Max Stirner – Der Einzige und sein Eigentum [1845] – Der Eigner

Ein sehr streitbarer Text, in seiner Gewichtung bemerkenswert und in seiner radikalen Kritik beispielhaft. Über den Egoismus, den Menschen (als Ideal) und Unmenschen, über die Gesellschaft(sansprüche), Gespenster (man könnte hier an Ibsen denken), die Religion, die Entheiligung und die Rechte des Individuums. Auszug aus „Der Einzige und sein Eigentum“, Berlin 1924, Quelle: http://www.zeno.org/nid/20009273220.

Max Stirner

Max Stirner

Der Eigner

Ich – komme ich zu mir und dem Meinigen durch den Liberalismus?

Wen sieht der Liberale für seinesgleichen an? Den Menschen! Sei du nur Mensch – und das bist du ja – so nennt der Liberale dich seinen Bruder. Er fragt nach deinen Privatmeinungen und Privatnarrheiten sehr wenig, wenn er nur den »Menschen« in dir erblicken kann.

Da er aber dessen wenig achtet, was du privatim bist, ja bei strenger Befolgung seines Prinzips gar keinen Wert darauf legt, so sieht er in dir nur das, was du generatim bist. Mit anderen Worten: er sieht in dir nicht dich, sondern die Gattung, nicht Hans oder Kunz, sondern den Menschen, nicht den wirklichen oder einzigen, sondern dein Wesen oder deinen Begriff, nicht den leibhaftigen, sondern den Geist.

Als Hans wärest du nicht seinesgleichen, weil er Kunz, also nicht Hans, ist; als Mensch bis du dasselbe, was er ist. Und da du als Hans für ihn, soweit er nämlich ein Liberaler und nicht unbewußterweise Egoist ist, so gut als gar nicht existierst, so hat er sich die »Bruderliebe« wahrlich sehr leicht gemacht: er liebt in dir nicht den Hans, von welchem er nichts weiß und wissen will, sondern den Menschen.

In dir und mir nichts weiter zu sehen als »Menschen«, das heißt die christliche Anschauungsweise, wonach einer für den andern nichts als ein Begriff (z.B. ein zur Seligkeit Berufener usw.) ist, auf die Spitze treiben.

Das eigentliche Christentum sammelt uns noch unter einem minder allgemeinen Begriffe: wir sind da »Kinder Gottes« und »der Geist Gottes treibet uns«.Nicht alle jedoch können sich rühmen, Gottes Kinder zu sein, sondern »derselbige Geist, welcher Zeugnis gibt unserem Geiste, das wir Gottes Kinder sind, der offenbart auch, welche die Kinder des Teufels sind«. Mithin mußte ein Mensch, um Gottes Kind zu sein, nicht ein Kind des Teufels sein; die Kindschaft Gottes exkludierte gewisse Menschen. Dagegen brauchen wir, um Menschenkinder, d.h. Menschen zu sein, nichts als zu der Menschengattung zu gehören, brauchen nur Exemplare derselben Gattung zu sein. Was ich als dieses Ich bin, das geht dich als guten Liberalen nichts an, sondern ist allein meine Privatsache; genug, daß wir beide Kinder ein und derselben Mutter, nämlich der Menschengattung, sind: als »Menschenkind« bin ich deinesgleichen.

Was bin ich dir nun? Etwa dieses leibhaftige Ich, wie ich gehe und stehe? Nichts weniger als das. Dies leibhaftige Ich mit seinen Gedanken, Entschlüssen und Leidenschaften ist in deinen Augen eine »Privatsache«, welche dich nichts angeht, ist eine »Sache für sich«. Als eine »Sache für dich« existiert nur mein Begriff, mein Gattungsbegriff, nur der Mensch, der, wie er Hans heißt, ebensogut Peter oder Michel sein könnte. Du siehst in mir nicht mich, den Leibhaftigen, sondern ein Unwirkliches, den Spuk, d.h. einen Menschen.

Zu »unsersgleichen« erklärten wir im Laufe der christlichen Jahrhunderte die verschiedensten, aber jedesmal nach Maß desjenigen Geistes, den wir von ihnen erwarteten, z.B. jeden, bei dem der Geist der Erlösungsbedürftigkeit sich voraussetzen läßt, dann später jeden, der den Geist der Rechtschaffenheit hat, endlich jeden, der menschlichen Geist und: ein menschlich Antlitz zeigt. So variierte der Grundsatz der »Gleichheit«.

