein Stein, ein Klotz, ein Baum, ein Fluß, ein Alligator, ein Bündel Lumpen, eine Schlange göttliches Idol. Es drückt sich in solcher Verehrung nicht die Idee an ein über Natur und Menschen herrschendes allmächtiges und allweises Wesen, welches die Weltregierung leitet, aus, sondern nur eine blinde Angst vor Naturmächten, welche dem ungebildeten Menschen furchtbar oder überirdisch scheinen, weil er nicht im Stande ist, den inneren natürlichen Zusammenhang der Dinge zu erkennen. Wäre wirklich die Idee eines höchsten Wesens der menschlichen Natur durch überirdische Weisheit und in unverwischbarer Weise eingeprägt worden, so könnte es nicht möglich sein, daß dieser Begriff alsdann in so unklarer, unvollkommener, roher und unnatürlicher Weise, wie in diesen Tierreligionen, zutage träte. Das Tier ist seinem ganzen Wesen nach dem Menschen unter-, nicht übergeordnet, und ein Gott in Gestalt eines Tieres ist kein Gott, sondern eine Fratze. Englische Reisende in Nordamerika (London Athenaeum, Juli 1849) erzählen, »daß die religiösen Ansichten der Indianer des Oregongebiets einem ganz niederen Ideenkreise angehören. Es ist zweifelhaft, ob sie überhaupt von einem höchsten Wesen eine Vorstellung haben. Das Wort Gott suchte man natürlich bald zu übersetzen, allein in keinem der Oregonschen Dialekte war selbst mit Hilfe der Missionäre und geschickter Dolmetscher ein passender Ausdruck aufzufinden. Ihre größte Gottheit heißt der Wolf und scheint, ihren Beschreibungen zufolge, eine Art Zwittergeschöpf von Gottheit und Tier zu sein.« – Die sogenannten Kaloschen, ein indianischer Stamm, haben gar keinen äußern Kultus und stellen sich das höchste Wesen unter dem Bilde eines Raben vor. Von den Tusken, einer zur mongolischen Rasse gehörigen Völkerschaft an der nordöstlichen Spitze des asiatischen Kontinents von sehr guten Charaktereigentümlichkeiten, erzählt der britische Leutnant Hooper: »Ob bei ihnen die Ahnung einer göttlichen Vorsehung, einer höheren sogenannten Weltregierung dämmert, ob sie einen wohlwollenden Geist neben den Dämonen verehren, dies war nicht zu ermitteln, oder viel mehr davon ergab sich keine Spur.« Von den Corrados, den ehemaligen Souveränen in der Provinz Rio de Janeiro, erzählt Burmeister, daß das Bedürfnis nach Religion bei ihnen nicht vorhanden scheine. Sie drücken sich an den Kirchentüren vorbei, ohne den Kopf zu wenden oder den Hut zu ziehen. Der südamerikanische Wilde oder Urmensch hat keinerlei religiöse Anschauungen; er läßt sich die Taufe gefallen, weiß aber nicht, was sie bedeutet. Ähnliche oder gleichlautende Fakta bei verschiedenen Völkern kann man fast in jeder Reisebeschreibung lesen. Die ursprüngliche Religion des Buddha weiß nichts weder von Gott noch von Unsterblichkeit. – Derselben Erscheinung begegnen wir in unserer eigenen Mitte bei solchen Individuen, bei denen Erziehung, Lehre oder Mitteilung keine Gelegenheit hatte, die Idee eines höchsten Wesens wachzurufen. Häufig genug kann man lesen, wie vor den Zuchtpolizeigerichten großer Städte, wie Paris oder London, fortwährend Menschen erscheinen, welche von den Begriffen, die man mit den Worten Gott. Unsterblichkeit, Religion u. dgl. verbindet, auch nicht die leiseste Ahnung besitzen. Der letzte Zensus in England hat nachgewiesen, daß daselbst sechs Millionen Menschen leben, die nie die Schwelle einer Kirche betreten haben und die nicht wissen, welcher Sekte oder welchem Glaubensbekenntnis sie angehören. Der Taubstumme Meystre hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt wurde, keine Idee von Gott, und konnte ihm eine solche trotz aller Anstrengung nicht beigebracht werden. Wenn die Natur nicht imstande ist, mit größerer Gewalt ihr Recht auch ohne Lehre und Erziehung geltend zu machen, so muß geschlossen werden, daß dieselbe von solchen ursprünglichen Begriffen überhaupt nichts weiß. Wollte man die Gottesidee eine angeborene nennen, so könnte man am Ende nicht anders, als auch der Idee eines bösen, mit höherer Macht ausgerüsteten Wesens, eines Teufels, Satans, eines oder mehrerer Dämonen, dasselbe Prädikat beizulegen. Der Glaube an böse, den Menschen feindliche Mächte hat nachweisbar dieselbe, ja unter Naturvölkern oft eine noch weit größere Ausbreitung und Bedeutung gewonnen, als der Glaube an einen wohlwollenden Gott. Alle diese Begriffe sind anerzogene, aus eignem oder anderer Nachdenken hervorgegangene, geschlossene, nicht angeborne.

