Ludwig Büchner: Der freie Wille / Die Moral

Im Folgenden ein Ausschnitt aus Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“ (laut wikipedia um 1855 zum ersten Mal publiziert). Wer beim Nachnamen“ ist das nicht… der Name kommt mir bekannt vor“ dachte, der hatte vermutlich Ludwigs Bruder Georg Büchner im Sinn, den bedeutenden Literaten des Vormärzes und Autor der berühmten Werke Lenz, Woyzeck und Dantons Tod. Zu Georg Büchner allerdings zu einem anderen Zeitpunkt, spätestens mit Lenz im Rahmen des Melancholie-Diskurses.

Ludwig Büchner war ein bedeutender Vertreter des Materialismus, verbreitete die Evolutionstheorie Darwins im deutschsprachigen Raum (Danke Ludwig!) und gründete den Deutschen Freidenkerbund. Im folgenden Ausschnitt beschäftigt sich Büchner unter anderem mit den Fragen nach der Natur der Moral sowie ihrer Entstehung in Abhängigkeit der Religion. Dem freien Willen (bzw. der Abhängigkeit vom Trieb) widmet er sich besonders intensiv; in diesem Zusammenhang werden auch die Phänomene Verbrechen und Strafe neu bewertet. Interessant ist hier unter anderem die Auseinandersetzung mit der Frage hinsichtlich des ontologischen Status von absoluten bzw. objektiven Werten [Werterelativismus?!]. Die Analyse der menschlichen Natur und ihre Abhängigkeit von äußeren Umständen sind in Anbetracht des historischen Kontextes, bzw. des biologisch-kulturellen Diskurses zu lesen: Viele Ansichten Büchners (gen Ende des Textes) sind zweifelsohne bereits widerlegt, bzw. muten doch recht seltsam an oder sind in ihrer spekulativen Ausrichtung abwegig (bspw. der Einfluss des Boden oder des Wetters auf die „Nationalseele“, Engländer und Nebel etc.).

Anmerkung: Der hier aufgeführte Text entstammt einer älteren Ausgabe (um 1855). Ich besitze allerdings einen Ausdruck einer älteren Ausgabe, der sich vor allem nach den ersten Absätzen gravierend von diesem hier unterscheidet und um Klassen besser ist; so trägt dieser hier vorliegende Abschnitt von http://www.zeno.org/nid/20009159959 noch den Titel „Der freie Wille“, während meine (anscheinend 1883 erschienene) Ausgabe den Titel „Die Moral“ anführt. – Sollte ich die andere Ausgabe jemals online finden, werde ich nachbessern. Nun zum Text:

Ludwig Büchner, 1824 - 1899

Ludwig Büchner

Der freie Wille / Die Moral

„Der Mensch ist frei, wie der Vogel im Käfig; er kann sich innerhalb gewisser Grenzen bewegen.“ Lavater

„Ein freier Wille, eine Willenstat, die unabhängig wäre von der Summe der Einflüsse, die in jedem einzelnen Augenblicke den Menschen bestimmen und auch dem Mächtigen seine Schranken setzen, besteht nicht.“ Moleschott

