Joseph Roth – Der Leviathan

Joseph Roth

Joseph Roth

Auszüge aus: Joseph Roth – Der Leviathan. Stuttgart: Reclam 2010. (Hier zu erwerben.)

„Er liebte die Korallen. Und ein unbestimmtes Heimweh war in seinem Herzen, er hätte sich nicht getraut, es bei Namen zu nennen: Nissen Piczenik, geboren und aufgewachsen mitten im tiefsten Kontinent, sehnte sich nach dem Meere.“ (S. 11)

„Dennoch gestand er sich, dass er eigentlich selber nicht wusste, warum und wozu er hier in der Schenke mit dem Matrosen und den unheimlichen Gesellen sass. Hatte er doch sein ganzes Leben regelmässig und unauffällig verbracht, und seine geheimnisvolle Liebe zu den Korallen und ihrer Heimat, dem Ozean, war bis zur Ankunft des Matrosen und eigentlich bis zu dieser Stunde niemandem und niemals offenbar geworden. Und es ereignete sich noch etwas, was Nissen Piczenik aufs tiefste erschreckte. Er, der keineswegs gewohnt war, in Bildern zu denken, erlebte in dieser Stunde die Vorstellung, dass seine geheime Sehnsucht nach den Wassern und allem, was auf und unter ihnen lebte und geschah, auf einmal an die Oberfläche seines eigenen Lebens gelangte, wie zuweilen ein kostbares und seltsames Tier, gewohnt und heimisch auf dem Grunde des Meeres, aus unbekanntem Grunde an die Oberfläche emporschiesst.“ (S. 18f.)

„Und er schlürfte den Tee, und während sich seine heissen Finger in die grossen, noch nicht sortierten Korallenhaufen gruben und in ihrer wohltätigen rosigen Kühle wühlten, wandelte sein armes Herz über die weiten und rauschenden Strassen der gewaltigen Ozeane“. (S. 21f.)

„Und ich – sagte Nissen Piczenik – bin niemals aus unserem Städtchen Progrody herausgekommen – und nur Bauern kaufen meine Korallen. Aber sie werden mir alle hier zugeben, dass eine einfache Bäuerin, angetan mit ein paar Schnüren schöner fleckenloser Korallen, mehr darstellt als eine Grossfürstin. Korallen trägt übrigens hoch und nieder, sie erhöhen den Niederen und den Höhergestellten zieren sie. Korallen kann man morgens, mittags, abends und in der Nacht tragen, bei festlichen Bällen zum Beispiel tragen, im Sommer, im Winter, am Sonntag und an Wochentagen, bei der Arbeit und in der Ruhe, in fröhlichen Zeiten und in der Trauer. Es gibt viele Arten von Rot in der Welt, meine lieben Reisegenossen, und es steht geschrieben, dass unser jüdischer König Salomo ein ganz besonderes Rot hatte für seinen königlichen Mantel, denn die Phönizier, die ihn verehrten, hatten ihm einen ganz besonderen Wurm geschenkt, dessen Natur es war, rote Farbe als Urin auszuscheiden. Es war eine Farbe, die heutzutage nicht mehr da ist, der Purpur des Zaren ist nicht mehr dasselbe, der Wurm ist nämlich nach dem Tode Salomons ausgestorben, die ganze Art dieser Würmer. Und seht Ihr, nur bei den ganz roten Korallen kommt diese Farbe noch vor. Wo aber in der Welt hat man je rote Perlen gesehn?“ (S. 28f.)

„Denn also geht es den Menschen, die vom Teufel verführt werden: an allem Teuflischen übertreffen sie sogar noch den Teufel.“ (S. 38)

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