Seneca – De brevitate vitae (Von der Kürze des Lebens)

Seneca - Von der Kürze des Lebens

Seneca - Von der Kürze des Lebens in der "Kleine(n) Bibliothek der Weltweisheit" (dtv)

Die „Kleine Bibliothek der Weltweisheit“ ist in der Tat eine feine Sache – zentrale Texte der Weltliteratur nicht nur in einheitlicher und bibliophiler Form, sondern auch zu einem Preis, der einen immer noch ein Buch mehr kaufen lässt.

Hier also eine kurze Vorstellung des Bandes Nummer 11. Seneca, geb. 4 v. Chr., gest. 65 n. Chr. ist der älteste Stoiker, von dem wir vollständige Texte erhalten haben. Seine Biographie liest sich wie fast wie ein Entwurf für einen Schelmenroman in der Art Felix Krulls, und die philosophische Position des Stoikers scheint geradezu prädestiniert für ein derart wechselvolles Leben zu sein.

Einer der Hauptgründe für das nach wie vor anhaltende Interesse an Seneca dürfte seine, ich nenne es mal Bodenständigkeit sein – hier muss man keinen Zwei-Zeilen-Satz fünfmal lesen, bis einen die erste Ahnung seiner Aussage beschleicht, sondern seine Botschaft(en) liegen augenblicklich auf der Hand, und nicht nur das – sie entlocken dem Leser allenthalben zustimmendes Gemurmel der Art, wie man es bei Aussagen kennt, die zwar nicht unbedingt Neues formulieren (damals womöglich schon), das Gesagte aber auf eine bestechend präzise und greifbare Art und Weise ausdrücken (dtv-Ausgabe, S. 28f):

„Es überstürzt ein jeder sein Leben, leidet an Sehnsucht nach der Zukunft und an Überdruß an der Gegenwart. Aber der, welcher keinen Augenblick vorübergehen läßt, ohne ihn zu seinem Heil zu verwenden, der jeden Tag so nützlich verwendet, als ob es der letzte wäre, erwartet den morgenden (sic!) Tag weder mit Verlangen noch mit Furcht. Denn was für einen neuen Genuß könnte ihm denn irgend eine Stunde bringen? Alles ist ihm bekannt, alles gründlich durchgekostet. Was das übrige anlangt, so mag das Schicksal nach Belieben darüber entscheiden: sein Leben ist bereits in Sicherheit. Ein Zuwachs ist noch möglich, ein Abzug nicht, und mit dem Zuwachs steht es ähnlich wie bei einem bereits Gesättigten und Befriedigten, der noch einige Bissen dazu nimmt, nach denen er nicht verlangt, die er sich aber gefallen läßt. Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange dagewesen. Denn wie? Meinst du etwa, es habe einer eine weite Seefahrt gemacht, den gleich nach Auslaufen aus dem Hafen ein wütender Sturm erfaßte, ihn hierhin und dorthin schleuderte und durch das Rasen der umspringenden Winde auf der nämlichen Meeresfläche immer im Kreis herumtrieb? Keine weite Seefahrt hat er gemacht; er ist nur vielfach hin und hergeworfen worden.“

Es fänden sich noch viele weitere eingängige Beispiele dieser Art – aber wo bliebe der Reiz, sich persönlich auf die literarische Reise zu begeben?

Leider verliert das Büchlein (77 Seiten + 16 Seiten Kommentar) ungefähr ab der Hälfte etwas an … Zugkraft, aber das tut der Lesefreude insgesamt mitnichten einen Abbruch. Aufschluss- und hilfreich ist der abschließende Kommentar von Christoph Horn, der sowohl die Biographie Senecas als auch die stoische Lehre in ihren Eckpfeilern kurz darlegt, was einen aufgrund der Leichtigkeit der Schrift vor der voreiligen Schlussfolgerung bewahrt, dass es sich bei „De brevitate vitae“ lediglich um eine oberflächlich und leichthin geschriebene Abhandlung über das Leben im Allgemeinen handelt, sondern vielmehr die Basis einer mit Herz und Verstand verwirklichten Lebenskunst ist.

Advertisements

Über halano

Student LAaG Latein/Griechisch 4. Fachsemester
Dieser Beitrag wurde unter Emergenz und Horizonte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.