Skizze [1]: Zur Ambiguitätstoleranz oder: was ist „dumm“?

Eine kurze skizzenhafte Antwort auf eine Nachricht –

Thesen (YH):

1a) Es gibt keine sogenannten „dummen“ Menschen.
1b) Es gibt vielmehr Menschen mit einer niedrigen Ambiguitätstoleranz.

Erläuterung zu 1a): Menschen sind von ihrer partiellen Erkenntnis der sie umgebenden Wissensbereiche und -möglichkeiten zunehmend verwirrt und überfordert. Immer mehr (Pseudo-)Wissenschaften erblicken das Licht der Welt und beleuchten – mehr oder weniger wissenschaftlich fundiert- immer kleinere, immer spezifischer werdende Teilbereiche verschiedener Wissenschaften. Da angenommen wird, dass sich das Bewusstsein der meisten Menschen diesen quälenden Fragen nicht vollständig entziehen kann, nimmt man weiter an, dass dieses Bewusstseinsproblem verschiedene Antworten bzw. Reaktionen auf dieses zeitigt, wobei zu untersuchen wäre, inwieweit man eher von einer unbewussten Reaktion oder einer teils bewussten Entscheidung sprechen kann:

Antwort A) Menschen geben sich einem wissbegierig-fragenden aber stets getriebenen, unsicher und häufig auch verunsichertem Bewusstseinszustand hin, bzw. erlauben sich diesen – und untersuchen als Skeptiker – stets der Aufklärung verpflichtet – soviele Fragen/Informationen wie nur irgendwie möglich, wobei anzunehmen und wahrscheinlich ist, dass sich die Menschen dabei auf einzelne ausgesuchte Bereiche beschränken, da es keinem Menschen möglich sein wird, alles Wissen der Welt gleicherweise zu studieren und aufzunehmen. Aufgrund der wachsenden Menge an Wissen und der in vielen Bereichen fortschreitenden Wissensansammlung, Wissensrevidierung und -überarbeitung wird dieser Mensch vermutlich niemals -wenn er aufgeklärt und skeptisch bleibt- auf einem festen Standpunkt verharren können (und wollen), weil bereits im nächsten Moment durch fruchtbare öffentliche Diskussion und die Garantie der Meinungs- und Forschungsfreiheit neue Informationen zu Tage gefördert werden, die den Diskurs abermals bereichern und das Individuum zu einer abermaligen Überprüfung seines eigenen Wissensfundus zwingen, bzw. anleiten, seine einst gefassten Grundsätze einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Geistiger Stillstand, ein beschränkter Horizont und übermäßige selbstbewusste Sicherheit sind hier (dem Ideal nach) ausgeschlossen.

Antwort B) Auf der anderen Seite kann das Individuum vor den Möglichkeiten des Wissens auch zurückschrecken, sie leugnen, für unwert oder unwichtig erachten und sich schlicht weigern, die Existenz einiger Diskurse anzuerkennen. Freilich würde das Individuum auch die Notwendigkeit leugnen, seine bisherigen Grundsätze in Zweifel zu ziehen. Möglich ist zudem, dass es geistig gar nicht in der Lage ist, gewisse Zusammenhänge, Gedanken oder Wissensteilbereiche zu begreifen. Es könnte behaupten, dass breit gefächertes (Allgemein-)Wissen, Aufklärung als solche und jegliche bewusste Auseinandersetzung mit Wissen, das seine unmittelbaren Umstände und den persönlichen Horizont überschreitet, lediglich eine nicht lebensnotwendige Option darstellen und damit nicht wesentlich sind. Der Einzelne würde sagen, dass er nicht Kafka gelesen haben muss, um glücklich und erfüllt zu leben und auch nicht die neusten Publikationen von Ernährungswissenschaftlern kennen müsste, um sich irgendwie am Leben zu halten. Er würde weiterhin behaupten können, dass er sich, um wählen zu gehen, nicht unbedingt vorher anhand mehrerer verschiedener Zeitungen informieren müsste, welche Partei seine politischen Vorstellungen und Überzeugungen am ehesten zu verwirklichen vermag. Es geht auch ohne. – Man könnte diesbezüglich also von einer mehr oder weniger bewussten Verweigerung sprechen: Wobei – und das ist reine Spekulation – sich diese Menschen vermutlich nicht der Erkenntnis verweigern (wenn das überhaupt möglich ist), dass es Millionen von Informationsquellen und -angeboten gibt, sondern sich deren Verwendung verweigern bzw. sich nicht die Mühe machen, ein Urteil von allen Seiten zu prüfen – es ist also nicht unbedingt Unfähigkeit oder verweigerte Erkenntnis, sondern – vermutlich eine im Verhältnis häufiger anzutreffende – verweigerte Anerkennung, soll heißen: Gleichgültigkeit. Da nicht klar zu entscheiden ist, ob entweder mangelnde Erkenntnis, unbewusste Verdrängung oder gleichgültige Bequemlichkeit den Einzelnen zur Unterlassung „motivieren“, muss somit auch jedes absolute Urteil über etwaige „Dummheit“ des Menschen inadäquat sein, zumal letztendlich doch auch zu klären bliebe, wie das Attribut „dumm“ in diesem Kontext aufzufassen ist, denn: „Dumm“ (deskriptiv) als unveränderlicher Ist-Zustand, als geistige Mangelerscheinung oder in Bezug auf welches zu erreichende Ziel? „Dumm“ (normativ) in Bezug auf welche Motivation und welche Konsequenzen? Sicherlich, laut Mill ist der Intellektuelle der Mehrheit nach lieber ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches, vollauf zufriedenes Schwein, aber wie sieht das der Einzelne, dem (von anderen) das Attribut „dumm“ verliehen wird? Beschäftigt er sich nicht mit Wissen, weil er zu dumm, zu beschränkt, zu ungebildet ist, oder vielmehr weil er zu bequem oder zu gleichgültig ist? Oder ist es eine Mischung aus beidem? Und kann eine gewisse Bequemlichkeit/Gleichgültigkeit nicht „dumm“ sein?

