Platon – Apologie des Sokrates

 

Apologie des Sokrates
Apologie des Sokrates

Platon – Apologie des Sokrates. Ditzingen: Reclam 1987/2008. (Ausschnitte aus obigem, hier zu erwerben.)

„Ich bin heute zum ersten Male vor Gericht erschienen, mit siebzig Jahren; die hier übliche Redeweise ist mir daher völlig fremd. Wie ihr nun, gesetzt, ich käme wirklich aus der Fremde, Verständnis für mich hättet, wenn ich in der Mundart spräche, [18a] die ich gewohnt bin, so halte ich’s auch jetzt für recht und billig, euch zu bitten, von meiner Redeweise abzusehen (vielleicht ist sie schlechter, vielleicht besser als die übliche) und statt dessen mit ganzer Aufmerksamkeit darauf zu achten, ob ich recht habe oder nicht. Denn das ist des Richters Amt, wie es das des Redners ist, die Wahrheit zu sagen.“ (S. 4)

„Sehen wir zu, wie die Sache anfing und wie die Anklage lautet, die meinen schlechten Ruf verursacht hat, so daß Meletos, [b] darauf bauend, die vorliegende Anklageschrift gegen mich einreichen konnte. Also: was sagten meine Verleumder, als sie mich verleumdeten? Denn wie bei richtigen Anklägern sollte man sozusagen ihre Anklageschrift vorlesen: „Sokrates handelt rechtswidrig und treibt Unfug, indem er erforscht, was unter der Erde und am Himmel ist, die schwächere Rede zur stärkeren macht und auch andere hierin unterweist.““ (S. 5)

