Menander – Dyskolos/Der Menschenfeind

Einleitendes. Der Artikel über Molières Menschenfeind muss noch überarbeitet werden, daher schiebe ich diesen kurzen Beitrag davor. Menander gilt (laut zweisprachiger Reclamausgabe von 2007, hier) einerseits als der Hauptvertreter der Neuen Komödie und andererseits als „letzter Klassiker unter den griechischen Dramatikern“. Nicht, dass diese Information die zum Kauf und Lesen ausschlaggebende gewesen wäre, vielmehr handelte es sich um eine Fehlinterpretation meinerseits: Wie aus dem bereits angekündigten Beitrag zu entnehmen sein wird, lese ich die Texte Molières mit großer Leidenschaft, bzw. rechne vor allem seinen „Menschenfeind“ zu den wohl stilistisch-schönsten und wertvollsten Texten überhaupt. Nun ist bekannt, dass viele Sujets bzw. Stoffe als Gegenstand des kulturellen Diskurses über die Jahrhunderte zahlreiche, formal teils stark divergierende Bearbeitungen erfahren haben, so zum Beispiel die Erzählungen von Don Juan oder dem Geizigen – bevor Molière sich ihnen (formvollendet) widmete, taten das bereits Plautius (Aulularia / Goldtopf-Komödie, * um 254 v. Chr, † um 184 v. Chr) oder  – im Falle der Don Juan-Erzählung – Tirso de Molina (auch bekannt als Gabriel Téllez, * 1579, † 12. März 1648). Aufgrund des Komödientitels „Dyskolos – der Menschenfeind“ nahm ich also fälschlicherweise an, dass es sich hierbei um eine alte, wenn nicht die ursprüngliche Erzählung vom Misanthropen handelt, was sich allerdings als Irrtum entpuppte, wenn auch nicht als folgenschwerer.

So bleibt letztlich festzuhalten, dass es sich um eine kurze Komödie handelt, in der ein Griesgram zwar eine tragende Rolle spielt, diese aber nicht auszufüllen vermag: Seine verschwindend seltenen Anklagen sind so undifferenziert wie schlicht und oberflächlich, seine Agressivität unbegründet, seine Motivation psychologisch betrachtet nicht wirklich stimmig, logisch oder kohärent. Man nimmt ihn im Grunde nur als bissigen teils weltfremden Eremiten wahr, dessen selbst gewählte Einsamkeit eher aus seiner cholerischen und intoleranten Natur zu resultieren scheint denn – wie bei Molière – als die einzig konsequente und gerechtfertigte Reaktion auf rationale und moralische Überlegungen in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem integren Individuum und der unmoralischen Gesellschaft. Hier hat Menander m.E. den vielleicht bedeutendsten Diskurs unterschlagen.

Auch der Rest der Erzählung bleibt unerwartet durchschnittlich: Da haben wir einen jungen Edelsmann namens Sostratos, der sich in eine arme Bäuerin verliebt und daraufhin offen und ehrlich versucht, diese Bäuerin zu heiraten. Sein Gefolgsmann rät ihm ab, Sostratos ist jedoch ganz entflammte Begierde, wie das eben so ist. Der Vater des Bauernmädchens, bei dem er die Erlaubnis diesbezüglich einzuholen gedenkt, ist eben jener menschenverachtende Griesgram, der in der Folge alle möglichen Figuren zu beißen versucht oder zumindest verjagt. Warum er das tut, wird jedoch nicht wirklich tiefer gehend erklärt bzw. psychologisch analyisiert – anscheinend möchte er einfach nichts mit Menschen zu tun haben, ja, er geht soweit zu behaupten, dass er sie alle in Statuen verwandeln würde, wenn er denn könnte. Da er das nicht vermag, peitscht er seine dümmliche Dienerin oder schmeißt Sostratos‘ Sklaven Steine hinterher. Zwischendurch machen sich einzwei andere Menschen auf, um Pan zu opfern, A trifft B, dann kommen C und D hinzu, außerdem ein Schaf, aber letztendlich wohnt diesem ganzen Drum und Dran meiner unmaßgeblichen Meinung nach überhaupt keinerlei Bedeutung inne, jedenfalls keine von der sich zu sprechen lohnte….naja nun, Sostratos hat jedenfalls Helfer und Helfershelfer – unter anderen den Gott Pan – und nachdem der alte Menschenhasser dann relativ spontan in einen Brunnen hinterm Haus gestürzt ist und von einem Nachbarn, bei dem es sich um den Halbbruder der Begehrten handelt, unter Mithilfe Sostratos gerettet wird, ändert der schwierige Alte seine Meinung, wenn auch nicht seine Überzeugung: Der erwähnte Halbbruder Gorgias darf nun also über die eventuelle Heirat seiner Halbschwester entscheiden und erteilt daraufhin Sostratos den Zuschlag für die übrigens Namenlose, die hier wie damals üblich wie eine Ware ungefragt verschachert wird. Gen Ende wird der durch den Brunnensturz teils desillusionierte Griesgram dann noch halbwegs durch einen dahergelaufenen Koch und einen Sklaven geläutert, bzw. dazu gebracht, die anstehende Doppelhochzeit (Sostratos hat im Gegenzug seine eigene Schwester Gorgias versprochen; eine Hand wäscht die andere…) zu besuchen, bzw. mitzutanzen.