Indem man nun die Gleichheit als Gleichheit des menschlichen Geistes auffaßt, hat man allerdings eine alle Menschen einschließende Gleichheit entdeckt; denn wer könnte leugnen, daß wir Menschen einen menschlichen, d.h. keinen andern Geist als einen menschlichen haben!

Aber sind wir darum nun weiter als im Anfange des Christentums? Damals sollten wir einen göttlichen Geist haben, jetzt einen menschlichen; erschöpfte uns aber der göttliche nicht, wie sollte der menschliche ganz das ausdrücken, was wir sind? Feuerbach z.B. meint, wenn er das Göttliche vermenschliche, so habe er die Wahrheit gefunden. Nein, hat uns der Gott gequält, so ist »der Mensch« imstande, uns noch marternder zu pressen. Daß wir’s kurz sagen: daß wir Menschen sind, das ist das Geringste an uns und hat nur Bedeutung, insofern es eine unserer Eigenschaften, d.h. unser Eigentum ist. Ich bin zwar unter anderm auch ein Mensch, wie ich z.B. ein lebendiges Wesen, also animal oder Tier, oder ein Europäer, ein Berliner u. dergl. bin; aber wer mich nur als Menschen oder als Berliner achten wollte, der zollte mir eine mir sehr gleichgültige Achtung. Und weshalb? Weil er nur eine meiner Eigenschaften achtete, nicht mich.

Gerade so verhält sich’s mit dem Geiste auch. Ein christlicher, ein rechtschaffener und ähnlicher Geist kann wohl meine erworbene Eigenschaft, d.h. mein Eigentum, sein, ich aber bin nicht dieser Geist: er ist mein, ich nicht sein.

Wir haben daher im Liberalismus nur die Fortsetzung der alten christlichen Geringachtung des Ichs, des leibhaftigen Hansen. Statt mich zu nehmen, wie ich bin, sieht man lediglich auf mein Eigentum, meine Eigenschaften und schließt mit mir einen ehrlichen Bund, nur um meines – Besitztums willen; man heiratet gleichsam, was ich habe, nicht was ich bin. Der Christ hält sich an meinen Geist, der Liberale an meine Menschlichkeit.

Aber ist der Geist, den man nicht als das Eigentum des leibhaftigen Ichs, sondern als das eigentliche Ich selbst betrachtet, ein Gespenst, so ist auch der Mensch, der nicht als meine Eigenschaft, sondern als das eigentliche Ich anerkannt wird, nichts als ein Spuk, ein Gedanke, ein Begriff.

Darum dreht sich auch der Liberale in demselben Kreise wie der Christ herum. Weil der Geist des Menschentums, d.h. der Mensch, in dir wohnt, bist du ein Mensch, wie du, wenn der Geist Christi in dir wohnt, ein Christ bist; aber weil er nur als ein zweites, wenngleich als dein eigentliches oder »besseres« Ich in dir wohnt, so bleibt er dir jenseitig, und du mußt streben, ganz der Mensch zu werden. Ein ebenso fruchtloses Streben, als das des Christen, ganz selbiger Geist zu werden!

Jetzt, nachdem der Liberalismus den Menschen proklamiert hat, kann man es aussprechen, daß damit nur die letzte Konsequenz des Christentums vollzogen wurde, und daß das Christentum in Wahrheit sich von Haus aus keine andere Aufgabe stellte, als »den Menschen«, den »wahren Menschen« zu realisieren. Daher denn die Täuschung, es lege das Christentum dem Ich einen unendlichen Wert bei, wie z.B. in der Unsterblichkeitslehre, in der Seelsorge usw. an den Tag kommt. Nein, diesen Wert erteilt es allein dem Menschen. Nur der Mensch ist unsterblich, und nur, weil ich Mensch bin, bin auch ich’s. In der Tat mußte das Christentum lehren, daß keiner verloren gehe, wie eben auch der Liberalismus alle als Menschen gleichstellt; aber jene Ewigkeit, wie diese Gleichheit, betraf nur den Menschen in mir, nicht mich. Nur als der Träger und Beherberger des Menschen sterbe ich nicht, wie bekanntlich »der König nicht stirbt«. Ludwig stirbt, aber der König bleibt; ich sterbe, aber mein Geist, der Mensch, bleibt. Um nun mich ganz mit dem Menschen zu identifizieren, hat man die Forderung erfunden und gestellt: ich müsse ein »wirkliches Gattungswesen« werden.