Und die Moral!? – So hören wir bereits im Geiste ein endloses Heer fanatischer Moralisten, nachdem sie den Versuch gemacht haben, unserm Gedankengange bis hierher zu folgen, aus tausend Kehlen rufen und sehen sie bereit, mit Zähnen und Fäusten und allem theologischen Kriegsgerät ihres wohlgefüllten Arsenals auf unsere, wie sie denken, aus höheren Gründen unhaltbare Position einzudringen. Und die Moral!? Wenn es keine höheren Mächte, keine im Himmel richtenden und strafenden Gewalten, wenn es kein ewiges Leben gibt, was bedeuten alsdann die Begriffe Tugend und Sünde? Was soll ferner die Handlungen der Menschen bestimmen? Gingen wir nicht mit solchen Grundsätzen einem bellum omnium contra omnes entgegen? Und eine Reihe anderer stereotyp gewordener Fragen, welche man bis jetzt niemals versäumt hat denen entgegenzuhalten, welche es wagten, vorgefaßten Meinungen entgegenzutreten. Wir könnten uns füglich sehr wohl der Pflicht oder der Mühe überheben, auf solche Fragen zu antworten, und uns für unfähig erklären, zu wissen, welche allenfallsigen praktischen Folgen das Resultat unserer auf Tatsachen beruhenden Untersuchungen haben dürfte oder müßte; und wir würden es in der Tat vorziehen, uns derart passiv zu verhalten, wenn nicht die Beantwortung jener Fragen allzu genau und innig mit unsern naturphilosophischen Untersuchungen und Ansichten überhaupt zusammenhinge und gewissermaßen als der notwendige Schlußstein des Ganzen angesehen werden könnte. – Es gehen nun die Ansichten derjenigen, welche einen freiwilligen moralischen Antrieb der Menschennatur für notwendig erachten und glauben, daß ohne einen solchen die menschliche Gesellschaft Not leiden müsse, in zwei verschiedenen Richtungen auseinander. Denjenigen, welche jenen Antrieb in den Versprechungen der Religion, in der Furcht vor Strafe und der Aussicht auf eine ewige Belohnung suchen, hat man gewiß mit dem vollkommensten Fug und Recht geantwortet, daß die Beweggründe, welche sie für die Ausübung der Tugend aufstellen, derart gemeiner und eigennütziger Natur seien, daß damit jeder wirklichen Moral vor den Kopf gestoßen würde. Um eines äußeren, wenn auch erst später zu erwartenden Vorteils willen das Gute zu tun – kann nicht Verdienst, sondern nur schlaue Berechnung sein. Es drückt sich diese Denkweise recht offen in den naiven Worten Luthers aus: »Ich wollte nicht einen Augenblick im Himmel für aller Welt Gut und Freude geben, ob es gleich Tausend und aber Tausend Jahre währte« – und es charakterisiert sich darin deutlich der Standpunkt derjenigen, welche aus persönlichem Interesse sittlichen Geboten folgen und Gutes an ihren Mitmenschen tun, damit es im Himmel an ihnen selbst tausendfältig wieder vergolten werde. Sie handeln wie ein Jude, der auf Zinsen wuchert.

[Anmerkung meinerseits: Ich sehe grundsätzlich davon ab bzw. bewerte es als unwissenschaftlich, den genauen Wortlaut der hier vorgestellten Texte zu verschweigen, zu kürzen, in irgendeiner Form (mit Ausnahme der Hervorhebung) zu verändern oder gar umzuformulieren. Ich habe den obigen Satz daher durchgestrichen („er hat Jude gesagt“…), damit unbezweifelbar ist, dass ich mich inhaltlich klar von diesem distanziere und ihn nur der wissenschaftlichen Ethik gemäß, d.h. der Vollständigkeit halber zitiere. Hinzugefügt sei allerdings, dass es sich angesichts Büchners Geschichte und Arbeit sowie eingedenk des kulturellen Hintergrunds und der historischen Diskursregeln nicht um eine verachtenswerte rechtsradikale bzw. faschistische Äußerung, sondern vielmehr um ein unbestritten schlecht gewähltes Beispiel handelt. – Solche Anmerkungen sind dieser Tage leider notwendig, weil sowohl Linke als auch Rechte stets versucht sind, einen entweder für ihre widerwärtige Sache einzunehmen oder – sollte man sich entschieden gegen ihre Sache stellen – mit aus der Luft gegriffenen Vermutungen, albernen Assoziationen, peinlich persönlichen Angriffen und selbstgerecht-unwissenschaftlichen Vorwürfen reagieren. – Nun weiter im Text]