„Dagegen könnte nun manch einer von euch einwenden: ‚Aber, bester Sokrates, womit beschäftigst du dich denn? Wie sind diese Vorurteile gegen dich aufgekommen? Schwerlich wäre doch, ohne daß du etwas treibst, worin du dich von den anderen unterscheidest, daraufhin dies allgemeine Gerede entstanden – wenn du dich nicht mit etwas anderem beschäftigt hättest als die große Masse. Sag uns, was das ist, damit wir nicht [d] ins Blaue hinein über dich urteilen.‘ – Wer so redet, redet, meine ich, mit Recht so, und ich will daher versuchen, euch zu erklären, was das ist, was mir diesen Ruf und schlechten Leumund eingebracht hat. Hört also gut zu. Und vielleicht glauben einige von euch, ich wolle scherzen. Seid versichert: ich werde euch nichts als die Wahrheit sagen. Ich bin nämlich, ihr Männer von Athen, aus keinem anderen Grunde als wegen einer bestimmten Art von Weisheit zu diesem Ruf gekommen. Wegen was für einer Weisheit? Es handelt sich, denke ich, um eine Weisheit von menschlichem Maß. Ja wirklich: es könnte sein, daß ich in diesem Umfang weise bin. Diejenigen aber, die ich soeben genannt habe, mögen so weise sein, daß ihre Weisheit [e] über menschliches Maß hinausgeht, oder ich weiß nicht, was ich sagen soll. Denn ich für meinen Teil verstehe mich nicht darauf, und wer das Gegenteil behauptet, lügt und hat es darauf abgesehen, mich zu verleumden. […] Denn nicht aus eigener Machtvollkommenheit sage ich, was ich jetzt sagen will; ich werde mich vielmehr auf einen geeigneten Gewährsmann berufen. Denn für meine Weisheit – wenn es sie gibt und was immer daran ist – kann ich euch als Zeugen den Gott in Delphi nennen. Ihr kennt ja wohl den Chairephon. Der [21a] war von Jugend an mein Freund, und er ist, als euer, des Volkes, Freund, mit vielen von euch in die Verbannung gegangen und von dort wieder zurückgekehrt. Uhr ihr wisst auch, was der Chairephon für ein Mann war, wie energisch bei allem, was er sich vorgenommen hatte. Ja, und als er nun einmal nach Delphi kam, da scheute er sich nicht, das Orakel zu befragen, ob (werdet bitte über meine Worte nicht ungehalten, ihr Männer) – er fragte also, ob wohl jemand weiser sei als ich. Da gab ihm die Pythia den Bescheid, niemand sei weiser. Und das wird euch sein Bruder – dort ist er – bezeugen; er selbst ist ja gestorben. Beachtet bitte, warum ich [b] das sage: ich will euch doch zeigen, was mir den schlechten Ruf verschafft hat. Als ich nämlich von dem Bescheid erfuhr, da überlegte ich mir folgendes: ‚Was mag der Gott wohl meinen, und was gibt er mir da für ein Rätsel auf? Ich weiß nämlich ganz genau, daß ich nicht weise bin, weder viel noch wenig. Was meint er also, wenn er sagt, ich sei der Weiseste? Denn ganz gewiss lügt er ja nicht; das ist nicht seine Art.‘ Und lange Zeit war mir gänzlich unklar, was er wohl meinte; dann erst, mit großem Widerstreben, machte ich mich daran, die Frage auf folgende Weise zu untersuchen. Ich ging zu einem von denen, die in dem Rufe standen, weise zu sein, um [c] so, wenn überhaupt, den Spruch zu widerlegen und dem Orakel zu zeigen: ‚Dieser Mann ist weiser als ich; du aber haast gesagt, ich sei der weiseste.‘ Als ich ihn nun prüfte (ich brauche ihn wohl nicht mit Namen zu nennen; es war einer von unseren Politikern, bei dem ich, als ich ihn mir ansah und mich mit ihm unterhielt, derartiges erlebte), da gewann ich den Eindruck, dass dieser Mann wohl weise zu sein schien – nach dem Urteil vieler anderer Leute und vor allem nach seinem eigenen -, ohne es indessen wirklich zu sein, und ich versuchte ihm klarzumachen, dass er sich zwar einbildete, weise zu sein, dass er es jedoch gar nicht wahr. [d] So kam es, dass ich mich bei ihm und bei vielen der Anwesenden verhasst machte; bei mir selbst aber bedachte ich, als ich wegging: ‚Im Vergleich zu diesem Menschen bin ich der Weisere. Denn wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Odentliches und Rechtes; er aber bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts weiß, während ich, der ich nichts weiß, mir auch nichts zu wissen einbilde. Offenbar bin ich im Vergleich zu diesem Mann um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.‘ Dann ging ich zu einem anderen, zu einem, der für noch weiser galt als mein erster Mann. Ich [e] gewann dort genau denselben Eindruck, und ich machte mich nunmehr auch bei ihm und obendrein noch bei vielen anderen verhasst.“ (S. 7-9)

„Schließlich ging ich zu den Handwerkern. Ich selbst war mir ja bewusst, dass ich mich sozusagen auf nichts verstehe; [d] bei ihnen aber würde ich, wie ich wusste, feststellen, dass sie sich auf viele schöne Dinge verstünden. Und hierin sah ich mich nicht getäuscht: sie verstanden sich auf Dinge, von denen ich nichts verstand, und waren mir in dieser Hinsicht an Weisheit überlegen. Aber, ihr Männer von Athen, denselben Fehler wie die Dichter schienen mir auch die lieben Handweker zu haben: weil sie sich gut auf die Ausübung ihrer Kunst verstanden, bildete ein jeder sich ein, er sei auch im übrigen ganz ungeheuer weise, so dass – meiner Meinung nach – diese Beschränktheit ihre Weisheit wieder aufhob. Daher fragte ich mich [e] im Namen des Orakels, ob ich’s für richtig hielte, so zu sein, wie ich sei – nicht weise im Sinne ihrer Weisheit und nicht unwissend im Sinne ihrer Unwissenheit-, oder ob ich’s vorzöge, zu sein wie sie. Ich gab mir selbst und dem Orakel zur Antwort, dass es mir wohl anstehe, zu sein, wie ich bin.“ (S. 10/11)