Man kann „dumm“ auf mindestens zwei Arten lesen: Erstens als deskriptive Einschätzung der geistigen Beschaffenheit, bzw. der (Un)Möglichkeiten der Intelligenz eines Individuums und zweitens als Bewertung seiner Bemühungen und Einschätzungen bezüglich eines Ziels, bspw. glücklich zu werden.
Über die Gesamtheit, Beschaffenheit und Inhalt eines anderen Bewusstseins lässt sich kein treffendes Urteil fällen; etwas rein Subjektives lässt sich nicht objektiv vergleichen. Wir werden also niemals ganz genau wissen, was letztendlich den Einzelnen davon abhält, sich mit Wissensgebiet A oder Gedanke B auseinanderzusetzen. Ob ihm eine Idee einfach nicht in den Sinn kommt oder ob er sich absichtlich weigert, Tatsache XY eingehend zu bedenken – all diese Prozesse der Erinnerung, Verdrängung, Verweigerung, Abschottung, Unzulänglichkeit etc. sind zu komplex, um sie in einer Skizze angemessen behandeln zu können. Hinsichtlich der Unmöglichkeit, das individuelle Glück in Abhängigkeit von Wissensansammlung und bewusster Auseinandersetzung mit verschiedenen Gedanken adäquat zu beurteilen, ist somit auch eine präzise Antwort auf die Frage, ob jemand, der sich lieber „keine Gedanken macht“ glücklicher ist als jemand, der dies tut, nicht möglich. Ergo kann weder mit Sicherheit behauptet werden, dass der Gleichgültige „dumm“ im Sinne von beschränkt ist, noch, dass der Gleichgültige „dumm“ im Sinne seiner Glücksvorstellungen zu nennen wäre. Banal ausgedrückt: Vielleicht ist Dummheit ein wesentlicher Indikator, wenn nicht Katalysator von Glück, so jedenfalls eine gängige pauschale Annahme (bzw. „Befürchtung“). Vielleicht ist es so, vielleicht nicht – wenn, dann können wir das sicherlich nicht beweisen – und selbst wenn wir das könnten, so bleibt fraglich, wozu diese Information führt und was sie nützt, denn verhältnismäßig intelligentere Personen können ihrem „Fluch“ schließlich kaum entkommen. Vielleicht lässt sich über die Dummheit wenig Wesentliches sagen – man könnte höchstens verschiedene Verhaltensweisen oder singuläre Gedanken für „dumm“ halten (und einen sehr langen Katalog diesbezüglich anlegen).