Nicht bloß Heuchelei und niedrige Berechnung, sondern auch ein unerträglicher Hochmut drückt sich in dieser Denkweise aus. Sowohl auf Erden als auch jenseits die Ersten und Bevorzugten zu sein, auf den vordersten Stühlen zu sitzen – das war von je und ist heute noch das Streben und der Glaube dieser Art von Moralisten. »Die Frommen«, sagt Börne, »sehen den Himmel für einen Hof an und blicken mit Verachtung auf alle diejenigen herab, die nicht hoffähig sind wie sie.« Wie solche religiöse Vorstellungen und Lehren, welche gerade dieses Moment stets und vorzugsweise betont haben, dazu gedient haben sollen, das Menschengeschlecht geistig und sittlich zu erziehen und heranzubilden – ist uns jederzeit unbegreiflich erschienen, und wir möchten eher supponieren, daß diese Entwicklung nicht wegen, sondern trotz jener Lehren stattgefunden habe. Daß überhaupt das Menschengeschlecht in den ewigen entsetzlichen Greueln religiöser Verfolgungen nicht untergegangen ist, beweist nur für die unendliche Zähigkeit der menschlichen Natur, welche in der Tat mehr ertragen kann, als die kühnste Phantasie ihr von vornherein zutrauen würde. – Im Gegensatz zu dieser ganzen externen Moral behauptet eine zweite moralische Richtung oder Schule, es solle das Gute nicht wegen äußerer Beweggründe, sondern um seiner selbst willen, es solle geübt werden, weil es eben gut sei. Glaubten wir das Recht zu haben, die erste Ansicht, welche das Gute um eines äußeren himmlischen Antriebs willen tut, als eine unmoralische zu bezeichnen, so glauben wir andererseits nicht zu viel zu sagen, wenn wir die zweite eine phantastische nennen. Vor allem sind die allgemeinen moralischen Begriffe bis zu einem solchen Grade relativ, einander widersprechend, von äußeren Verhältnissen oder individueller Anschauung abhängig, daß es geradezu als eine Unmöglichkeit er scheinen muß, irgendeine absolute Wertbestimmung für den Begriff des Guten zu gewinnen. An tausend und abertausend Beispielen des täglichen Lebens ließe sich dies mit Leichtigkeit nachweisen. »Du sollst nicht töten«, lautet ein Gesetz der Moral; aber der Krieg tötet viele Tausende, ohne daß man seine Urheber eines Verbrechens beschuldigt, und in der Vernichtung seiner Feinde entwickelte der Mensch von je seine höchsten Großtaten, seine größten Tugenden. Und wieviele Totschläger wird man finden, welche nicht glauben, ein Recht zu ihrer Tat gehabt zu haben! »Du sollst nicht stehlen«, lautet ein zweites Gebot des Sittengesetzes. Aber bei manchen Völkern gilt der Diebstahl für eine Tugend, und der Arme, welcher dem mehr Besitzenden etwas nimmt, denkt damit nicht im entferntesten, ein Unrecht zu tun, sondern nur sein natürliches Anrecht an den materiellen Besitzstand der Menschheit geltend zu machen. »Du sollst nicht ehebrechen!« Aber die Ehe ist bekanntermaßen ein zufälliges und rein menschliches Institut, welches von verschiedenen Völkern oder verschiedenen Gesellschaften in höchst verschiedener Weise angeordnet wird; und die Moralgebote, welche sich auf die Ehe beziehen, sind willkürliche und äußerliche, an die sich das eigne Gewissen selten für gebunden erachtet. Als höchstes Gebot der Moral und Selbstverleugnung verlangt eine gewisse religiöse Lehre, daß man seinen Feind lieben solle – eine jedem natürlichen Gefühl hohnsprechende Verordnung. Wer aber diese Lehre praktisch befolgen wollte, den würde man für einen Schwärmer oder einen Verrückten halfen. In ähnlicher Weise ließe sich wohl an jedem einzelnen Hauptgebote der Moral seine innere Haltlosigkeit und sein Mangel an absolutem Wert nachweisen. Scheint uns dennoch auf den ersten Anblick etwas Festes oder Unverrückbares darin zu liegen, so liegt die Schuld hiervon in der bestimmten Form jener gesetzlichen Vorschriften, welche die menschliche Gesellschaft zu ihrer Selbsterhaltung notwendig erachtet und nach und nach erfahrungsgemäß festgestellt hat. Aber auch diese Vorschriften sind äußerst schwankend nach Verhältnis äußerer Umstände, verschiedener Zeiten und Ansichten. Die Tötung einer ungebornen Frucht schien den Römern eine nicht im geringsten gegen die Moral verstoßende Sache; heute hat man dafür strenge Strafen. Eine Menge Dinge, welche die Sitte heute als abscheulich brandmarkt, fand man früher ganz in der Ordnung usw. Erziehung, Lehre, Beispiel machen uns Tag für Tag mit diesen Vorschriften bekannt und verleiten uns, an ein angeborenes Sittengesetz zu glauben, dessen einzelne Bestandteile sich bei näherer Betrachtung als Paragraphen des Strafgesetzbuchs erweisen. Dabei besteht dennoch ein sehr großer Unterschied zwischen den Gesetzen des Staates, der Sitte, der Religion und denen, welche seine eigne Natur dem Einzelnen in jedem besonderen Falle vorschreibt (siehe Angeborne Ideen). Dieser Unterschied hat in Geschichte und Dichtung von je die größten tragischen Motive abgegeben und wird sie jederzeit abgeben. Gäbe es wirklich ein objektives Recht, wie könnte da ein Unterschied zwischen Recht und Gesetz sein!