„So scheint denn, ihr Männer, allein der Gott wahrhaft weise zu sein und mit seinem Orakelspruch eben dies zu meinen, dass die menschliche Weisheit nur wenig wert ist oder rein nichts. Und offenbar deutet er in diesem Sinne auf den Sokrates hin, wobei er meinen Namen nur nebenbei nennt, indem er mich als Beispiel [b] verwendet – als ob er sagen wollte: ‚Der, ihr Menschen, ist unter euch der weiseste, der wie Sokrates erkannt hat, dass er recht betrachtet, nichts wert ist, was seine Weisheit betrifft.'“ (S. 11)

„Da sagt vielleicht manch einer: ‚Schämst du dich nicht, Sokrates, einer Beschäftigung nachzugehen, die dich jetzt das Leben kosten kann?‘ Dem würde ich dann mit Recht entgegnen: ‚Du sprichst nicht wohl, Mensch, wenn du meinst, es dürfe jemand eine Gefahr auf Leben und Tod in Betracht ziehen, wenn er auch nur einigermaßen etwas wert ist – statt allein darauf zu blicken, ob er sooft er etwas tut, recht oder unrecht daran tut und ob er wie ein anständiger Mann handelt oder wie ein Lump […]'“. (S. 19)

„Denn so ist’s doch richtig, ihr Männer von Athen: wo einer sich aufstellt, im Glauben, es sei das Beste so, oder wo er von seinem Vorgesetzten aufgestellt wird, dort muss er, meine ich, ausharren und die Gefahr auf sich nehmen, ohne an den Tod zu denken oder an irgend etwas anderes außer der Schande.“ (S. 20)

„Wenn ihr mich also jetzt laufen lasst, [c] ohne auf Anytos zu hören, der da meinte, ich hätte entweder gar nicht hier erscheinen dürfen oder aber er sei, da ich hier erschienen bin, unmöglich dass man mich nicht zum Tode verurteile, und der euch noch versicherte, dass, wenn ich davonkäme, eure Söhne, indem sie die Lehren des Sokrates befolgten, allesamt ganz und gar verdorben würden – wenn ihr mir daraufhin sagtet: ‚Sokrates, dieses Mal wollen wir nicht auf Anytos hören, sondern dich laufen lassen, allerdings nur unter der Bedingung, dass du nicht mehr diesen Untersuchungen frönst und Philosophie betreibst. Wenn du aber noch einmal dabei ertappt wirst, dann musst du sterben‘ – wenn ihr [d] mich also, wie gesagt, unter dieser Bedingung laufen lassen wolltet, dann würde ich euch antworten: ‚Ich schätze und verehre euch, ihr Männer von Athen, doch gehorchen werde ich eher dem Gotte als euch und, solange ich atme und dazu imstande bin, nimmer aufhören, zu philosophieren und auf euch einzureden und jedem von euch, den ich treffe, ins Gewissen zu reden, indem ich in meiner gewohnten Art zu ihm sage: ‚Mein Bester, du bist Athener, ein Bürger der größten und durch Bildung und Macht berühmtesten Stadt, und du schämst dich nicht, dich darum zu kümmern, wie du zu möglichst viel Geld und wie du [e] zu Ehre und Ansehen kommst, doch um die Vernunft und die Wahrheit und darum, dass du eine möglichst gute Seele hast, kümmerst und sorgst du dich nicht?‘ Und wenn einer von euch das bestreitet und sagt, er kümmere sich darum, dann werde ich ihn nicht gleich laufen lassen und weggehen, sondern ihn fragen und prüfen und ausforschen, und wenn ich den Eindruck bekomme, dass er keine Tugend besitzt, obwohl er’s behauptet, dann werde ich ihm den Kopf zurechtsetzen, weil er das Wertvollste am [30a] niedrigsten einschätzt und das Minderwertige höher.'“ (S. 21/22)