Ernsthafte Argumente oder kohärente Handlungsfolgen werden jedoch in kaum einem der fünf Akte angeboten, was diese Komödie dann m.E. auch eher mittelmäßig macht. Überhaupt könnte man die Hälfte der Charaktere streichen, weil sie aber auch gar nichts zur Geschichte beitragen. Während man bei Shakespeare stets den gewitzten Schelm oder philosophischen Idioten findet, dessen Bonmot hier und da zu erfreuen weiß, sucht man vergleichbare Figuren hier vergeblich – wobei es vielleicht nicht gerade angemessen ist, diesen Maßstab anzulegen. Wie dem auch sei: aus diesem Stoff hätte man m.E. weit mehr machen können, selbst für damalige Zeiten, denn das Entscheidende ist doch: In dieser Komödie über einen Menschenfeind erfährt man eigentlich nichts oder zumindest erstaunlich wenig über einen bzw. den Menschenfeind, über den sich schließlich sehr viel erzählen ließe, wenn man ihn als Typus beschreibt. Dazu dann aber bei Molière. Im Folgenden dann einige doch recht lesbare Ausschnitte aus Menanders Dyskolos, die es zu zitieren lohnt:

„Chaireas: …Denn langes Zögern nährt die Liebe sehr, schnell zugegriffen heißt schnell wieder frei.“ (S. 15)

„Gorgias: Denn wer von außen auf die Dinge blickt, kennt nicht den Schuldigen, wer es auch sei, nein: nur die Tat.“ (S. 29)

„Gorgias: … Die aber dürftig leben und trotz ihrer Armut nichts Böses tun und ihr Geschick mit Würde ertragen und im Lauf der Zeit Kredit gewinnen, die dürfen sich ein bessres Los erwarten. Was will ich damit sagen? Bist du noch so reich, verlass dich nicht darauf, verachte nicht uns Arme! Würdig deines dauerhaften Glücks erweise dich vor denen, die dich sehen.“ (S. 32/33)

„Knemon [der Menschenfeind]: So zu leben war mein Wunsch und niemand von euch könnte mich eines Besseren belehren, also gebt mir darin nach. Eines war vielleicht mein Fehler, dass ich glaubte, ich allein könnte selbstgenügsam leben ohne Hilfe anderer. Jetzt habe ich erkannt, dass jäh und unvorhersehbar der Tod uns ereilen kann, und fand, dass damals ich nicht recht gedacht. Immer muss es einen Helfer geben, der zur Seite steht. Aber, bei Hephaistos, ich ließ mich so verblenden, weil ich beobachtete, wie die Menschen leben, ihren Sinn nur auf das Gewinnen richten. Auch nicht einer auf der Welt, glaubte ich, sei wohlgesonnen seinem Nächsten. Dieses stand mir im Weg.“ (S. 69)

„Knemon: Einem Manne ziemt es nicht, mehr als nötig ist, zu reden, doch dies wisse noch, mein Sohn: Ein paar Worte will ich sagen über mich und meine Art. Wären alle so wie ich, dann gäb es die Gerichte nicht, und sie führten nicht einander ab in die Gefängnisse. Keinen Krieg gäb’s, jeder hätte an maßvollem Besitz genug. Doch vielleicht gefällt’s euch besser wie es ist, dann bleibt dabei!“ (S. 71)

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