Oscar Wilde – Salome

Oscar Wilde

Habe gerade Wildes Salome gelesen; interessanter Ansatz mit bekanntem Sujet, merkwürdig impressionistisch-symbolische Sprache, jedenfalls in dieser (Reclam-)Ausgabe mit der Übersetzung Hedwig Lachmanns und einigen eindrucksvollen Illustrationen von Aubrey Beardsley, dessen Stil mich dann doch entfernt an einzwei Arbeiten Klimts erinnert hat, aber das kann auch meinem Kunstbanausendasein geschuldet sein – wie dem auch sei, zwei Illustrationen im Anhang. Ausgabe wie immer bei Amazon zu erstehen, Reclam 1990.

Der Page der Herodias: „Oh, was wird geschehen? Ich weiß, es wird Schreckliches geschehen.“

Salome (tritt an den jungen Syrier heran): Du wirst das für mich tun, Narraboth, nicht wahr? Du wirst das für mich tun. Ich war dir immer gewogen. Du wirst es für mich tun. Ich möchte ihn bloß sehen, diesen seltsamen Propheten. Die Leute haben so viel von ihm gesprochen. Ich habe den Tetrarchen oft von ihm sprechen hören. Ich glaube, der Tetrarch hat Angst vor ihm. Hanst du Angst vor ihm, Narraboth, du auch?“

Der junge Syrier: „Ich fürchte ihn nicht, Prinzessin; ich fürchte niemanden. Aber der Tetrarch hat es ausdrücklich verboten, daß irgendwer den Deckel zu diesem Brunnen aufhebt.“

Salome: „Du wirst das für mich tun, Narraboth, und morgen, wenn ich in meiner Sänfte an dem Torweg, wo die Götzenbildhändler stehen, vorbeikomme, werde ich eine kleine Blume für dich fallen lassen, ein kleines grünes Blümchen.“

Der junge Syrier: „Prinzessin, ich kann nicht, ich kann nicht.“

Salome (lächelnd): „Du wirst das für mich tun, Narraboth. Du weißt, daß du das für mich tun wirst. Und morgen früh, wenn ich in meiner Sänfte an der Brücke vorbeikomme, wo man Götzenbilder kauft, werde ich unter den Musselinschleiern dir einen Blick zuwerfen, Narraboth, ich werde dich ansehn, kann sein, ich werde dir zulächeln. Sieh mich an, Narraboth, sieh mich an. Ah! wie gut du weißt, daß du tun wirst, um was ich dich bitte! Wie du es weißt … Ich weiß, du wirst das tun.“ (S. 14)

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Herodes: „… Es ist wahr, ich habe dich angesehen und hab’s den ganzen Abend nicht gelassen. Deine Schönheit hat mich verwirrt. Deine Schönheit hat mich maßlos verwirrt, und ich habe dich allzuviel angesehen. Aber ich will dich wahrhaftig nicht mehr ansehen. Man sollte gar nichts ansehen. Weder Dinge noch Menschen sollte man ansehen. Nur in Spiegel sieht es sich gut, denn Spiegel zeigen uns bloß Masken.“ (S. 45/46)

Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers / JochanaansSalome mit Kopf

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