„Abgesehen von unserem Rufe, ihr Männer, scheint es mir nicht recht zu sein, dass jemand seinen [c] Richter anfleht und, wenn er das tut, einen Freispruch erlangt: er soll beweisen und überzeugen. Denn nicht dazu ist der Richter eingesetzt, nach Willkür Recht zu sprechen, sondern dazu, ein gerechtes Urteil zu finden, und er hat geschworen, sein Amt nicht, wie es ihm beliebt, zum Zwecke der Begünstigung, sondern nach Maßgabe der Gesetze auszuüben. Folglich dürfen weder wir euch daran gewöhnen, euren Eid zu brechen, noch dürft ihr euch daran gewöhnen lassen; das wäre von keinem von uns recht getan. Mutet mir also nicht zu, ihr Männer von Athen, euch gegenüber zu tun, was ich weder für schön noch für gerecht noch für gottesfürchtig halte […]“. (S.29)

„Welche Strafe oder Buße ist für mich angemessen, der ich’s mir einfallen ließ, mein Leben lang nicht Ruhe zu halten, der ich verachtete, was dem Haufen am Herzen liegt, Gelderwerb und geordnete Verhältnisse, Feldherrenstellen, Reden vor dem Volke oder irgendwelche anderen öffentlichen Aufgaben, oder auch Teilnahme an den Gruppierungen und Parteiungen, wie sie unser öffentliches Leben mit sich bringt, der ich glaubte, ich sei nun wirklich zu sehr auf Gerechtigkeit aus, als dass ich [c] bei einer derartigen Betätigung meine Haut retten köntte, der ich mich auf nichts einließ, wo ich weder euch noch mir selber zu etwas nutze gewesen wäre, der ich mich vielmehr bemühte, jedem einzelnen, indem ich mich seiner annahm, die größte Wohltat zu erweisen (wie ich jedenfalls glaube): ich wollte ja einen jeden von euch dazu bringen, sich nicht eher um irgendeine seiner Angelegenheiten zu kümmern, als bis er sich um sich selbst gekümmert hätte, nämlich darum, möglichst gut und vernünftig zu werden, und nicht eher um die Angelegenheiten der Stadt als um die Stadt selbst, und so auch um alles andere in entsprechender Weise – was ist für mich, [d] für so jemanden angemessen?“ (S. 30/31)

„Wenn ich jedoch sage, dies sei das größte Glück für einen Menschen, Tag für Tag über den sittlichen Wert Gespräche zu führen und über die anderen Dinge, über die ihr mich reden hört, indem ich mich selbst und andere einer Prüfung unterziehe, und dass ein Leben ohne Prüfung für den Menschen nicht lebenswert sei, dann werdet ihr meinen Reden noch weniger Glauben schenken. Es verhält sich zwar so, wie ich sage, ihr Männer; doch andere davon zu überzeugen ist nicht leicht.“ (S. 33)

„Doch nicht dies ist schwierig, ihr Männer, die Vermeidung des Todes, sondern noch weit mehr die der Schlechtigkeit; die kann nämlich schneller laufen als der Tod.“ (S. 34)

„Um eines aber bitte ich sie noch: übt an meinen Söhnen, wenn sie herangewachsen sind, Vergeltung, ihr Männer, indem ihr ihnen in derselben Weise zur Last fallt, wie ich euch zur Last gefallen bin: sobald ihr den Eindruck gewinnt, dass sie sich um Geld oder irgend etwas anderes mehr kümmern als um Tugend, und sobald sie etwas zu sein beanspruchen, was sie nicht sind, dann macht ihnen Vorwürfe wie ich euch, weil sie sich nicht um die richtigen Dinge kümmern und glauben, sie wären etwas, obwohl sie Nichtsnutze sind. Und wenn ihr das tut, dann lasst ihr mir recht [42a] widerfahren, mir selbst und meinen Söhnen.“ (S. 38)

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