Gustave Le Bon – Psychologie der Massen (Vorwort)

Vorwort: Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“ wird in dem „Buch der 1000 Bücher“ wie folgt angerissen, Zitat von der Amazon-Produktbeschreibung:

In seiner Psychologie der Massen stellt Gustave Le Bon die Grundbegriffe des Massenverhaltens dar und gilt somit als Begründer der Massenpsychologie.
Entstehung: Unter dem Eindruck eines grundlegenden Wertewandels der westlichen Gesellschaft sowie der wachsenden politischen Macht der Masse, der »jüngsten Herrscherin der Gegenwart«, entschloss sich Le Bon zu einer Untersuchung dieses Phänomens. Er verstand sein Werk als die erste systematische Auseinandersetzung mit der Masse als psychologisch erfassbarem Gegenstand.

Nun sind Amazon-Produktbeschreibungen und -Rezensionen in den wenigsten Fällen kaufentscheidend, schon gar nicht bei Büchern und so auch hier nicht. Vielmehr wird sich jeder Mensch, der sich fortschreitend individualisiert und – soweit das möglich ist – sich abgrenzt, selbst bestimmt bzw. positioniert und zielgerichtet fortbildet, im Laufe seiner Autonomiebestrebungen und der Entwicklung unabhängiger Gedanken mit der Masse konfrontiert sehen, von der er sich zwangsläufig unterscheidet. Die Unterschiede zwischen einem und einem anderen Individuum und dem Einzelnen und der Masse können nicht deutlich genug hervorgehoben werden und was vielleicht noch entscheidender ist: sie können kaum deutlicher empfunden werden als von einem selbstständigen und kritisch-aufgeklärten Individuum, das sich seiner selbst bewusst ist.

Worin die Unterschiede bestehen, vor allem aber wie die Masse und seine Urteile, Anschauungen und Verhaltensweisen beschaffen sind, erklärt der Begründer der Massenpsychologie Gustave Le Bon in seinem grundlegenden Buch „Psychologie der Massen“ von 1895. Dieser Text ist m.E. von kaum zu überschätzender Bedeutung, auch wenn entschieden darauf hingewiesen werden muss, dass Le Bon – wie jeder Wissenschaftler – gelegentlich irrte, über das Ziel hinausschoss, oder – wie auf wikipedia vermerkt, das noch häufiger zitiert werden wird – „teils stark zeitgebunden[e] und massiv durch persönliche Erfahrungen beeinflusst[e]“ Gedanken formulierte. Ein Rezipient bei Amazon weist berechtigterweise daraufhin, dass Le Bon zudem einige Quellen nicht kenntlich machte und manche der dargestellten Ereignisse nicht anhand von Fußnoten belegte. In meiner Ausgabe kommen auf 190 Seiten 29 Fußnoten und jeder Kenner wissenschaftlicher Abhandlungen weiß, dass dieses Verhältnis … selten … ist. Zudem muss noch einmal entschieden auf die Entstehungszeit dieses Werkes hingewiesen werden, die beim Lesen in Rechnung gestellt werden sollte. Eine erste Kritik am Werk findet sich im letzten, aus Wikipedia zitierten Absatz.

Dieser Beitrag wird aufgrund der Tatsache, dass Le Bons Text gemeinfrei und damit in seiner Gesamtheit verfügbar ist, sehr viel ausführlicher als andere ausfallen. Das ist zum einen der Bedeutsamkeit des Textes geschuldet. Zum anderen sollen die zahlreichen essentiellen Passagen durch zusätzliche Informationen aus Wikipedia bereichert oder zusammengefasst werden. Bevor wir also direkt zu den Passagen aus Le Bons Hauptwerk kommen, hier eine kurze Einleitung aus Wikipedia, die eine kleine kritische Einführung liefert:

Generell fällt bei der Lektüre von Le Bons Hauptwerk auf, wie extrem negativ er Massen und ihr Verhalten bewertet (vgl. Wikiquote: Zitate). Häufig schimmert regelrecht Verachtung durch, und seine Argumentation ist die des elitären konservativen französischen Bildungsbürgers, der ein wenig auf die Plebs und die sie beherrschenden sozialistischen Vorstellungen herabsieht und kulturpessimistisch beklagt, dass Massen, die er für vorwiegend zerstörerisch hält, nun das bestimmende Element der Politik sein werden und nicht mehr Aristokraten und andere Eliten – eine Tatsache, die er im Einleitungskapitel: Das Zeitalter der Massen ausdrücklich bedauert. Auch mit modernen politischen und Gesellschaftsstrukturen kann er wenig anfangen, zumal er der Meinung ist, dass Gesetze und Institutionen auf das Verhalten von Massen wenig Einfluss haben.

In seinem Vorwort bekennt Le Bon sich zur zentralen Rolle des Unbewussten beim Handeln des Menschen, das der für den Menschen noch relativ neuen Vernunft in ihrer Wirkkraft weit überlegen sei. Dabei bedauert er, dass man über dieses Unbewusste noch so wenig wisse.

Das Werk setzt sich sowohl mit den Themenkreisen Konformität, Entfremdung und Führung auseinander, als auch mit der Masse im eigentlichen Sinne. Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Massensituation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung. Somit ist die Masse von Führern leicht zu lenken. Diesen Charakteristiken liegen die allgemeinen und von Freud später aufgegriffenen Doktrinen Le Bons zugrunde, dass menschliche Handlungen von unbewussten Impulsen beherrscht werden, die irrational sind, und dass Ideen die Institutionen formen und nicht umgekehrt.

Le Bon stellt vor allem dar, wie politische Meinungen, Ideologien und Glaubenslehren bei den Massen Eingang und Verbreitung finden, wie man Massen beeinflussen kann, wie die dazu notwendigen Führer entstehen, welche Eigenschaften sie haben müssen, wie sie wirken und untergehen und wo die Grenzen dieser Beeinflussbarkeit liegen. Immer wieder betont er den geringen Einfluss von Vernunft, Unterricht und Erziehung sowie die Anfälligkeit der Massen für Schlagworte, große Gesten und geschickte Täuschungen.

Am Ende seines Werkes unterzieht Le Bon noch verschiedene spezielle Massen einer sehr skeptischen Prüfung: sowohl Geschworene wie Wählermassen und Parlamente finden dabei vor seinen Augen keine Gnade. Er entwirft vielmehr eine Art pessimistischer Kulturmorphologie, die mit ihrem zyklischen Charakter schon ansatzweise an Oswald Spengler erinnert. Danach ist Geschichte das Ergebnis rassischer (in seinem kultursoziologischen Sinne) oder nationaler Eigenschaften und wird nicht von rationalen, sondern von emotionalen Kräften angetrieben, wobei allerdings auch geistige Eliten eine wichtige Rolle spielen.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Emergenz und Horizonte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.