Unter diesen Umständen dürfte es kaum möglich sein, in jener Phrase »das Gute um seiner selbst willen tun«, einen bestimmten Sinn, einen materiellen Gehalt aufzufinden. Ein von Menschen gegebenes Gesetz befolgt man nicht um seiner selbst willen, sondern entweder infolge der Erkenntnis, daß es ein notwendiges Bedingnis zur Erhaltung der Staatsgesellschaft darstellt, oder aus Furcht vor Strafe. Es kann nur Mittel sein, nicht Selbstzweck. Überdem geht dem Begriff »gut«, wie wir nachgewiesen haben, jeder absolute, zwingende Wert ab, und er kann schon darum nicht als Selbstzweck definiert werden. Es ist durchaus nicht schwer für den Einzelnen, sich auf einen Punkt geistiger Betrachtung zu erheben, von welchem aus ihm überhaupt alle moralischen Begriffe als nicht bindend und unterschiedslos erscheinen, und dies beweist deutlich genug für die Wahrheit, daß diese Begriffe unserem geistigen Wesen keineswegs immanent oder angeboren sind. Von diesem Punkte aus kann es dem Einzelnen ganz gleichgültig für sich selbst oder sein Gewissen sein, wie er handelt, vorausgesetzt, daß er die Konflikte mit der menschlichen Gesellschaft und ihren Gesetzen vermeidet. Man könnte demnach mit demselben Rechte, mit dem man vorgibt, das Gute um seiner selbst willen auszuüben, behaupten, man wolle das Schlechte um seiner selbst willen tun, und es ließe sich kaum etwas logisch Triftiges dagegen einwenden. – In der Tat nun sind alle diese theoretischen Streitigkeiten, Vorgaben, Maximen usw. nach unserer Ansicht zum größten Teil nutz- und inhaltloses, unpraktisches Gerede, da die Handlungen der Menschen sich nicht nach ihnen bestimmen und niemals nach ihnen bestimmt haben. Der Einfluß, den sogenannte moralische Betrachtungen auf das menschliche Tun sowohl im Leben der Völker als der Einzelnen zu allen Zeiten gehabt haben und noch haben, ist nachweisbar ein sehr geringer und im Verhältnis zu anderweitigen Motiven verschwindend kleiner. Weder tun wir das Gute, noch tun wir das Schlechte um seiner selbst willen, sondern wir tun es um unserer selbst willen, wir tun, was unserer Natur in jedem einzelnen Falle entspricht und wozu die äußeren Umstände am entscheidendsten hindrängen. »Gut ist«, sagt Feuerbach, »was dem Menschen gemäß ist, entspricht; schlecht, verwerflich, was ihm widerspricht.« – »Die Handlungen der Menschen«, läßt Auerbach seinen Baumann sagen, »sind unabhängig von dem, was sie über Gott usw. glauben, sie handeln nach inneren Eingebungen oder Gewohnheiten.« In diesem Sinne sind wir alle Epikuräer und Egoisten, denn wir tun nur das, was uns angenehm oder vorteilhaft erscheint; wir folgen meist blindlings den Anstößen, welche uns die Beschaffenheit unserer inneren Natur oder die äußeren Umstände erteilen, unbekümmert um das, was Moral oder Sitte spricht. Diese Anstöße aber beruhen auf ebensolchen Naturnotwendigkeiten wie der ganze Bau der Welt. Die interessante und neue Wissenschaft der Statistik hat bestimmte Naturgesetze in allen jenen Erscheinungen nachgewiesen, welche man bisher für Produkte des Zufalls, des freien Willens hielt. – Der Eine besitzt einen ausgezeichneten Hang zum Wohlwollen; alles, was er tut, zeugt von dieser Charaktereigentümlichkeit, er ist mildtätig, verträglich, von allen geliebt, und sein Genuß besteht darin, diesem Hange nachzuleben. Des Zweiten Charakter neigt zur Gewissenhaftigkeit; man wird ihn in allen Lagen des Lebens seinen Verpflichtungen aufs genaueste nachkommen und vielleicht seinem Leben freiwillig ein Ende machen sehen, wenn ihm die Möglichkeit dazu benommen ist. Im Gegensatz dazu verleitet den Leichtsinnigen seine geistige Disposition zu Handlungen, die dem Begriff des Schlechten nahekommen, ja denselben erreichen. Ein Vierter hat einen heftigen, zerstörungssüchtigen Charakter, den nur mit äußerster Mühe