Die menschliche Religion ist nur die letzte Metamorphose der christlichen Religion. Denn Religion ist der Liberalismus darum, weil er mein Wesen von mir trennt und über mich stellt, weil er »den Menschen« in demselben Maße erhöht, wie irgendeine andere Religion ihren Gott oder Götzen, weil er das Meinige zu einem Jenseitigen, weil er überhaupt aus dem Meinigen, aus meinen Eigenschaften und meinem Eigentum, ein Fremdes, nämlich ein »Wesen« macht, kurz, weil er mich unter den Menschen stellt und mir dadurch einen »Beruf« schafft; aber auch der Form nach erklärt sich der Liberalismus als Religion, wenn er für dies höchste Wesen, den Menschen, einen Glaubenseifer fordert, »einen Glauben, der endlich auch einmal seinen Feuereifer beweisen wird, einen Eifer, der unüberwindlich sein wird«. Da der Liberalismus aber menschliche Religion ist, so verhält sich der Bekenner derselben gegen den Bekenner jeder anderen (katholischen, jüdischen usw.) tolerant, wie Friedrich der Große gegen jeden sich verhielt, der seine Untertanenpflichten verrichtete welcher Façon des Seligwerdens er auch zugetan sein mochte. Diese Religion soll jetzt zur allgemein üblichen erhoben und von den andern als bloßen »Privatnarrheiten«, gegen die man übrigens sich wegen Ihrer Unwesentlichkeit höchst liberal verhält, abgesondert werden.

Man kann sie die Staatsreligion, die Religion des »freien Staates« nennen, nicht in dem bisherigen Sinne, daß sie die vom Staate bevorzugte oder privilegierte sei, sondern als diejenige Religion, welche der »freie Staat« von jedem der Seinigen, er sei privatim Jude, Christ oder was sonst, zu fordern nicht nur berechtigt, sondern genötigt ist. Sie tut nämlich dem Staate dieselben Dienste wie die Pietät der Familie. Soll die Familie von jedem der Ihrigen in ihrem Bestande anerkannt und erhalten werden, so muß ihm das Band des Blutes heilig, und sein Gefühl dafür das der Pietät, des Respektes gegen die Blutsbande, sein, wodurch ihm jeder Blutsverwandte zu einem Geheiligten wird. So auch muß jedem Gliede der Staatsgemeinde diese Gemeinde heilig, und der Begriff, welcher dem Staate der höchste ist, gleichfalls der höchste sein.

Welcher Begriff ist aber dem Staate der höchste? Doch wohl der, eine wirklich menschliche Gesellschaft zu sein, eine Gesellschaft, in welcher jeder als Glied Aufnahme erhalten kann, der wirklich Mensch, d.h. nicht Unmensch, ist. Gehe die Toleranz eines Staates noch so weit, gegen einen Unmenschen und gegen das Unmenschliche hört sie auf. Und doch ist dieser »Unmensch« ein Mensch, doch ist das »Unmenschliche« selbst etwas Menschliches, ja nur einem Menschen, keinem Tiere, möglich, ist eben etwas »Menschenmögliches«. Obgleich aber jeder Unmensch ein Mensch ist, so schließt ihn doch der Staat aus, d.h. er sperrt ihn ein, oder verwandelt ihn aus einem Staatsgenossen in einen Gefängnisgenossen (Irrenhaus- oder Krankenhausgenossen nach dem Kommunismus).

Mit dürren Worten zu sagen, was ein Unmensch sei, hält nicht eben schwer: es ist ein Mensch, welcher dem Begriffe Mensch nicht entspricht, wie das Unmenschliche ein Menschliches ist, welches dem Begriffe des Menschlichen nicht angemessen ist. Die Logik nennt dies ein »widersinniges Urteil«. Dürfte man wohl dies Urteil, daß einer Mensch sein könne, ohne Mensch zu sein, aussprechen, wenn man nicht die Hypothese gelten ließe, daß der Begriff des Menschen von der Existenz, das Wesen von der Erscheinung getrennt sein könne? Man sagt: der erscheint zwar als Mensch, ist aber kein Mensch.

