Henrik Ibsen – Gespenster

Im Folgenden keinerlei Biographie oder Huldigung anderer Stücke (die ich noch lesen werde), sondern Auszüge aus Ibsens grandiosem Drama „Gespenster“, Reclam-Ausgabe von 1992/1997, hier zu erstehen. Sehr interessante Ansätze, Diskurse: gesellschaftliche Konventionen und bürgerliche Moral, Kirchenvertreter- und Religionskritik, familiäre Bindungen und Verpflichtungen, Schuld und Sühne, Vererbung und freier Wille, Mutter und Sohn, etc.

Henrik Ibsen

Henrik Ibsen

Paster Manders: Gut; dann zeige ich ihnen jetzt – […] Sagen Sie mal, Frau Alving, wie kommen eigentlich diese Bücher hierhier?

Frau Alving: Die Bücher? Die lese ich.

Pastor Manders: Sie lesen solche Schriften?

Frau Alving: Ja, natürlich.

Pastor Manders: Glauben Sie, daß sie durch solche Lektüre besser oder glücklicher werden?

Frau Alving: Ich glaube, dass ich durch sie sicherer werde.

Pastor Manders: Das ist aber merkwürdig. Wie denn das?

Frau Alving: Nun, ich bekomme durch sie eine Art Erklärung -, eine Bestätigung für so vieles, was ich mir selber schon überlegt habe. Denn das ist das merkwürdige, Paster Manders: daß in diesen Büchern eigentlich überhaupt nichts Neues steht; da steht nichts anderes drin als das, was die meisten Menschen glauben und denken. Nur, daß die meisten Menschen sich das nicht klarmachen oder es sich nicht eingestehen.

Pastor Manders: Na, du lieber Gott! Sie glauben ganz im Ernst, daß die meisten Menschen – ?

Frau Alving: Ja, das glaube ich ganz im Ernst.

Pastor Manders: Ja, aber doch wohl nicht hierzulande? Nicht hier bei uns?

Frau Alving: O doch, hier bei uns auch.

Pastor Manders: Na, da muß ich wirklich sagen -!

Frau Alving: Was haben Sie denn gegen die Bücher einzuwenden?

Pastor Manders: Einzuwenden? Glauben Sie, ich verbringe meine Zeit damit, solche Produkte zu untersuchen?

Frau Alving: Das heißt, Sie kennen überhaupt nicht, was Sie verdammen?

Pastor Manders: Ich habe genügend über diese Schriften gelesen, um sie mißbilligen zu können.“ (S. 16/17)

Frau Alving: Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch ins uns fest, und wir können sie nicht loswerden. Wenn ich nur eine Zeitung zur Hand nehme und darin lese, sehe ich solche Gespenster zwischen den Zeilen herumschleichen. Die scheinen im ganzen Land zu leben. Sie scheinen so zahllos zu sein wie Sandkörner. Und darum sind wir auch so gotterbärmlich lichtscheu; wir alle miteinander.

Pastor Manders: Aha – da haben wir also die Ausbeute Ihrer Lektüre. Schöne Früchte, wahrhaftig! O diese abscheulichen, aufrührerischen, freidenkerischen Schriften!

Frau Alving: Sie irren sich, lieber Pastor. Sie selber sind es, der mich veranlaßt hat, nachzudenken; und dafür sei Ihnen Lob und Dank.

Pastor Manders: Ich!

Frau Alving: Ja, als Sie mich in das hineinzwangen, was Sie Pflicht und Schuldigkeit nannten; als Sie das als recht und richtig hochpriesen, wogegen sich mein ganzer Sinn als etwas Widerwärtiges empörte. Das war die Zeit, als ich begann, die Nahtstellen Ihrer Lehre zu untersuchen. Ich wollte nur einen einzigen Knoten lösen; aber als ich den aufhatte, war gleich alles aufgetrennt. Und da begriff ich, daß der Saum mit der heißen Nadel genäht war.“ (S. 45/46)

Frau Alving: Das ist ja alles furchtbar! Muß denn ein Kind nicht trotzdem Liebe für seinen Vater empfinden!

Osvald: Wenn ein Kind seinem Vater gar nichts zu verdanken hat? Ihn nie gekannt hat? Hältst du wirklich an dem alten Aberglauben fest, du, die sonst so aufgeklärt ist?

Frau Alving: Das soll nur Aberglaube sein?

Osvald: Ja, das wirst du doch wohl einsehen können, Mutter. Das ist eine von diesen gängigen Meinungen, die in der Welt in Umlauf gesetzt werden und dann wirken wie –

Frau Alving (erschüttert): Gespenster!“ (S. 78)

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