Verstand und Überlegung in gewisse Grenzen zu bannen vermögen. Der Fünfte besitzt eine große Neigung zu Kindern und ist der beste Vater, der liebenswürdigste Kinderfreund, während einen Sechsten der Mangel dieses Charakterzuges vielleicht rauh und lieblos erscheinen läßt. Eitelkeit oder Beifallsliebe kann die Ursache der größten Verbrechen oder der verkehrtesten Handlungen werden, und Festigkeit kann einen Menschen, dem auch nur die mittelmäßigsten Geistesgaben zukommen, zu den bedeutendsten Resultaten in Erstrebung irdischer Zwecke gelangen lassen. Welche Verkehrtheiten und unglaubliche Dinge hat der Sinn für Wunderbares im Menschen schon angerichtet! Alle diese natürlichen Neigungen sind so mächtig in der menschlichen Natur, daß die Überlegung ihnen nur einen geringen, die Religion meist gar keinen Damm entgegenzusetzen vermag; und stets bemerken wir, wie der Mensch am liebsten und leichtesten seiner Natur folgt. Wir stehen einem Leidenden bei, nicht weil es die Gesetze der Moral so wollen, sondern weil uns das Mitleid dazu drängt. Wie oft kommt es vor, daß ein Mensch sich selbst und seine geistige Individualität genau kennt, daß er weiß, welche Fehler er machen wird usw.; dennoch sieht er sich nicht imstande, gegen diesen inneren geistigen Zwang mit Erfolg anzukämpfen. Auch die mannigfaltigen sonderbaren Widersprüche in der moralischen Natur des einzelnen Menschen (Frommheit oder Kinderliebe ohne Wohlwollen, rührende moralische Gefühle bei den größten Verbrechern usw.) lassen sich auf gar keine andere Weise als infolge jenes natürlichen Zwanges erklären. – Und was ist denn nun endlich diese geistige Individualität, welche so bestimmend auf den Menschen einwirkt und ihm in jedem einzelnen Falle, abgesehen von weiter hinzutretenden äußeren Momenten, seine Handlungsweise mit einer solchen Stärke vorschreibt, daß nur ein äußerst kleiner Spielraum für seine freie Wahl bleibt, was ist diese Individualität anders als das notwendige Produkt angeborener Anlagen in Verbindung mit Erziehung, Lehre, Beispiel, Stand, Vermögen, Geschlecht, Nationalität, Klima, Boden, Zeitumständen usw. Demselben Gesetz, dem Pflanzen und Tiere unterliegen, unterliegt auch der Mensch, ein Gesetz, dessen markierten Zügen wir bereits in der Vorwelt begegnet sind. Wie die Pflanze nach Existenz, sowie nach Größe, Gestalt und Schönheit von dem Boden abhängig ist, in dem sie wurzelt, wie das Tier klein oder groß, zahm oder wild, schön oder häßlich ist, je nach den äußeren Umständen, unter denen es aufwuchs, wie ein Entozoë jedesmal ein anderer wird, wenn er in das Innere eines andern Tieres gelangt, so ist der Mensch nicht minder physisch und geistig ein Produkt solcher äußeren Umstände, Zufälligkeiten, Anlagen und wird auf diese Weise nicht jenes geistig unabhängige, freiwählende Wesen, als welchen ihn die Moralisten sich vorzustellen pflegen. Mehrere wissenschaftliche Disziplinen im Verein haben diese Tatsachen derart im einzelnen nachzuweisen sich bemüht, daß wir in dieser kurzen Darstellung uns an einigen tatsächlichen Andeutungen müssen genügen lassen. Galton (London Journal of the royal geogr. Soc., Vol. XXII) erzählt: Der Unterschied des moralischen Charakters und der physischen Beschaffenheit der verschiedenen Stämme Südafrikas hängt zusammen mit der Gestalt, dem Boden und der Vegetation ihrer verschiedenen Länder. Die dürren Inlandhochflächen, die nur mit dichten Dschungeln und kurzem Gestrüpp bedeckt sind, hegen die zwerghaften und sehnigen Buschmänner; in dem offenen, bergigen, undulierenden Weidland hausen die Dammares, eine Nation unabhängiger Hirten, wo jedes Familienhaupt in seinem kleinen Kreise oberster Herr ist; auf den reichen Kronländereien im Norden dagegen wohnt die zivilisierteste und am weitesten vorgeschrittene Rasse, die Ovambos.