Dies »widersinnige Urteil« haben die Menschen eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch gefällt! Ja, was noch mehr ist, in dieser langen Zeit gab es nur – Unmenschen. Welcher einzelne hätte seinem Begriffe entsprochen? Das Christentum kennt nur einen Menschen, und dieser eine – Christus – ist sogleich wieder im umgekehrten Sinne ein Unmensch, nämlich ein übermenschlicher Mensch, ein »Gott«. Wirklicher Mensch ist nur der – Unmensch.

Menschen, die keine Menschen sind, was wären sie anders als Gespenster? Jeder wirkliche Mensch ist, weil er dem Begriffe »Mensch« nicht entspricht, oder weil er nicht »Gattungsmensch« ist, ein Spuk. Aber bleibe ich auch dann noch ein Unmensch, wenn ich den Menschen, der nur als mein Ideal, meine Aufgabe, mein Wesen oder Begriff über mich hinausragte und mir jenseitig blieb, zu meiner mir eigenen und inhärenten Eigenschaft herabsetzte, so daß der Mensch nichts anderes ist, als meine Menschlichkeit, mein Menschsein, und alles, was ich tue, gerade darum menschlich ist, weil ich’s tue, nicht aber darum, weil es dem Begriffe »Mensch« entspricht? Ich bin wirklich der Mensch und Unmensch in einem; denn ich bin Mensch und bin zugleich mehr als Mensch, d.h. ich bin das Ich dieser meiner bloßen Eigenschaft.

Es mußte endlich dahin kommen, daß man uns nicht mehr bloß zumutete, Christen zu sein, sondern Menschen zu werden; denn obwohl wir auch Christen niemals wirklich werden konnten, sondern immer »arme Sünder« blieben (der Christ war ja eben auch ein unerreichbares Ideal), so kam dabei doch die Widersinnigkeit nicht so zum Bewußtsein, und die Täuschung war leichter als jetzt, wo an uns, die wir Menschen sind und menschlich handeln, ja gar nicht anders können, als dies zu sein und so zu handeln, die Forderung gestellt wird: wir sollen Menschen sein, »wirkliche Menschen«.

Unsere heutigen Staaten bürden zwar, weil ihnen von ihrer kirchlichen Mutter noch allerhand anklebte den Ihrigen noch mancherlei Verpflichtungen auf (z.B. kirchliche Religiosität), die sie, die Staaten, eigentlich nichts angehen; aber sie verleugnen doch im ganzen ihre Bedeutung nicht, indem sie für menschliche Gesellschaften angesehen werden wollen, in welchen der Mensch als Mensch ein Glied sein kann, wenn er auch minder privilegiert ist als andere Mitglieder; die meisten lassen Anhänger jeder religiösen Sekte zu und rezipieren die Leute ohne Rassen- oder Nationalunterschied: Juden, Türken, Mohren usw. können französische Bürger werden. Der Staat sieht also bei der Aufnahme nur darauf, ob einer ein Mensch sei. Die Kirche, also eine Gesellschaft von Gläubigen, konnte nicht jeden Menschen in ihren Schoß aufnehmen; der Staat, als eine Gesellschaft von Menschen, kann es. Aber wenn der Staat sein Prinzip, bei den Seinigen nichts vorauszusetzen, als daß sie Menschen seien, rein vollzogen hat (bis jetzt setzen selbst die Nordamerikaner bei den Ihrigen noch voraus, daß sie Religion, wenigstens die Religion der Rechtschaffenheit, der Honettetät, haben), dann hat er sich sein Grab gegraben. Während er wähnen wird, an den Seinigen lauter Menschen zu besitzen, sind diese mittlerweile zu lauter Egoisten geworden, deren jeder ihn nach seinen egoistischen Kräften und Zwecken benutzt. An den Egoisten geht die »menschliche Gesellschaft« zugrunde; denn sie beziehen sich nicht mehr als Menschen aufeinander, sondern treten egoistisch als ein Ich gegen ein von mir durchaus verschiedenes und gegnerisches Du und Ihr auf.

