Jean-Paul Sartre – Die ehrbare Dirne

Jean-Paul Sartre

Jean-Paul Sartre

Aus: Jean-Paul Sartre – Die ehrbare Dirne. Stuttgart: Reclam 1971. (Hier zu erwerben.)

SENATOR: Wie soll ich Ihnen das erklären? Warten Sie: stellen wir uns vor, daß die amerikanische Nation plötzlich vor Ihnen erscheinen würde. Was würde sie zu Ihnen sagen?

LIZZIE (erschreckt): Ich nehme an, sie hätte mir nicht gerade viel zu sagen.

SENATOR: Sind sie Kommunistin?

LIZZIE: Wie gräßlich – nein!

SENATOR: Dann hat sie Ihnen sehr viel zu sagen. Sie würde zu Ihnen sagen: „Lizzie, es ist dahin gekommen, daß du zwischen zweien meiner Söhne wählen mußt. Der eine oder andere muß verschwinden. Was macht man in einem solchen Fall? Man behält den Besseren. Nun wollen wir sehen, wer der Bessere ist. Willst du?“

LIZZIE: Ich will ja schon. Oh, Verzeihung! Ich glaubte, Sie hätten gesprochen.

SENATOR: Ich spreche in ihrem Namen. (Er fängt wieder an.) „Lizzie, dieser Neger, den du beschützt, wozu dient er? Er ist durch Zufall geboren, Gott weiß wo. Ich habe ihn ernährt, und er, wie dankt er mir dafür? Gar nicht: er streicht herum, er klaut, er singt, er kauft sich knallbunte Anzüge. Er ist mein Sohn, und ich liebe ihn genau so wie meine anderen Söhne. Aber ich frage dich: führt er ein menschliches Leben? Ich würde nicht einmal seinen Tod bemerken.“

LIZZIE: Wie gut sie reden können.

SENATOR (fortfahrend): „Der andere hingegen, dieser Thomas, er hat einen Schwarzen getötet, das ist sehr schlecht. Aber ich brauche ihn. Er ist ein hundertprozentiger Amerikaner, der Abkömmling einer unser ältesten Familien, er hat in Havard studiert, er ist Offizier – ich brauche Offiziere – er beschäftigt zweitausend Arbeiter in seiner Fabrik – zweitausend Arbeitslose, wenn er sterben müßte -, er ist ein Chef, ein solider Wall gegen den Kommunismus, die Gewerkschaften und die Juden. Er hat die Pflicht, zu leben, und du hast die Pflicht, ihm das Leben zu erhalten. Das ist alles. Jetzt wähle.“ (S. 25)

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Auszüge aus dem Nachwort von Charlotte Bennecke,:

Zitat Sartre: „Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nicht. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt; allein dieser kritische Spiegel gibt ihm sein eigenes Bild.“ (S. 40)

„Da es kein neutrales Sprechen und Schreiben gebe, ja nicht einmal ein neutrales Schweigen, weil Stellungnahme und Schweigen Handeln sei, das verantwortet werden müsse, enthalte ein literarisches Werk immer einen Appell an die Freiheit des Lesers, und zwar nicht des abstrakten Lesers der ‚Nachwelt‘, sondern des zeitgenössischen Publikums.“ (S. 40)

Sartre aber geht es darum, zu zeigen, daß die Menschen in einer gegebenen Situation frei sind, sich zu entscheiden, d.h. verantwortlich zu handeln. Es gilt deshalb, auf der Bühne Situationen vorzuführen, in denen die Entscheidung der Personen höchste Bedeutung erlangt, in denen es um Leben oder Tod geht.“ (S. 42f.)

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