Karl Jaspers – Die politische Freiheit

Transkript:

„Der Geist der freien Welt gibt ein zweideutiges Bild. Wir  freien Völker sind noch keineswegs politisch eigentlich frei.  Im wirtschaftlichen Wohlergehen, im Weiterschliddern, in  bloßen Aufregungen liegt keine Freiheit. Die Aristokratie der  Einsichtigen vermindert sich. Die Verteilung der  Verantwortung erzeugt Verantwortungslosigkeit. Die Demokratie  wird zur Parteienoligarchie, was Kultur hieß, wird in weitem  Umfang zu den Seifenblasen eines Literatentums. Der Geist  verliert seinen Ernst. Daher werden die Völker nicht  innerlich ergriffen von den ungeheuren Drohungen, die über  ihnen schweben. Höchstens haben sie einmal Angst, die, wenn  es wieder gut gegangen ist, schnell vergessen wird. Wenige  spüren, wohin es mit der Freiheit der Menschen im eigenen  Staat und auf der Erde zu gehen droht. Dieser im Wohlergehen  scheinbar solide Zustand kann plötzlich umschlagen, wenn  Massen und Intellektuelle gleicher Weise bodenlos zum  Material für totale Herrschaft geworden sind.
Wenn man schon im Zustand der nicht mehr begriffenen,  äußerlich gewordenen Freiheit freiwillig in die Knechtschaft  unter Nichtigkeiten der glaubenslosen Welt geht, dann ist  nach einer Weile auch der Verlust jener äußerlichen Freiheit  die Folge. Es ist als ob in Deutschland der gewaltige Lärm  des Geistes und des politischen Betriebes vor Jahrzehnten, in  den zwanziger Jahren, das Grab seiner Freiheit sich selbst  geschaufelt habe und als ob heute, nach glücklicher Rettung  Westdeutschlands von außen her, doch von innen dasselbe noch  einmal geschehen könne. Drohen aber der gesamten westlichen  Welt nicht dieselben Gefahren? Angesichts der Unheilszeichen  der Zeit für die Freiheit erhalten die grundsätzlichen  Einwände gegen die Möglichkeit der Freiheit ein verführendes  Gewicht. Ist die politische Freiheit nicht eine Utopie? Ist  sie nicht bloß die Gesinnung weniger Menschen innerhalb des  Abendlandes seit den Griechen gewesen und wird sie nicht von  den meisten Abendländern und der gesamten übrigen Menschheit  in Blindheit für sie praktisch verworfen?
Ich möchte nicht die Menschen verleugnen, die politische  Freiheit nie gekannt und nie hervorgebracht haben, die in  metaphysischem Denken, in Dichtung und Kunst eine Tiefe  erfahren haben, die uns wundersam anspricht. Ich möchte auch  nicht die Größe von Herrschern verleugnen: in China, in  Indien, in den ältesten Kulturen seit den Sumerern. Aber es  ist doch überall etwas, das uns, wenn wir ihnen innerlich  ganz nahe zu kommen scheinen, immer befremdet. Auch in  unserem geistigen Mittelalter begegnen uns große  Persönlichkeiten, ihrer selbst kaum bewusst, darum um so  mächtiger in ihrem Eindruck. Aber es liegt ein in der  Befremdung erfahrener, unheimlicher Abgrund zwischen […/  ihnen und uns(?)]. Es sind niemals Persönlichkeiten, die uns  vielmehr erst dort begegnen, wo politische Freiheit gewollt,  gefunden oder wo sie qualvoll entbehrt wird.
Wir können auch nicht bauen auf die Geschichte als einem  Fortschrittsprozess der Freiheit. Es gab im Abendland seit  Juden und Griechen, seit der Polis und der römischen  Republik, seit den städtischen und freibäuerlichen  Mittelalter- und in den heutigen von ihnen herstammenden  altfreien europäischen Gebieten politische Freiheit in  kräftigen Ansätzen. Immer erstaunlich, weil sie aus der  überwältigenden Menge unfreien menschlichen Daseins  auftauchen: Unendlich kostbar, immer aufs Höchste gefährdet.  Die politische Freiheit wurde nur in kleinen Umkreisen  hervorgebracht. Sie konnte auch abseits, im alten Island, eine  geistig, im Vergleich zu Griechen, Holländern, Angelsachsen  zwar geringe, doch großartige Wirklichkeit gewinnen. Aber  überall ging sie bald verloren. Die Realität der  überwältigenden Mehrheit der Völker und Staaten spricht gegen  die Freiheit. Diese Tatsachen stützen den schwersten Einwand:  Die Freiheit sei unmöglich, denn der Mensch sei durch sie  überfordert. Die unentrinnbare, zwar zum Höchsten  ermutigende, aber auch der größten Gefahr aussetzende  Situation für uns ist: Der Mensch soll, um eigentlich Mensch  zu werden, frei werden, was er doch als realer Mensch in der  Menge eines Volkes faktisch nicht zu können scheint. Aus  diesem Einwand folgert man: Herrschaft durch fraglose  Autorität muss sein. Sie war immer und überall. Sie wird  heute Russland und China die Übermacht in der Welt  verschaffen. Die Alternative zur politischen Freiheit ist in  der Tat die Gewalt der Autorität, die Herrschaft einer  kleinen Minorität über die große Majorität im Namen einer von  allen anzuerkennenden Autorität. Gegen den autoritäten  Herrschaftszustand spricht aber unüberwindlich der Satz: Es  sind immer Menschen, die über Menschen herrschen, nie ist  Gott oder die absolute Wahrheit in der Welt; es sind immer  nur Menschen, die im Namen Gottes oder im Namen der absoluten  Wahrheit die Autorität beanspruchen, nicht Gott oder die  Wahrheit selbst. Es sind nur Menschen, die Gewalt im Dienste  der Autorität anwenden, nicht Gott oder die Wahrheit. Diese  Autorität verdient keinen Glauben. Sie ist in jeder ihrer  Gestalten durch schändliche, niederträchtige, böse Handlungen  diskreditiert. Wir sollen [es] uns – das geht aus meinen  Darlegungen hervor – nicht leicht machen, als ob die Freiheit  selbstverständlich wäre. Können wir überhaupt den Satz „Die  politische Freiheit sei im Wesen des Menschen gegründet“  aufrecht erhalten? Hier kann es eine zwingende Erkenntnis des  Richtigen nicht geben. Es handelt sich um eine  Wesensentscheidung in der Denkungsart des ganzen Menschen(s),  jedes Einzelnen mit seinem politischen Schicksalsgefährten.  Vor der Alternative stehend müssen wir wissen, wofür wir  leben, auf was hin wir -soweit es an uns liegt- die Zukunft  gründen wollen. Einsicht und Entschluss entscheiden. Sie sind  im Philosophieren zu uns selbst geworden. In der Freiheit ist  zwar das Verderben groß, das völlige Verderben möglich, ohne  Freiheit aber ist das Verderben gewiss. Die politische  Freiheit im eingeborenen Adel des Menschen gemäß erlaubt  Hoffnung. Der andere Weg [ist/erscheint rein(?)]  hoffnungslos. Wir verachten uns selbst, wenn wir den Mut der  Vernunft aufgeben, in dem die Hoffnung gründet. Und wenn der  Mensch verschlungen werden sollte von der Gewalt, so war  seine Wahrheit doch dieser sein Weg zur Freiheit. Sie wird  nicht wieder […] scheitern, so wenig wie die Herrlichkeit  der Erde, wenn sie einst wieder im Meer des Kosmos aufgelöst  wird, als ob sie nicht gewesen wäre.“

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