Wenn der Staat auf unsere Menschlichkeit rechnen muß, so ist’s dasselbe, wenn man sagt: er müsse auf unsere Sittlichkeit rechnen. Ineinander den Menschen sehen und gegeneinander als Menschen handeln, das nennt man ein sittliches Verhalten. Es ist das ganz und gar die »geistige Liebe« des Christentums. Sehe ich nämlich in dir den Menschen, wie ich in mir den Menschen und nichts als den Menschen sehe, so sorge ich für dich, wie ich für mich sorgen würde, denn wir stellen ja beide nichts als den mathematischen Satz vor: A=C und B=C, folglich A=B, d.h. ich nichts als Mensch und du nichts als Mensch, folglich ich und du dasselbe. Die Sittlichkeit verträgt sich nicht mit dem Egoismus, weil sie nicht mich, sondern nur den Menschen an mir gelten läßt. Ist aber der Staat eine Gesellschaft der Menschen, nicht ein Verein von Ichen, deren jedes nur sich im Auge hat, so kann er ohne Sittlichkeit nicht bestehen und muß auf Sittlichkeit halten.

Darum sind wir beide, der Staat und ich, Feinde. Mir, dem Egoisten, liegt das Wohl dieser »menschlichen Gesellschaft« nicht am Herzen, ich opfere ihr nichts, ich benutze sie nur; um sie aber vollständig benutzen zu können, verwandle ich sie vielmehr in mein Eigentum und mein Geschöpf, d.h. ich vernichte sie und bilde an ihrer Stelle den Verein von Egoisten.

Also es verrät der Staat seine Feindschaft gegen mich dadurch, daß er fordert, ich soll Mensch sein, was voraussetzt, daß ich es auch nicht sein und ihm für einen »Unmenschen« gelten könne: er legt mir das Menschsein als eine Pflicht auf. Ferner verlangt er, daß ich nichts tue, wobei er nicht bestehen könne; sein Bestand also soll mir heilig sein. Dann soll ich kein Egoist, sondern ein »honetter, rechtschaffener«, d.h. sittlicher Mensch sein. Genug, ich soll gegen ihn und seinen Bestand ohnmächtig und respektvoll sein usw.

Dieser Staat, allerdings nicht ein gegenwärtiger, sondern des Erschaffens erst noch bedürftig, ist das Ideal des fortschreitenden Liberalismus. Es soll eine wahrhafte »Menschengesellschaft« entstehen, worin jeder »Mensch« Platz findet. Der Liberalismus will »den Menschen« realisieren, d.h. ihm eine Welt schaffen, und dies war die menschliche Welt oder die allgemeine (kommunistische) Menschengesellschaft. Man sagte: »Die Kirche konnte nur den Geist, der Staat soll den ganzen Menschen berücksichtigen«. Aber ist »der Mensch« nicht »Geist«? Der Kern des Staates ist eben »der Mensch«, diese Unwirklichkeit, und er selber ist nur »Menschengesellschaft«. Die Welt, welche der Gläubige (gläubige Geist) schafft, heißt Kirche, die Welt, welche der Mensch (menschliche oder humane Geist) schafft, heißt Staat. Das ist aber nicht meine Welt. Ich verrichte nie in abstracto Menschliches, sondern immer Eigenes, d.h. meine menschliche Tat ist von jeder andern menschlichen verschieden und ist nur durch diese Verschiedenheit eine wirkliche, mir zugehörige Tat. Das Menschliche an ihr ist eine Abstraktion, und als solches Geist, d.h. abstrahiertes Wesen.

Br. Bauer spricht es z.B. Judenfrage S. 84 aus, daß die Wahrheit der Kritik die letzte, und zwar die vom Christentum selber gesuchte Wahrheit sei, nämlich »der Mensch«. Er sagt: »Die Geschichte der christlichen Welt ist die Geschichte des höchsten Wahrheitskampfes, denn in ihr – und nur in ihr! – handelt es sich um die Entdeckung der letzten oder der ersten Wahrheit – des Menschen und der Freiheit.«