Niemand hat den rein menschlichen Ursprung der Gottesidee besser erklärt und nachgewiesen als Ludwig Feuerbach. Derselbe nennt alle Vorstellungen von Gott und göttlichem Wesen Anthropomorphismen, d.h. Erzeugnisse menschlicher Phantasie und menschlicher Anschauungsweise, gebildet nach dem Muster der eignen menschlichen Individualität. Den Ursprung dieses Anthropomorphismus sucht Feuerbach in dem Abhängigkeitsgefühl und sklavischen Sinn, welcher der menschlichen Natur innewohnt. »Der außer- und übermenschliche Gott«, sagt Feuerbach, »ist nichts anderes als das außer- und übernatürliche Selbst, das seinen Schranken entrückte, über sein objektives Wesen gestellte subjektive Wesen des Menschen.« In der Tat ist die Geschichte aller Religionen ein fortlaufender Beweis für diese Behauptung, und wie könnte es auch anders sein? Ohne Kenntnis oder Begriff vom Absoluten, ohne eine unmittelbare Offenbarung, deren Dasein zwar von fast allen religiösen Sekten behauptet, aber nicht bewiesen wird – können alle Vorstellungen von Gott, einerlei welcher Religion sie angehören, keine andern als menschliche sein, und da der Mensch in der belebten Natur kein höher stehendes geistig begabtes Wesen als sich selbst kennt, so können auch seine Vorstellungen eines höchsten Wesens nicht anders als von seinem eignen selbst abstrahiert sein, sie müssen eine Selbstidealisierung darstellen. Daher spiegeln sich denn auch in den religiösen Vorstellungen aller Völker die jedesmaligen Zustände, Wünsche, Hoffnungen, ja die geistige Bildungsstufe und besondere geistige Richtung eines jeden Volkes jedesmal auf treueste und charakteristischste ab, und wir sind gewohnt, aus dem Götterdienste eines Volkes auf seine geistige Individualität und den Grad seiner Bildung zu schließen. Man denke an den poetischen, von ideellen Kunstgestalten bevölkerten Himmel der Griechen, in welchem die in ewiger Jugend und Schönheit blühenden Götter menschlich genießen, lachen, kämpfen, Intrigen spinnen und den eigentlichen Reiz ihres Daseins in dem persönlichen Eingreifen in menschliche Schicksale finden – jenen Himmel, welcher Schiller zu seinem schönen sehnsüchtigen Gedichte an die Götter Griechenlands begeisterte. Man denke an den zürnenden, finstern Jehovah der Juden, welcher bis ins dritte und vierte Glied straft; an den christlichen Himmel, in welchem Gott seine unendliche Allmacht mit seinem Sohne teilt und die himmlische Rangordnung der Seligen ganz nach menschlichen Begriffen bestimmt; an den Himmel der Katholiken, in welchem die im Schoße des Heilands liegende Jungfrau Maria ihre sanfte weibliche Überredungskunst zugunsten der Straffälligen bei dem himmlischen Richter geltend macht; an den Himmel der Orientalen, welcher blühende Huris in Menge, rauschende Kaskaden, ewige Kühle und ewigen sinnlichen Genuß verspricht; an den Himmel des Grönländers, in welchem dessen höchster Wunsch in dem reichlichsten Überfluß an Tran und Fischen sich ausspricht; an den Himmel des jagenden Indianers, in welchem eine ewige reichliche Jagd den Seligen lohnt usw. Auch in der Art des religiösen Kultus, der äußeren Form der Gottesverehrung, wies Feuerbach die rein menschliche Vorstellungsweise von Gott überall mit Evidenz nach. Der Grieche opfert seinen Göttern Fleisch und Wein, der Neger speit die zerkauten Speisen seinen Götzen als Opfer ins Gesicht; der Ostiake beschmiert seine Götzen mit Blut und Fett und stopft ihnen die Nase mit Schnupftabak voll; der Christ und Mohammedaner glauben ihren Gott durch persönliches Zureden, durch Gebete zu versöhnen. Überall menschliche