Pico della Mirandola – Über die Würde des Menschen

Pico della Mirandola  (24. Februar 1463 in Mirandola; † 17. November 1494 in Florenz)
Pico della Mirandola (24. Februar 1463 in Mirandola; † 17. November 1494 in Florenz)

 Pico della Mirandola – Über die Würde des Menschen. (Ausschnitte aus der Reclam-Ausgabe, 2009, hier zu erwerben)

„Doch wozu trage ich dies vor? Damit wir begreifen: Wir sind geboren worden unter der Bedingung, daß wir das sein sollen, was wir sein wollen. Daher muß unsere Sorge vornehmlich darauf gerichtet sein, daß man uns jedenfalls nicht das nachsagen kann, wir hätten, als wir in Ansehen standen, keinen Verstand gezeigt, dem Vieh und vernunftlosen Tieren ähnlich.“ (S. 13)

„Folglich sollen auch wir […] die Seele reinigen, indem wir wir mit Hilfe der Moralphilosophie die Leidenschaften unserer Triebe zügeln, indem wir mit Dialektik die Dunkelheit in unserem Verstand vertreiben, so daß wir gleichsam allen Schmutz von Unkenntnis und Lastern tilgen, damit sich weder unsere Affekte blindlings austoben noch der Verstand, ohne es zu bemerken, in die Irre geht.“ (S. 17-19)

„Wir können auch den Rat des hochweisen Pythagoras einholen, der vornehmlich deshalb weise ist, weil er sich der Bezeichnung ‚Weiser‘ nie für würdig hielt. Zuerst wird er uns raten, daß wir nicht auf dem Scheffel sitzen sollen, das heißt, wir sollen nicht den rationalen Teil der Seele, mit dem sie alles mißt, beurteilt, prüft, dadurch verlieren, daß wir ihn der Untätigkeit und Trägheit überlassen, sondern durch Übung in der Dialektik unter Beachtung ihrer Regeln ihn ständig leiten und in Bewegung halten.“ (S. 33)

„Denn schon wird dieser ganze Umgang mit der Philosophie (und darin liegt das Unglück unserer Zeit) eher verachtet und geschmäht, als daß er Ehre bringt und Ruhm. So hat diese derderbliche und abartige Überzeugung die Köpfe fast aller Menschne ergriffen, philosophieren dürfe man entweder gar nicht oder nur wenig. […] Dies alles sage ich mit tiefstem Schmerz und heftiger Empörung nicht gegen die führenden Männer unserer Zeit, sondern gegen die Philosophen, die aus Überzeugung erklären, daß man deshalb nicht philosophieren solle, weil für die Philosophen kein Honorar, keine Vergütung vorgesehen sei, als ob sie nicht gerade dadurch beweisen, daß sie keine Philosophen sind. Da nämlich ihr ganzes Leben entweder auf Gelderwerb abzielt oder vom Ehrgeiz bestimmt ist, streben sie nicht nach Wahrheitserkenntnis um ihrer selbst willen. Ich werde es mir zugute halten und über Eigenlob in diesem Punkte nicht erröten, daß ich mich nie aus einem anderen Grunde mit Philosophie beschäftigt habe als um zu philosophieren, und daß ich aus meinen Studien, aus meinen nächtelangen Mühen mir keinen Lohn oder anderen Gewinn erhofft oder gesucht habe als die Bildung meines Geistes und die Erkenntnis der von mir immer heiß ersehnten Wahrheit. Diese habe ich immer so sehr begehrt und geliebt, daß ich jegliche Sorge um private und öffentliche Angelegenheiten hintangesetzt und mich der Muße für geistige Betrachtung ganz überlassen habe. Weder vermochten die Mißgunst meiner Neider, die Schmähungen von Gegnern der Philosophie bisher, mich davon abzuschrecken, noch werden sie es in Zukunft vermögen. Gerade die Philosophie hat ich gelehrt, mehr meinem eigenen Gewissen als fremden Urteilen zu folgen und imer nicht so sehr daran zu denken, ich könnte in üblem Rufe stehen, als vielmehr daran, nichts Schlechtes selbst zu sagen oder selbst zu tun.“ (S. 39-41)

„Ich aber nahm mir vor, mich auf niemandes Worte einschwören zu lassen, sondern auf alle Lehrer der Philosophie mich zu verlegen, alle ihre Schritte zu prüfen und alle ihre Schulen kennenzulernen. Ich mußte über alle Lehren sprechen, um nicht, wenn ich die Lehre eines einzelnen verteidigt, die übrigen aber dabei hintangesetzt hätte, den Anschein zu erwecken, von jener abhängig zu sein. Es mußte daher, selbst wenn zu einer einzelnen Lehre nur wenig vorgelegt werden konnte, zwangsläufig sehr viel sein, was über alle hier zusammengetragen wurde. Auch soll mich niemand tadeln, wenn ich überall dort als Gast einkehre, wohin der Wind mich verschlägt. Denn alle Philosophen der antiken Welt haben darauf geachtet, beim Studium von jeder Art von Büchern möglichst keine Abhandlung ungelesen zu lassen; […] Und in der Tat ist es ein Zeichen von Engstirnigkeit, sich ausschließlich innerhalb der Mauern der Stoa oder der Akademie aufzuhalten. Und niemand kann sich aus allen Schulen ohne Gefahr des Irrtums die eigene erwählen, der nicht zuvor von allen vertraute Kenntnis gewonnen hat. Nimm noch hinzu, daß jede einzelne Schule etwas besitzt, wodurch sie sich auszeichnet und was sie mit den übrigen nicht teilt.“ (S. 49-51)

„Es bringt wahrhaftig keine Ehre (wie Seneca sagt), nur aus einem Kommentar Weisheit zu schöpfen […].“ (S. 55)

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