Vor ungefähr 230 Jahren, erzählt Desor, kamen die ersten Kolonisten nach Neuengland, in jeder Hinsicht wahre Engländer. In dieser kurzen Zeit ist eine wesentliche Veränderung mit ihnen vorgegangen, es hat sich ein eigener amerikanischer Typus bei ihnen ausgebildet, hauptsächlich, wie es scheint, durch den Einfluß des Klimas. Der Amerikaner zeichnet sich aus durch seinen Mangel an Beleibtheit, durch seinen langen Hals, durch das Unruhige, stets fieberhaft Aufgeregte seines Charakters. Die geringe Entwicklung des Drüsensystems, welche den Amerikanerinnen jenen bekannten zarten und ätherischen Ausdruck der Figur verleiht, das starke lange, trockene Haar mag im Zusammenhang mit der großen Trockenheit der Luft stehen. Zur Zeit des Nordostwinds will man bemerkt haben, daß sich das Aufgeregtsein der Leute in Amerika um ein Beträchtliches steigert. – So würde das Großartige und Rapide in der amerikanischen Staatsentwicklung, welches wir anstaunen und wegen dessen wir die amerikanische Nation bewundern, vielleicht zum größten Teil Folge klimatischer Verhältnisse sein! Wir können dabei nicht unterlassen, auf den mächtigen Einfluß aufmerksam zu machen, welchen klimatische und Witterungsverhältnisse auf unsere individuelle geistige Stimmung ausüben; und wer hätte diese Bemerkung noch nicht an sich selbst gemacht? Unsere Entschlüsse schwanken mit dem Barometer, und eine Menge Dinge, die wir aus freier Wahl getan zu haben glauben, waren vielleicht nur Ausdrücke solcher zufälligen Verhältnisse. Ebenso üben persönliche körperliche Zustände einen unwiderstehlichen Einfluß auf unsere geistigen Stimmungen und Entschließungen. Der junge Mensch hat andere Vorstellungen als der alte, der Liegende denkt anders als der Aufrechtstehende, der Hungernde anders als der Gesättigte, der Behagliche anders als der Verstimmte und Gereizte usw. In dem ganzen Wesen des Engländers drückt sich sein trüber, nebliger Himmel, die schwere Luft und strenge örtliche Begrenzung seiner Heimat aus; aus dem Wesen des Italieners lacht uns sein ewig blauer Himmel, seine glühende Sonne entgegen. Im hohen Norden reifen nur kümmerliche Sträucher, verkrüppelte Bäume und eine kleine, der Kultur wenig oder nicht zugängige Menschenart. Ebensowenig läßt der hohe Süden eine höhere Entwicklung des Menschengeschlechts zu. Nur wo Klima, Boden und die äußeren Zustände der Erdoberfläche ein gewisses gleichförmiges Maß, ein mittleres Gleichgewicht halten, erlangt der Mensch jene Stufe geistiger Kultur, welche ihm ein so großes Übergewicht über seine Mitwesen verleiht. In dieser Kultur selbst beherrschen ihn wiederum äußere Zustände fast unerbittlich. In einer Republik werden die Menschen stolz, voll Selbstachtung und entwickeln Tugenden, die man sonst nicht an ihnen kannte. In einer Despotie werden sie zu heuchlerischen Sklaven, die alles zum Gefallen ihres Gebieters tun. Dieselben Römer, welche so großartige republikanische Tugenden, so musterhafte Ehrbarkeit entwickelten, machten sich während der Kaiserzeit eine Ehre daraus, ihre Frauen und Töchter den Lüsten des Herrschers und seiner Kreaturen darbieten zu dürfen, und Rom war aller Laster und Schandtaten voll. In großen bewegten Zeiten stehen große Männer, bewunderungswürdige Charaktere in Menge auf, welche die Geschichte mit ihrem Ruhme füllen; in kleinen, stagnierenden Zeitperioden scheint jeder Geist erstorben, jede Großtat unmöglich. – Wilden, kulturlosen Völkern gehen in der Regel alle moralischen Eigenschaften gänzlich ab. Kinder, welche allein in der Wildnis aufgewachsen sind, kennen, wie das Tier, nur einen Trieb, den sie auf jede mögliche Weise zu befriedigen suchen – den Nahrungstrieb.