Wohlan, lassen wir uns diesen Gewinn gefallen, und nehmen wir den Menschen für das endlich gefundene Resultat der christlichen Geschichte und überhaupt des religiösen oder idealen Strebens der Menschen. Wer ist nun der Mensch? Ich bin es! Der Mensch, das Ende und Ergebnis des Christentums, ist als Ich der Anfang und das auszunutzende Material der neuen Geschichte, einer Geschichte des Genusses nach der Geschichte der Aufopferungen, einer Geschichte nicht des Menschen oder der Menschheit, sondern – meiner. Der Mensch gilt als das Allgemeine. Nun denn, ich und das Egoistische ist das wirklich Allgemeine, da jeder ein Egoist ist und sich über alles geht. Das Jüdische ist nicht das rein Egoistische, weil der Jude sich noch an Jehova hingibt, das Christliche ist es nicht, weil der Christ von der Gnade Gottes lebt und sich ihm unterwirft. Es befriedigt als Jude wie als Christ ein Mensch nur gewisse seiner Bedürfnisse, nur eine gewisse Notdurft, nicht sich: ein halber Egoismus, weil der Egoismus eines halben Menschen, der halb er, halb Jude, oder halb sein Eigentümer, halb sein Sklave ist. Darum schließen Jude und Christ sich auch zur Hälfte immer aus, d.h. als Menschen erkennen sie sich an, als Sklaven schließen sie sich aus, weil sie zweier verschiedener Herren Diener sind. Könnten sie vollkommene Egoisten sein, so schlössen sie sich ganz aus und hielten um so fester zusammen. Nicht daß sie sich ausschließen, ist ihre Schmach, sondern daß dies nur halb geschieht. Dagegen meint Br. Bauer, als »Menschen« können sich Juden und Christen erst betrachten und gegenseitig behandeln, wenn sie das besondere Wesen, welches sie trennt und zu ewiger Absonderung verpflichtet, aufgeben, das allgemeine Wesen »des Menschen« anerkennen und als ihr »wahres Wesen« betrachten.

Nach seiner Darstellung liegt der Fehler der Juden wie der Christen darin, daß sie etwas »Apartes« sein und haben wollen, statt nur Menschen zu sein und Menschliches zu erstreben, nämlich die »allgemeinen Menschenrechte«. Er meint, ihr Grundirrtum bestehe in dem Glauben, sie seien »privilegiert«, besäßen »Vorrechte«, überhaupt in dem Glauben an das Vorrecht. Dagegen hält er ihnen das allgemeine Menschenrecht vor. Das Menschenrecht! –

Der Mensch ist der Mensch überhaupt und insofern jeder, der Mensch ist. Nun soll jeder die ewigen Menschenrechte haben, und in der vollkommenen »Demokratie« oder, wie es richtiger heißen müßte – Anthropokratie, nach der Meinung der Kommunisten sie genießen. Aber nur ich habe alles, was ich mir – verschaffe; als Mensch habe ich nichts. Man möchte jedem Menschen alles Gute zufließen lassen, bloß weil er den Titel »Mensch« hat. Ich aber lege den Akzent auf mich, nicht darauf, daß ich Mensch bin.

Der Mensch ist nur etwas als meine Eigenschaft (Eigentum), wie die Männlichkeit oder Weiblichkeit. Die Alten fanden das Ideal darin, daß man im vollen Sinne Mann sei; ihre Tugend ist virtus und arete, d.h. Männlichkeit. Was soll man von einem Weibe denken, das nur vollkommen »Weib« sein wollte? Das ist nicht jedem gegeben, und mancher würde sich damit ein unerreichbares Ziel setzen. Weiblich dagegen ist sie ohnehin, von Natur, die Weiblichkeit ist ihre Eigenschaft, und sie braucht der »echten Weiblichkeit« nicht. Ich bin Mensch, gerade so, wie die Erde Stern ist. So lächerlich es wäre, der Erde die Aufgabe zu stellen, ein »rechter Stern« zu sein, so lächerlich ist’s, mir als Beruf aufzubürden, ein »rechter Mensch« zu sein.

Wenn Fichte sagt: »Das Ich ist alles«, so scheint dies mit meinen Aufstellungen vollkommen zu harmonieren. Allein nicht das Ich ist alles, sondern das Ich zerstört alles, und nur das sich selbst auflösende Ich, das nie seiende Ich, das – endliche Ich ist wirklich Ich. Fichte spricht vom »absoluten« Ich, ich aber spreche von mir, dem vergänglichen Ich.

