Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen [1 – Einleitung]

Im Folgenden einige zentrale Passagen und Abschnitte aus Pierre Bourdieus klassischen Aufsätzen über das Fernsehen (die als Vorträge für das Fernsehen konzipiert und dort auch gesendet wurden). Die immanente Strukturanalyse des journalistischen Feldes sowie die Untersuchung der Mechanismen und ökonomischen Zwänge, die in diesem vorherrschen, leistet unschätzbar wichtige Aufklärungsarbeit. Weitere Untersuchungspunkte sind die Einschaltquotenmentalität, die (Selbst-)Zensur und Wirkung bzw. Einfluss des Fernsehens. [Die Passagen stammen aus der Suhrkamp-Ausgabe, Frankfurt am Main 1998. Fett-Markierung durch meine Hand]

Einleitendes.

„Ich bin der Auffassung, daß das Fernsehen aufgrund der unterschiedlichen Mechanismen, die ich kurz beschreiben werde – eine vertiefte, systematische Untersuchung hätte viel mehr Zeit erfordert -, für verschiedene Sphären der kulturellen Produktion, für Kunst, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Recht, eine sehr große Gefahr bedeutet; ich meine sogar, daß es in Gegensatz zu dem, was gerade verantwortungsbewußte Journalisten vermutlich in gutem Glauben denken und sagen, eine nicht weniger große Gefahr für das politische und demokratische Leben darstellt.“ (S. 9)

„Dank der audiovisuellen Abteilung des Collège de France verfüge ich heute über ganz außergewöhnliche Voraussetzungen: Erstens ist meine Redezeit nicht begrenzt; zweitens zwingt mir niemand ein Thema auf (ich habe mich selbst dafür entschieden und kann meine Entscheidung immer noch umstoßen); drittens sitzt nicht, wie in den üblichen Sendungen, jemand da, der mich im Namen der Technik, der ‚Zuschauer-denen-man-erklären-muß‘, der Moral, der Schicklichkeit usw. zur Ordnung ruft. Also eine ganz ungewöhnliche Situation, besitze ich doch, um mich altmodisch auszudrücken, eine ganz unübliche Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel.“ (S. 15)

„Die schlichte Weigerung, sich überhaupt im Fernsehen zu äußern, scheint mir nicht vertretbar. Ich denke sogar, daß man in bestimmten Fällen förmlich dazu verpflichtet ist – allerdings müssen vernünftige Voraussetzungen dafür gegeben sein.“ (S. 17)

„Wir sind, wie Husserl sagte, ‚Beamte der Menschheit‚, vom Staat bezahlt, um etwas aus dem Bereich der Natur oder der Gesellschaft ans Licht zu bringen, und es gehört, wie mir scheint, zu unseren Verpflichtungen, das Entdeckte offenzulegen.“ (S. 18)

„Tatsächlich gibt es politische Eingriffe, gibt es politische Kontrolle (namentlich vermittels der Besetzung von Führungspositionen); und gewiß ist vor allem in Zeiten wie der heutigen, in der eine Reservearmee für die Fernseh- und Rundfunkmetiers in Bereitschaft steht und eine sehr große Stellenunsicherheit herrscht, die Neigung zu politischem Konformismus groß. Noch bevor man sie zur Ordnung rufen muß, beugen sich die Menschen einer bewußten oder unbewußten Form von Selbstzensur. Es exisitieren daneben auch ökonomische Zensurinstanzen. Tatsächlich geben letzten Endes ökonomische Zwänge beim Fernsehen den Ausschlag. Aber man darf sich nicht damit begnügen zu sagen, daß die Vorgänge bei den Fernsehsendern von den Leuten bestimmt werden, die sie besitzen, von den Firmen, die dort Werbespots bezahlen, vom Staat, der Subventionen vergibt. Wenn man von einem Fernsehkanal nichts wüßte als den Namen des Eigentümers, den Anteil der unterschiedlichen Werbeeinblendungen am Budget und die Höhe der Subventionen, verstünde man noch nicht viel. Dennoch ist es nicht unwichtig, an diese Zusammenhänge zu erinnern.“ (S. 19/20)

„Ich glaube (…), daß das Hochspielen von Skandalen, von Taten und Untaten dieses oder jenes Moderators oder der exorbitanten Bezüge bestimmter Fernsehproduzenten insofern dazu beitragen kann, vom Wesentlichen abzulenken, als die Korruptheit von Personen jene strukturelle Korruptheit maskiert (darf man da aber noch von Korruptheit sprechen?), die über Mechanismen wie den Kampf um Marktanteile das gesamte Spiel beinflußt und die ich versuchen will zu analyisieren. Ich möchte also eine Reihe von Mechanismen auseinandernehmen, die dazu führen, daß das Fernsehen eine besonders schädliche Form symbolischer Gewalt darstellt.“ (S. 21)

„Nehmen wir den einfachsten Fall: die sogenannten ‚Vermischten Meldungen‘, seit jeher Tummelplatz der Sensationspresse. Blut und Sex, Tragödien und Verbrechen haben immer schon Verkaufsziffern in die Höhe getrieben, und so mußte die Diktatur der Einschaltquote derartige Ingredienzien an die vorderste Stelle, an den Beginn der Fernsehnachrichten spülen, die früher ausgeklammert oder auf die hinteren Ränge verwiesen wurden, weil man sich bemühte, nach dem Vorbild der seriösen Tagespresse als repektabel zu erscheinen. Die ‚Vermischten Meldungen‘ sind aber auch die Meldungen, die alles vermischen. Das Grundprinzip von Zauberern besteht darin, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken als auf das, was sie gerade tun. Die symbolische Aktion des Fernsehens zum Beispiel auf der Ebene der Nachrichten besteht darin, die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die alle Welt interessieren, die omnibus – für alle – da sind. Omnibus-Meldungen sind solche, die, wie es heißt, niemanden schockieren dürfen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, daß sie nichts Wichtiges berühren. Die ‚Vermischte Meldung‘ stellt jenen Grundbaustein der Nachrichten dar, der sehr wichtig, weil für alle von Interesse ist, ohne zu irgendwelchen Konsequenzen Anlaß zu geben, und der Zeit beansprucht, Zeit, die dazu verwendet werden könnte, über andere Dinge zu sprechen. Zeit aber ist im Fernsehen ein äußerst knappes Gut. Und wenn wertvolle Minuten verschleudert werden, um derart Unwichtiges zu sagen, so deswegen, weil diese unwichtigen Dinge in Wirklichkeit sehr wichtig sind, und zwar insofern, als sie Wichtiges verbergen. Ich hebe dies hervor, weil wir aus anderen Untersuchungen wissen, daß weite Teile der Bevölkerung keinerlei Tageszeitung lesen, daß sie dem Fernsehen als einziger Informationsquelle völlig ausgeliefert sind. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen. Legt das Fernsehen den Akzent auf die ‚Vermischten Meldungen‘, so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts, und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte.“ (S. 22/23)

Weiteres in einem späteren Artikel. Hier zudem eine Kritik seines Vortrages von F. Rötzer.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.