So ist der Mensch ein Produkt, eine Summe natürlicher körperlicher Anlagen und äußerer Einwirkungen sowohl in seinem ganzen geistigen Wesen als auch in jedem einzelnen Moment seines Handelns. Wenn ein gutgearteter, friedliebender Mann (und dieser Fall ist leider zu oft vorgekommen) eine Frau, die ihm das Leben zur Hölle macht und die er infolge mangelhafter Ehescheidungsgesetze nicht los werden kann, im Übermaß seiner Empfindung erschlägt, indem er selbst das Leben in solcher Gesellschaft verabscheut – wieviel Schuld haben alsdann an einer solchen Tat der freie Wille, wieviel dagegen die Umstände! Die größte Mehrzahl aller Verbrechen gegen Staat oder Gesellschaft entspringt nachweisbar aus Affekt oder aus Unkenntnis, als Ausfluß mangelhafter Bildung oder dürftiger Überlegungskraft usw. Der Gebildete findet Mittel und Wege, um irgendeinem ihm unerträglichen Verhältnis zu begegnen, ihm aus dem Wege zu gehen, ohne gegen das positive Gesetz zu verstoßen; der Ungebildete weiß sich nicht anders als durch ein Verbrechen zu helfen; er ist ein Opfer seiner Verhältnisse. Was tut der freie Wille bei dem, welcher aus Not stiehlt, raubt, mordet! Wie hoch beläuft sich die Zurechnungsfähigkeit eines Menschen, dessen Zerstörungstrieb, dessen Anlage zur Grausamkeit groß und dessen Verstandeskräfte klein sind! Mängel an Verstand, Armut und Mangel an Bildung sind die drei großen verbrechenzeugenden Faktoren. Darum betrachte man einen Verbrecher mehr als einen Unglücklichen denn als einen Verabscheuungswürdigen! Und man verlange so wenig von einzelnen Menschen, daß sie moralische Muster seien, als man von andern verlangt, daß sie Philosophen sein sollen! – Und endlich sehe man sich doch einmal etwas genauer in der menschlichen Gesellschaft selbst um, mag es oben oder unten, vor Zeiten oder heute sein, und frage sich, ob denn dieselbe nach moralischen Antrieben handelt oder nicht. Ist sie denn nicht in der Tat ein bellum omnium contra omnes? Ein allgemeines Wettrennen, in welchem jeder den andern auf jede mögliche Weise zu überholen, ja zu vernichten trachtet? Könnte man sie nicht beinahe schildern, wie Burmeister die Brasilianer schildert: »Jeder tut, was er glaubt, ungestraft tun zu können, betrügt, übervorteilt, hintergeht und benützt den andern, so gut er nur kann, in der Überzeugung, daß keiner auch mit ihm besser verfahre. Im allgemeinen hält man den, der diesen Weg nicht einschlägt, für zu dumm und zu einfältig, ihn gehen zu können usw.« Jeder tut, was seiner Natur entspricht, und folgt den Anstößen, welche ihm entweder diese oder äußere Umstände und Lebensverhältnisse erteilen; er tut, was ihm vorteilhaft, passend für sich selbst und für Erreichung seiner Zwecke erscheint, unbekümmert um nicht positiv gewordene Moralprinzipien. »Alle Menschen sind praktische Atheisten« (Feuerbach). Einen Menschen, der mehr für andere als für sich sorgt, pflegt man nach Cottas Ausdruck einen »guten dummen Kerl« zu nennen. So hat die Gesellschaft von je gehandelt und wird immer so handeln, unabhängig von den jeweiligen religiösen oder philosophischen Vorstellungen, unter denen sie lebt. Der Mensch ist frei, aber mit gebundenen Händen; er kann nicht über eine gewisse ihm von der Natur gesteckte Grenze hinaus, und diese Grenze ersetzt das, was die Moralisten von positiven Moralgesetzen verlangen. »Denn was man freien Willen nennt«,  sagt Cotta, »ist schließlich nicht anderes als das Resultat der stärksten Motive.« Mögen sich daher die allgemeinen Ansichten über Weltregierung und Unsterblichkeit ändern und gestalten, wie sie wollen, die menschliche Gesellschaft wird deswegen nicht anders werden, sie wird stets dieselbe bleiben. Und sollte unsere Ansicht unrichtig sein, sollte es in der Tat nicht möglich sein, das menschliche Geschlecht seinen Vorurteilen zu entreißen, ohne ihm Schaden zuzufügen, so kann die Wissenschaft und empirische Philosophie nicht anders als sagen, daß die Wahrheit über allen göttlichen und menschlichen Dingen steht, und daß keine Gründe stark genug sein können, um sie veräußern zu lassen. »La verité«, sagt Voltaire, »a des droits imprescriptibles; comme il est toujours temps de la découvrir, il n’est jamais hors de saison, de la défendre.« [Anmerkung: Da ich des Französischen nicht mächtig bin, muss ich mich auf eine Übersetzung verlassen, ohne Gewähr: „Die Wahrheit hat unveräußerliche Rechte. Wie es immer an der Zeit ist, sie aufzusuchen, so ist es niemals außer der Zeit, sie zu verteidigen.“].