Einführung zu 1b): Zur Definition von Ambiguitätstoleranz in Bezug auf dumme Menschen, Zitat YH.: „Sie können zwiespältige/doppeldeutige/verwirrende/widrige Umstände kaum ertragen.“ In Bezug auf obige Ausführung: Gerade in der Philosophie, die durch den stabilen Dissens vieler ihrer Diskurse auffällt, ergeben sich für viele Menschen, die klare und eindeutige Positionen favorisieren, schwerwiegende Probleme. Wenn ich weder Position A noch Position B rückhalt- und bedingungslos akzeptieren kann, entsteht eine gewisse Unsicherheit, eine quälende Frage, die keine Antwort und damit keinen sicheren Stand gewährt. Wenn ich etwas wissen will, sehe ich mich gezwungen, die notwendige Menge an Mindestinformationen in Erfahrung zu bringen, um somit letztendlich vielleicht zu einer halbwegs sicheren Position gelangen zu können. Aber wie steht der Fall, wenn diese halbwegs feste Position eine Illusion ist? (Spekulation anbei: Wenn das Individuum wirklich hirnrissig „dumm“ wäre, würde ihm die Ambiguität vermutlich gar nicht auffallen.)

In Sachen Ernährung wird das noch deutlicher: Jahrzehntelang wurde vor „X“ (bspw. tierischen Fetten) gewarnt, nun erfährt der Leser populärwissenschaftlicher Bücher zu diesem Thema, dass „X“ gar nicht so schlimm sei, und vielmehr die konsumierte Menge an Kohlenhydraten mit dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass soviele an Übergewicht leiden. Man erfährt, man solle A, B, und C am besten nur morgens essen, D nur an Dienstagen und auf E und F am besten vollständig verzichten. Die nächste Quelle empfiehlt im Gegensatz, E und F ruhig hin und wieder zu konsumieren, aber bezüglich D noch vorsichtiger zu sein, und A sowie B und C besser nur nachmittags zwischen 15:30 und 15:38 einzunehmen, allerdings (und selbstverständlich) nur mit entkoffeiniertem Kaffee.

Gerade die häufig widersprüchlichen Behauptungen der Ernährungswissenschaftler hinterlassen beim Interessierten eine gewisse Mischung aus Frustration und Unsicherheit, wofür und wogegen er sich entscheiden soll – was durch die gesonderte Betrachtung, bzw. Unterscheidung von Nährstoffen und Nahrungsmitteln zudem nicht gerade erleichtert wurde. Dies bewirkt bei vielen die verdrängende, mittlerweile typische Frustreaktion: „Sterben muss ich sowieso, ein Leben ohne Rindfleisch ist ohnehin nicht viel wert, Kaffee? Trinke ich nur noch, wenn ich rauche…etc.“ –

Je komplizierter eine Entscheidung erscheint, weil eine Vielzahl von nötigen Informationen einzuholen und zu studieren ist, desto eher wendet man sich an den Experten bzw. Spezialisten, der sich eigentlich auskennen müsste, Beispiel Stiftung Warentest – man überträgt also seine Entscheidung(sgewalt) an die Autorität eines anderen, was zugebermaßen a) bequemer und b) schneller zum gewünschten Ergebnis führt, als sich selbst zu informieren und damit viel Zeit darauf zu verwenden, zu einem richtigen Urteil zu gelangen. Problem: Woher weiß ich, dass ich dem Experten trauen kann? Auch wenn die Wahrscheinlichkeit des Irrtums beim Experten bzgl. seines eigenen Fachgebiets geringer ist als die Wahrscheinlichkeit, dass wir – als Laien – bzgl. eines Fachgebietes irren – Fakt ist: Wissenschaftler sind Menschen und die irren, genauso wie wir. Also wem trauen? Die stetig steigende Anzahl von Ratgebern und populärwissenschaftlichen Aufklärungsbüchern weist m.E. darauf hin, dass wir zunehmend Autoritäten vertrauen, die wir für uns entscheiden lassen. Nun könnte man selbstverschuldete Entmündigung attestieren, und auch wenn das teils richtig sein mag, darf man nicht vergessen, dass dem Einzelnen nicht viele Alternativen bleiben: Denn ein Individuum kann sich in dieser Zeit des explodierenden Wissens bzw. der Möglichkeit des Zugriffs auf Millionen und Abermillionen sich ständig aktualisierende Informationen unmöglich den Überblick behalten, geschweige denn auf Höhe des Informationsangebots an einem Diskurs teilnehmen. Selbst die Experten und Speerspitzen ihres Gebietes dürften aufgrund der weltweiten Publikationen, die vermutlich stündlich oder wöchentlich im Internet erscheinen, kaum mehr in der Lage sein, jede verfügbare Information zeitgleich zu verarbeiten, in ihr bestehendes Netz an Informationen einzugliedern und anschließend daraus noch Schlüsse abzuleiten. Der moderne, postmoderne oder postpostmoderne Mensch (wie auch immer) steht diesbezüglich auf verlorenem Posten, wenn er den Versuch wagen sollte, mit der unfassbaren Geschwindigkeit der Entstehung neuen Wissens Schritt halten zu wollen. Dies sollte ihn Demut und Bescheidenheit lehren, sowie – in Anklang an Popper – eine neue Berufsethik, die den Fehler nicht mehr verdammt, sondern als unumgänglich, notwendig und bereichernd für den Diskurs herausstellt. [Hinzukommt anbei: Die vorhandenen Informationen müssen nicht mal sinnvoll, konstruktiv oder bedeutend sein, sie sind einfach da: Aufsätze, Essays und Publikationen jeder Art müssen zudem noch geordnet und (auf ihre vielleicht widersprüchlichen Positionen) beurteilt werden, wenn man sich denn mit ihnen auseinandersetzt. So könnte weiterer Frust entstehen]. Eine Möglichkeit, dieser Situation Herr zu werden, bilden m.E. semiprivate Interessenkollektive, die jedoch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben: Selbst wenn wir uns mit allerlei Bekannten und Freunden umgeben, die sich für eine Vielzahl von gemeinsamen Themenbereichen interessieren und uns über diese informieren, so wissen wir doch nie mit Gewissheit, wo und wie sorgfältig sie recherchiert haben und ob wir ihrem Urteil überhaupt trauen können. Immerhin wäre durch die privat-gemeinschaftliche und ausdrücklich nicht wirtschaftlich-orientierte kollektive Aneignung von Wissen das Risiko von Manipulation deutlich verringert, wenn auch nicht auszuschließen, Beispiel Wikipedia.

