Karl Krolow – Melancholie

Edvard Munch: Melancholia

Edvard Munch: Melancholia, 1891

Im Folgenden einige Passagen eines so kurzen wie grandiosen Textes von Karl Krolow über die Melancholie.

„Daß Melancholie eine bestimmte Disposition für etwas ist, bei wechselnden ‚Faktoren‘, ist als bekannt vorauszusetzen. […] Melancholie – ich versuche es so einfach wie möglich zu sagen – ist wie ein Kommen und Gehen. Zuweilen erkennbar (aber selten) als eine gegenstandslose Traurigkeit, ein gemindertes ‚Gestimmtsein‘, das einsetzt, als würde eine Glühbirne eingeschaltet, ziemlich unvermittelt demnach, und doch wie ein jähes, sanftes, unauffälliges Anschleichen von etwas, beinahe etwas Animalisches. Überfall wäre bereits zuviel gesagt. Ich meine nicht Schock und schon gar nicht Panik, obwohl dieses Tier, diese auftauchende und wieder sich lösende, scheinbar verschwindende Alltags-Begleiterin auf dem Höhepunkt ihrer Anwesenheit jederzeit Panik (vor allem Denkbaren und Unausdenklichen) auslösen könnte. Nähe zu solcher Unberechenbarkeit (die nichts mit Unbeherrschtheit zu tun hat, so wenig wie mit Willentlichkeit) ist zu spüren. Die Witterung einer besonderen, tückischen, weil kaum erkennbaren, noch weniger verbal fixierbaren Gefahr ist groß. Man fühlt das Disponiertsein für diese lebensgeführliche Schwester der Angst. […]

Ich meine das fast Selbstverständliche eines kaum merklichen Vorgangs, mit dem man weiterlebt. Ein wenig später spürt man die Veränderung und die Veränderung von diesen und jenem, ich kann nicht sagen: von vielen. Doch daß vieles betroffen, einbezogen ist, kann ich nicht leugnen. Ich bekomme es zu spüren. Melancholie hat für mich zunächst mit Veränderung von sinnlicher Wahrnehmung zu tun. Meine Empfindlichkeit oder meine Empfindungsfähigkeit überhaupt ist verändert: ich will nicht sagen: gemindert oder gesteigert. Beides könnte zutreffen und wenn es das Paradoxon gäbe: beides könnte zugleich geschehen! Daher das schwer Beschreibbare. Die Veränderung kann auch Unruhe heißen. Diese Unruhe ist hartnäckig.

[…] Ich meine den schleichenden Umgang von etwas mit mir, mit dem Betroffenen jedenfalls: das Lauern, dieses free floating – von was? Schon wenn ich genauer bezeichnen will, entzieht sich das Phänomen oder es wird – literarisch oder es stimmt ganz einfach nicht. Melancholie – das ist das veränderte Ziegelrot einer bestimmten Rosensorte, die veränderte ‚Qualität‘ des Lichts oder eines Blickwechsels, man sieht ‚mit anderen Augen an‘ und wird – so ist die Illusion (das Wort ist literarisch belastet!) – ‚mit anderen Augen‘ angesehen. […]

Es gibt (…) eine Art kontrollierter Deliranz: etwa beobachtet von mir, wenn ich, keinen Alkohol trinkend, mit Bekannten zusammen bin, die etwas Alkoholisches zu sich nehmen und bei ihnen Belebung einsetzt, die ich nicht im Reagieren ‚einholen‘ kann. […]

Es gibt den melancholischen Rückzug auf sich selbst, wie immer der Vorgang beschaffen sein möge oder die melancholische Aggression (ich meine keine ‚Tat aus Verzweifelung‘). Vielleicht sollte ich besser sagen, daß es sich um eine (melancholisch bedingte) Intensität, eine Steigerung des Wahrnehmungs- oder mentalen wie physischen Potenzvermögens handele. […]

Ich bin – soll ich sagen: melancholie-betroffen – zu einem verstärkt fähig, vor anderem werde ich um so eher versagen. Während Melancholie wächst, bewege ich mich rasch durch Räume meines Hauses, ohne das Bedürfnis, dies Haus verlassen zu wollen, unter Menschen zu gehen. Ich habe mit mir zu tun. […]

Ich habe so mit nichts als mit diesem besonderen Tier im Kopf, dieser besonderen Herausforderung, zu tun. Ich bin vollauf damit beschäftigt. Ich nannte schon das ‚Tigern‘ zwischen Schreibtisch und Gartenterasse. Es ist dann eine stille Raserei. […]

Melancholie und Libido. Ich möchte für einen Augenblick beides zusammenbringen, weil es durchaus gelegentlich zueinander gehört, soweit melancholische Befindlichkeit steigert, sensibilisiert, überreizt, Wunschilder in Bewegung bringt und sie geradezu hetzt. […]

In der melancholischen ‚Steigerung‘ zeigt sich Verstecktes, Vergessenes, ‚Verdrängtes‘, zeigen sich mehrere Personen, aus denen der Mensch, in die Jahre gekommen, jedenfalls gleichzeitig zu bestehen scheint. Das suggeriert man sich nicht. Man hat diese Personen: den Zwanzigjährige (mit Vermögen und Unvermögen), den Vierzig- oder Sechzigjährigen (dito Vermögen, Unvermögen). Zwei Seelen in der Brust sind zu wenig. […]

Ich bin mir, in der Melancholie, überliefert, ohne – wie es scheint – die ‚Herrschaft‘ (die ‚Normalität‘?) über mich zu verlieren. Oder doch? Es gibt die anderen, die Gesellschaft, die Normen. Die gelten nur bedingt. Ich nehme sie schwach wahr. Ich spare sie aus. Ich drücke nicht die Türklinken von Banken, Postanstalten, die automatischen Türen vermeide ich: ich brauche sie jetzt nicht. […]

Man masturbiert vor Angst oder haltlosem Bedürfnis. Oder man streicht das alles durch im Kopf, in den Nerven, in den (dafür) geschaffenen Organen. Man kann ihnen nicht ‚befehlen‘. Man balanciert. Man ‚kriegt hin‘. Es geht im Minuten, um kleine Zeiteinheiten oder um zeitlich nicht zu Messendes. Melancholie-Verhalten ist datumslos. Man hat sich: Und dieser schwierige Film läuft oder stockt, steht still oder spult sich überschnell ab. Manchmal, nein, meistens, sieht man sich zu im Film. an agiert oder sinniert oder ist da als jener andere, der man selber ist: das bekannte Verhalten. […]

Erst am Abend bekommt man Musik, wenn ich es so ausdrücken darf, ist diese Ruhe da, keine Windstille, auch keine Leere, aber ein In-Ruhe-gelassen-Sein: von sich selbert! Jeder bekommt seine Musik anders; ein ruhiges Gespräch, ein Gedicht, ein Videofilm, ein Zeitungsblatt, einen Körper, den man ansieht, Vivaldi, Debussy, Ravel. Das Zuviel oder Zuwenig gleichen sich aus. Es muß nicht unbedingt Abend sein.“

Quelle: Karl Krolow: Melancholie. In: Melancholie in Literatur und Kunst. Hürtgenwald: Guido Pressler 1990. S. 9-13.

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