Wie nahe liegt die Meinung, daß Mensch und Ich dasselbe sagen, und doch sieht man z.B. an Feuerbach, daß der Ausdruck »Mensch« das absolute Ich, die Gattung bezeichnen soll, nicht das vergängliche, einzelne Ich. Egoismus und Menschlichkeit (Humanität) müßten das gleiche bedeuten, aber nach Feuerbach kann der einzelne (das »Individuum«) »sich nur über die Schranken seiner Individualität erheben, aber nicht über die Gesetze, die positiven Wesensbestimmungen seiner Gattung«. Allein die Gattung ist nichts, und wenn der einzelne sich über die Schranken seiner Individualität erhebt, so ist dies vielmehr gerade er selbst als einzelner, er ist nur, indem er sich erhebt, er ist nur, indem er nicht bleibt, was er ist; sonst wäre er fertig, tot. Der Mensch ist nur ein Ideal, die Gattung nur ein Gedachtes. Ein Mensch sein, heißt nicht das Ideal des Menschen erfüllen, sondern sich, den einzelnen, darstellen. Nicht, wie ich das allgemein Menschliche realisiere, braucht meine Aufgabe zu sein, sondern wie ich mir selbst genüge. Ich bin meine Gattung, bin ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster u. dergl. Möglich, daß ich aus mir sehr wenig machen kann; dies wenige ist aber alles und ist besser, als was ich aus mir machen lasse durch die Gewalt anderer, durch die Dressur der Sitte, der Religion, der Gesetze, des Staates usw. Besser – wenn einmal von besser die Rede sein soll – besser ein ungezogenes als ein altkluges Kind, besser ein widerwilliger als ein zu allem williger Mensch. Der Ungezogene und Widerwillige befindet sich noch auf dem Wege, nach seinem eigenen Willen sich zu bilden; der Altkluge und Willige wird durch die »Gattung«, die allgemeinen Anforderungen usw. bestimmt, sie ist ihm Gesetz. Er wird dadurch bestimmt: denn, was ist ihm die Gattung anders als seine »Bestimmung«, sein »Beruf«? Ob ich auf die »Menschheit«, die Gattung, blicke, um diesem Ideal nachzustreben, oder auf Gott und Christus mit gleichem Streben: wie wäre darin eine wesentliche Verschiedenheit? Höchstens ist jenes verwaschener als dieses. Wie der einzelne die ganze Natur, so ist er auch die ganze Gattung.

Durch das, was ich bin, ist allerdings alles bedingt, was ich tue, denke usw., kurz meine Äußerung oder Offenbarung. Der Jude z.B. kann nur so oder so wollen, kann nur so »sich geben«; der Christ kann sich nur christlich geben und offenbaren usw. Wäre es möglich, daß du Jude oder Christ sein könntest, so brächtest du freilich nur Jüdisches oder Christliches zutage; allein es ist nicht möglich, du bleibst beim strengsten Wandel doch ein Egoist, ein Sünder gegen jenen Begriff, d.h. du bist nicht = Jude. Weil nun immer das Egoistische wieder durchblickt, so hat man nach einem vollkommeneren Begriffe gefragt, der wirklich ganz ausdrückte, was du bist, und der, weil er deine wahre Natur ist, alle Gesetze deiner Betätigung enthielte. Das vollkommenste der Art hat man im »Menschen« erreicht. Als Jude bist du zu wenig und das Jüdische ist nicht deine Aufgabe; ein Grieche, ein Deutscher zu sein, reicht, nicht aus. Aber sei ein – Mensch, dann hast du alles; das Menschliche sieh als deinen Beruf an.

Nun weiß ich, was ich soll, und der neue Katechismus kann abgefaßt werden. Wieder ist das Subjekt dem Prädikat unterworfen, der einzelne einem Allgemeinen; wieder ist einer Idee die Herrschaft gesichert und zu einer neuen Religion der Grund gelegt. Es ist dies ein Fortschritt im religiösen, und speziell im christlichen Gebiete, kein Schritt über dasselbe hinaus.

Der Schritt darüber hinaus führt ins Unsagbare. Für mich hat die armselige Sprache kein Wort, und »das Wort«, der Logos, ist mir ein »bloßes Wort«.

Man sucht mein Wesen. Ist’s nicht der Jude, der Deutsche usw., so doch – der Mensch. »Der Mensch ist mein Wesen.«

Ich bin mir zuwider oder widerwärtig; mir graut und ekelt vor mir, ich bin mir ein Greuel, oder ich bin mir nie genug und tue mir nie genug. Aus solchen Gefühlen entspringt die Selbstauflösung oder Selbstkritik. Mit der Selbstverleugnung beginnt, mit der vollendeten Kritik schließt die Religiosität.