Schwächen, menschliche Leidenschaften, menschliche Genußsucht! Alle Völker und Religionen teilen die Gewohnheit, hervorragende Menschen unter die Götter oder die Heiligen zu versetzen – ein auffallender Beweis für das menschliche Wesen der göttlichen Idee! Wie fein und richtig ist die Bemerkung Feuerbachs, daß der gebildete Mensch ein unendlich höheres Wesen als der Gott der Wilden ist, der Gott, dessen geistige und körperliche Beschaffenheit natürlich in gradem Verhältnis zu dem Bildungsgrade seiner Verehrer stehen muß. Dieser notwendige Zusammenhang des Menschlichen mit dem Göttlichen und die Abhängigkeit des letzteren von dem ersteren muß sich selbst Luther als unabweisbar aufgedrängt haben, da er sagt: »Wenn Gott für sich allein im Himmel säße, wie ein Klotz, so wäre er nicht Gott.«

Ist der einfache Menschenverstand nicht imstande gewesen, eine reine und abgezogene Idee vom Absoluten zu gewinnen, so ist der Verstand der Philosophen in diesen Versuchen womöglich noch unglücklicher gewesen. Wollte sich jemand die Mühe nehmen, alle die philosophischen Definitionen, welche von Gott, vom Absoluten oder von der sogenannten Weltseele der Naturphilosophen gemacht worden sind, zusammenzustellen, so müßte ein höchst wunderlicher Mischmasch herauskommen, in welchem von Anbeginn der historischen Zeit an bis heute trotz des engeblichen Fortschritts der philosophischen Wissenschaften nichts wesentlich Neues oder Besseres zutage gebracht wurde. An schönen Worten und klingenden Phrasen würde es dabei freilich nicht fehlen, aber solche können kein Ersatz für den Mangel innerer Wahrheit sein. Hören wir z.B., wie sich einer unserer jüngsten Schriftsteller, der gläubige Naturforscher Fechner, in seinem Zendavesta über jenen Begriff äußert: »Gott als Totalität des Seins und Wirkens hat keine Außenwelt mehr außer sich, kein Wesen sich äußerlich mehr gegenüber, er ist der einzige und alleinige; alle Geister regen sich in der Innenwelt seines Geistes; alle Körper in der Innenwelt seines Leibes; rein kreist er in sich selbst, wird durch nichts von außen mehr bestimmt, bestimmt sich rein aus sich in sich, indem er aller Existenz Bestimmungsgründe einschließt.« Welcher denkende Mensch ist imstande, sich aus solchen Phrasen eine klare Vorstellung von der Meinung des Definitors zu machen! Ein Gott, in dessen leiblichem und geistigem Innern sich alle Geister und Körper regen sollen und der dabei nur in sich selbst kreist und durch nichts von außen mehr bestimmt wird! Wenn sich alle Geister in dem Geist, alle Leiber in dem Leib Gottes regen, wenn er keine Außenwelt mehr außer sich hat, wie kann er da noch persönlicher Gott sein? Persönlicher Gott, als welchen ihn Fechner an andern Stellen ausdrücklich auftreten läßt! Ist er alsdann nicht vielmehr Inbegriff alles körperlichen und geistigen Daseins oder die Gesamtsumme der Welt selbst, welche sich der Definitor in Gestalt einer Person gedacht hat, während doch gerade die Welt in ihrer unendlichen Vielheit und Mannigfaltigkeit die Verneinung jeder Personifikation ist! Jene Vorstellung einer durch die ganze Welt verbreiteten und in deren Äußerungen unmittelbar sich manifestierenden Göttlichkeit hat man mit einem philosophischen Kunstausdruck »pantheistisch« schon zu einer Zeit genannt, da Herrn Fechners persönliche Seele noch tief in der Weltseele verborgen lag. Aber unsere modernen Philosophen glauben eine Tat zu tun, wenn sie altes Gemüse mit neuen Redensarten aufwärmen und als letzte Erfindung der philosophischen Küche auftischen!

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