Fazit: Man kann nicht alles wissen, weil es zu viel Wissen gibt. Probleme der Erkenntnis selbst: Wir erfahren über zahlreiche Quellen verschiedene, häufig mehrdeutige Ergebnisse oder können auf verschiedene Fragen gar keine endgültig-eindeutige Antwort finden, bspw. ob Mord unter bestimmten Umständen erlaubt sein soll oder nicht [Utilitarismus vs. Deontologische Ethik vs. Pazifismus]). Wir befinden uns daher in vielen Wissensbereichen in einem sich stets aktualisierenden Schwebezustand, der keinerlei Sicherheit verspricht, weil wir damit rechnen müssen, binnen kurzer Zeit widerlegt zu werden bzw. unser Urteil revidieren oder modifizieren zu müssen. Dies kann einerseits dazu führen, dass wir entnervt verzichten, selbst zu urteilen, angesichts der Bedingungen eingeschüchtert kapitulieren und uns auf das Urteil anderer verlassen. Damit entmündigen wir uns selbst und tauschen Bequemlichkeit und Sicherheit gegen Selbstbestimmung und Überforderung ein. Andererseits kann es den Menschen dazu führen, seinen (Wissens-)Horizont zu erweitern, den Blick zu schulen, sich bewusst selbst zu bestimmen bzw. seine Unabhängigkeit zu bewahren und seine Urteile auf Angemessenheit, Präzision und Flexibilität zu untersuchen. Jeder Wissensbereich kann ihn auf eine Odyssee des Intellekts einladen. Allerdings wird er sich damit Unruhe, Unsicherheit, anhaltende Zweifel, Überforderung und Ernüchterung einhandeln. Ob nun jemand „dumm“ zu nennen ist, der all die Widersprüche in der Welt nicht duldet bzw. nicht dulden kann oder will, und ob diese seine niedrige Ambiguitätstoleranz ein Zeichen von Dummheit ist, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen. Denn: Dummheit wird meiner unmaßgeblichen Meinung dann verwerflich und zu einem Gegenstand moralischer Beurteilung, wenn sich jemand a) selbst, freiwillig, absichtlich und trotz besseren Wissens gegen die Vernunft und ihre Gebote entscheidet und b) wenn die (zu erwartenden) Konsequenzen der eigenen selbst, freiwillig und absichtlich gewählten Dummheit die Freiheiten eines anderen massiv einschränken oder verletzen. Hier wäre dann zu klären, ob die Bedingung a) überhaupt erfüllbar ist und nicht bereits die erste begreifende Einsicht in vernünftige Prinzipien auch den Wunsch ihrer Erfüllung bewirkt. Wenn dem nicht so ist, dann gibt es ganz offensichtlich dumme Menschen, die für ihre selbstgewählte Dummheit im Schadensfall auch zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

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