Ich bin besessen und will den »bösen Geist« loswerden. Wie fange ich’s an? Ich begehe getrost die Sünde, welche dem Christen die ärgste scheint, die Sünde und Lästerung wider den heiligen Geist. »Wer den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich, sondern ist schuldig des ewigen Gerichts!«. Ich will keine Vergebung und fürchte mich nicht vor dem Gerichte.

Der Mensch ist der letzte böse Geist oder Spuk, der täuschendste oder vertrauteste, der schlaueste Lügner mit ehrlicher Miene, der Vater der Lügen.

Indem der Egoist sich gegen die Anmutungen und Begriffe der Gegenwart wendet, vollzieht er unbarmherzig die maßloseste – Entheiligung. Nichts ist ihm heilig!

Es wäre töricht, zu behaupten, es gäbe keine Macht über der meinigen. Nur die Stellung, welche ich mir zu derselben gebe, wird eine durchaus andere sein, als sie im religiösen Zeitalter war: ich werde der Feind jeder höheren Macht sein, während die Religion lehrt, sie uns zur Freundin zu machen und demütig gegen sie zu sein.

Der Entheiliger spannt seine Kraft gegen jede Gottesfurcht, denn Gottesfurcht würde ihn in allem bestimmen, was er als heilig bestehen ließe. Ob am Gottmenschen der Gott oder der Mensch die heiligende Macht übe, ob also etwas um Gottes oder um des Menschen (der Humanität) willen heilig gehalten werde, das ändert die Gottesfurcht nicht, da der Mensch so gut als »höchstes Wesen« verehrt wird, als auf dem speziell religiösen Standpunkte der Gott als »höchstes Wesen« unsere Furcht und Ehrfurcht verlangt, und beide uns imponieren.

Die eigentliche Gottesfurcht hat längst eine Erschütterung erlitten, und ein mehr oder weniger bewußter »Atheismus«, äußerlich an einer weitverbreiteten »Unkirchlichkeit« erkennbar, ist unwillkürlich Ton geworden. Allein, was dem Gott genommen wurde, ist dem Menschen zugesetzt worden, und die Macht der Humanität vergrößerte sich in eben dem Grade, als die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: »der Mensch« ist der heutige Gott, und Menschenfurcht an die Stelle der alten Gottesfurcht getreten.

Weil aber der Mensch nur ein anderes höchstes Wesen vorstellt, ist in der Tat am höchsten Wesen nichts als eine Metamorphose vor sich gegangen und die Menschenfurcht bloß eine veränderte Gestalt der Gottesfurcht.

Unsere Atheisten sind fromme Leute.

Trugen wir in der sogenannten Feudalzeit alles von Gott zu Lehen, so findet in der liberalen Periode dasselbe Lehnsverhältnis mit dem Menschen statt. Gott war der Herr, jetzt ist der Mensch der Herr; Gott war der Mittler, jetzt ist’s der Mensch; Gott war der Geist, jetzt ist’s der Mensch. In dieser dreifachen Beziehung hat das Lehnsverhältnis eine Umgestaltung erfahren Wir tragen jetzt nämlich erstens von dem allmächtigen Menschen zu Lehen unsere Macht, die, weil sie von einem Höheren kommt, nicht Macht oder Gewalt, sondern »Recht« heißt: das »Menschenrecht«; wir tragen ferner von ihm unsere Weltstellung zu Lehen, denn er, der Mittler, vermittelt unsern Verkehr, der darum nicht anders als »menschlich« sein darf; endlich tragen wir von ihm uns selbst zu Lehen, nämlich unseren eigenen Wert oder alles, was wir wert sind, da wir eben nichts wert sind, wenn er nicht in uns wohnt, und wenn oder wo wir nicht »menschlich« sind. – Die Macht ist des Menschen, die Welt ist des Menschen, ich bin des Menschen.

Wie aber, bleibt mir’s nicht unbenommen, mich zum Berechtiger, zum Mittler und zum eigenen Selbst zu erklären? Dann lautet es also:

Meine Macht ist mein Eigentum.

Meine Macht gibt mir Eigentum.

Meine Macht bin ich selbst und bin durch sie mein Eigentum.

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