Marc Aurel – Wege zu sich selbst

 

Denkwürdiges, Klappe die erste:

„Von Rusticus stammt bei mir die Überzeugung, ich müsse an meiner Besserung und Charakterbildung arbeiten, dagegen die Abwege leidenschaftlicher Sophisten vermeiden, dürfe auch nicht über leere Theorien schriftstellern, noch mit der Miene eines Sittenpredigers Reden vortragen, noch in augenfälliger Weise den Büßer oder Menschenfreund spielen. Desgleichen solle ich mich von rhetorischem und poetischem Wortgepräge und sonstiger Schönrednerei fern halten, auch zu Hause nicht im Staatskleide einherschreiten, noch anderes derart treiben. Von ihm lernte ich auch […] meinen Widersachern und Beleidigern bereitwillig und versöhnlich entgegenzukommen, sobald sie selbst geneigt wären, wiedereinzulenken, Schriften aufmerksam zu lesen, mich nie mit oberflächlicher Betrachtung zufrieden geben und Schwätzern nicht beipflichten.“ (1. Buch, Absatz 7, S. 8 )

„Von Sextus lernte ich wohlwollend sein, an seinem Beispiele, meinem Hause als Vater vorstehen; ihm verdanke ich den Vorsatz, der Natur gemäß zu leben, eine ungekünstelte Würde des Benehmens und die Sorgsamkeit im Erraten von Freundeswünschen, die Geduld gegen Unwissende und gegen Leute, welche gedankenlosem Wahne frönen, endlich die Kunst, mich in alle Menschen zu schicken. […] Er stattete mich mit der Fähigkeit aus, die zur Lebensweisheit erforderlichen Grundsätze auf eine überzeugende und regelrechte Art aufzufinden und zu ordnen, nie dem Zorne oder einer anderen Leidenschaft Ausbrüche zu gestatten, aber zugleich mit dieser völligen Leidenschaftslosigkeit die Regungen der zärtlichsten Liebe zu verbinden und mich eines guten Rufes, jedoch ohne viel Aufhebens, und eines reichen Wissens, aber ohne Prahlerei, zu befleißigen.“ (1. Buch, Absatz 9, S. 9)

„Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen! Er bleibt stehen, und rings um ihn legen sich die angeschwollenen Gewässer! Ich Unglücklicher, dass mir dieses Schicksal widerfahren musste! Nicht doch, sondern glücklich bin ich, dass ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt, noch von der Zukunft geängstigt! So etwas hätte ja jedem begegnen können, aber nicht jeder wäre dabei kummerfrei geblieben. Warum wäre nun jenes eher ein Unglück als dieses ein Glück? Nennst du aber überhaupt etwas ein Unglück für einen Menschen, was doch mit der Natur des Menschen in keinem Widerspruch steht? Oder scheint dir etwas der Natur des Menschen zu widersprechen, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich nun wohl dein Schicksal, gerecht, hochherzig, besonnen, verständig, vorsichtig im Urteil, truglos, bescheiden, freimütig zu sein und die anderen Eigenschaften zu haben, in deren Besitz die Eigentümlichkeit der Menschennatur besteht? Erinnere dich also, bei jeder Veranlassung zur Unlust die Wahrheit geltend zu machen: dies ist kein Unglück, vielmehr es mit edlem Mute zu tragen, ein Glück.“ (4. Buch, Absatz 49, S. 49)

„Hüte dich, selbst gegen Unmenschen leidenschaftlich zu handeln, wie Unmenschen gegen Menschen tun!“ (7. Buch, Absatz 65, S. 95)

 

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