Perspektive, Handlung und Wertempfinden

„Jede Haltung gegenüber dem Leben ist geprägt durch eine bestimmte Sehweise, unter der das Leben wahrgenommen wird, und einem damit aufs engste verbundenen Wertempfinden“.

Zitat, Manfred Hardt: Flauberts Spätwerk. Untersuchungen zu „Bouvard et Pécuchet“. S. 23. – Bin grade mit einer Diskursanalyse fertig und habe mir nebenher einige assoziationsfördernde Stellen notiert. Obige war eine davon.

Irgendwie ist da irgendwas dran, andererseits kann man auch viel daran herumkritisieren, oder. Zuerst einmal ist der Begriff „Haltung“ unscharf, was soll das bedeuten? Mein Handlungskonzept? Das Gesetz meiner Handlungen in Abhängigkeit meiner Perspektive auf die Welt? Determinismus? Oder ist Haltung nur so eine Art Einstellung, so wie Zynismus? Und wie komplex soll diese Haltung eigentlich sein, wenn sie alle unsere Handlungsmöglichkeiten umfasst, gesetzt sie tut es, denn wenn nicht, was beschreibt sie dann schon. Den ersten Teilsatz könnte man also banal so ausdrücken: Je nachdem wie die Welt auf mich wirkt (der passive Aspekt wird beibehalten), verhalte ich mich (in Abhängigkeit meines Charakters, oder?!). Wenn mir die Welt verkommen erscheint, dann benehme ich mich dementsprechend, wenn mein Charakter das hergibt. Ich könnte aber auch positiv auf eine verkommene Welt einwirken wollen. Aber irgendwie kann man den Charakter eines Menschen nicht aus der Gleichung rausnehmen, obwohl er in obigem Zitat nur impliziert wird, wenn überhaupt. Zitat Heraklit, „eines Menschen Charakter ist sein Schicksal“ – ich würd’s nicht so deterministisch verstehen, aber ja, ich stimme obigem zu, wenn Hardt mit der „bestimmten Sehweise“ unseren Charakter meint, was m.E. plausibel ist.

Zum Wertempfinden: Die Syntax im obigen Satz scheint problematisch: worauf bezieht sich das „damit“ in „und einem damit aufs engste verbundenen Wertempfinden“. Auf das Leben oder die Sichtweise? Nun wird man zweifelsfrei nicht bestreiten wollen, dass das Leben uns mit bestimmten Werten konfrontiert, bspw. in Romanen, in Tv-Sendungen, in allen möglichen Medien eben, während unser eigenes Wertempfinden nicht gänzlich, aber in seinen Konsequenzen, d.h. unseren Handlungen, so sie denn unserem Wertempfinden überhaupt entspringen, unabhängig von diesen ist, will sagen: Nur weil ich etwas von Patrioten lese, die sich für ihr Land opfern, muss ich den inhärenten Wert der Vaterlandsliebe nicht anerkennen und könnte genauso gut auf jegliche Vorstellungen dieser Art pfeifen. Im Gegensatz dazu muss ich nicht das abertausendmalige Fremdgehen billigen, das im Fernsehen „vorgelebt“ und als typisch menschlich entschuldigt, toleriert und fast aufgewertet wird, so nach dem Motto: „Du willst Mensch sein, dann betrüg‘ erstmal deinen Partner.“ Was mir in obigem Zitat fehlt, ist die Rolle der Vernunft. Oder subsumiert Hardt diese unter Sehweise? Also dann ist dieser Begriff leider auch viel zu schwammig. Wenn sich nun unser Wertempfinden also mit der subjektiven Sehweise verbindet, was ja irgendwie Sinn macht, allerdings auch völlig banal anmutet, wenn man bedenkt, dass schließlich alles Denken, Wahrnehmen, Urteilen und Handeln in uns zusammenläuft, dann darf man doch die Frage stellen, wie und in welcher Reihenfolge das geschieht. Was war beispielsweise zuerst da? Eine Sichtweise, aus der sich dann eine Moral entwickelt hat? Wie ist überhaupt unsere Sichtweise entstanden, wenn nicht durch Beeinflussung durch die Sichtweisen aller? Haben wir dann überhaupt eine eigene? Und inwieweit wäre dann unser Wertempfinden unser eigenes? Dass Moral von Anfang an vorherrschte, wird ja wohl keiner behaupten, vor allem niemand, der als Kind Frösche aufgeblasen hat oder – was aufgeweckte Kinder heute eben so machen. Ich denke, Adam Smith wird damit Recht haben, wenn er sagt, dass unsere Moral seit Kindestagen konditioniert wird – ich habe als 10jähriger sicherlich nicht die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten gelesen, weiß aber dennoch, wie ich mich in der Gesellschaft zu benehmen habe, weil es mir einerseits vorgelebt wird und ich andererseits im Abweichen von der Norm durch die Tadel, die ich einstecke, wenn ich sie denn einstecke, lerne, was die Norm ist. Vielleicht ist das einer der Punkte, warum Jugendliche zunehmend verblöden, wenn sie nicht mehr in der Gesellschaft aufgeklärter, autonom denkender Individuen aufwachsen, die sie tadeln, sondern vor der Glotze, wo ihnen suggeriert wird, dass man als Gangster oder Popstar ein sehr viel leichteres und besseres Leben hat, jaja, oberflächliche Kulturkritik, ich weiß, ich weiß, ich werd ja wohl auch mal dürfen. Naja, wie dem auch sei, der obige Satz ist leider nicht so gut, wie ich eigentlich dachte… er ist nicht wirklich in sich geschlossen und lässt einfach zuviele Fragen offen. Naja, gibt ja mehr und bessere Sätze. Zum Beispiel den:

Bouvard verfiel in einen Zustand leichter Verblödung„. (G. Flaubert – Bouvard und Pécuchet. Fischer-Ausgabe von 2009, S. 20) – genauso fühle ich mich, wenn ich mir Gedanken über Sätze wie den erstgenannten mache. Aber tut ja auch mal ganz gut.

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