Abschlussbemerkung: Freier Wille oder Determinismus, Kompatibilismus oder Inkompatibilismus – das ist vielleicht einer der interessantesten Diskurse überhaupt. Man kann streiten, ob man überhaupt zu einer Lösung kommen kann und konstatieren, dass es sich hier -wie so oft – um einen stabilen Dissens handelt. Vielleicht entzieht es sich der menschlichen Erkenntnis, etwas darüber wissen zu können. Nichtsdestotrotz ist die Frage nach dem freien Willen eine derjenigen, die mich mit der meisten Unruhe erfüllen.

Die fett markierten Passagen des obigen Textes stellen zweifelsohne einen eher deterministischen Standpunkt dar, wobei eine endgültige Einschätzung m.E. nicht möglich ist – sie könnte Büchner auch nicht gerecht werden, zumal heutige Begriffe und Bezeichnungen der Positionen zum Teil andere Aspekte fokussieren. Büchner hatte mit seinem Text zudem auch gar nicht den Anspruch, den knapp 2000-jährigen Diskurs um Willensfreiheit samt all seiner Positionen wiederzugeben, dementsprechend sollte man ihn vielleicht auch nicht auf diesen kurzen Abschnitt reduzieren. Dennoch kann festgehalten werden, dass er als Anhänger der Evolutionstheorie biologische Argumente ins Feld führt, die mit dem Verweis auf soziokulturelle Umstände an Bourdieu erinnern und ihn klar als Anhänger der eher deterministischen Strömungen kennzeichnen.

Die Beurteilung, ob und inwieweit er Recht hat und seine Argumente überzeugen, ist jedem (un)freien Leser überlassen.

Quelle: http://www.zeno.org/nid/20009159959

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