Film [2]: High Noon / Zwölf Uhr Mittags

HIGH NOON ist einer der Filme, mit denen ich aufgewachsen bin, wenn man so will. Vielleicht einer der ersten Filme, an den ich mich wirklich erinnerte, der mich beschäftigte, der gewisse Perspektiven entwickelte und vielleicht, wenn man so weit gehen mag, meine Moralvorstellungen stark beeinflusste. Nun, jeder, der Western schätzt, wird diesen Film sowieso kennen – und er wird zugeben, dass dieser Film aus mehreren nun folgenden Gründen einer der besten Filme überhaupt ist: Über den visuellen Stil kann man wie in fast allem geteilter Meinung sein; ich für meinen Teil bin kein großer Experte und achte zumindest nicht wohlwissend darauf, wann und warum eine Aufblende eingesetzt wird. Wenn man nichts zu beanstanden hat, dann weiß man entweder nicht, was der sogenannte Experte zu beantstanden hätte, wenn man auf seinem Niveau Kritik übte, oder man hat aus gutem Grund nichts zu beanstanden, wenn es sich nämlich um eine an Perfektion grenzende Arbeit handelt. Ich habe mich beim Sehen von Filmen nie wirklich auf die Verwendung von Totalen und Halb-Totalen konzentriert und war schon froh, als ich in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ die Froschperspektive und den Sinn ihres Einsatzes erkannt habe, ergo werde ich über den visuellen Stil des Filmes keine weiteren Worte verlieren. Obwohl doch, *hüstel*, pardon, ganz kurz: Die Inszenierung der Zeit, der Niedergeschlagenheit und der Psychologie des Protagonisten Will Kane nötigte mir ein respektschwangeres Staunen ab – die Einsamkeit des einzelnen Menschen unter anderen Menschen wurde selten so präzise (und natürlich/unaffektiert) dargestellt. Und damit kommen wir zum Inhalt, ohne allzuviel für diejenigen vorweg zu nehmen, die sich den Film hoffentlich noch ansehen: Man hat vermutlich schon gemerkt, dass ich ein glühender Anhänger der Aufklärung bzw. des Ideals der Aufklärung bin. Vielleicht erklärt sich dadurch meine Liebe zu diesem Film, zeigt er uns doch m.E. relativ adäquat, wie es um die Gesellschaft (vielleicht seit jeher) bestellt ist und wie ein autonom denkendes, d.h. mündiges Individuum in dieser zu handeln hat. Einschub Adorno: „Mündig ist der, der für sich selbst spricht, weil er für sich selbst gedacht hat und nicht bloß nachredet (…) Das erweist sich aber an der Kraft zum Widerstand gegen vorgegebene Meinungen und, in eins damit, auch gegen nun einmal vorhandene Institutionen, gegen alles bloß Gesetzte, das mit seinem Dasein sich rechtfertigt. Solcher Widerstand, als Vermögen der Unterscheidung des Erkannten und des bloß konventionell oder unter Autoritätszwang Hingenommenen, ist eins mit Kritik, deren Begriff ja vom griechischen krino, Entscheiden, herrührt.“

Man kann sich sicherlich um die Intentionen des Protagonisten streiten, ihm vielleicht persönliche und damit eigensinnige Absichten unterstellen, aber das spielt meines Erachtens für die aus diesem Film zu ziehende Lehre keine Rolle, denn wenn wir uns im Poststrukturalismus schon von absoluten Wertungen/Interpretationen entfernen (was ich hier und da für einen schwerwiegenden Fehler halte), dann können wir oberflächlich auch festhalten, dass in diesem Film ein Mann treu seinen (persönlichen und/oder ethischen) Überzeugungen folgt, obwohl ihm der Tod droht und er -von der gesamten Gemeinde im Stich gelassen- angesichts absoluter Einsamkeit allein diesen Weg zu beschreiten hat. Unterstellt man ihm keine rein persönlichen Beweggründe, so könnte man den Film vielleicht etwas zynisch auch „Der letzte Idealist“ nennen. Und ja, vielleicht muss man irgendwie ein bisschen Idealist (und vielleicht auch weltfremd) sein, um diesen Film (und diese vordergründige Bedeutungsebene) vollends würdigen zu können.

Weiteres in Kurzform: High Noon gilt als einer der ersten, wenn nicht als Begründer des psychologischen Westerns. Wer im Minutentakt abgefeuerte Revolver erwartet, wird enttäuscht werden. Häufig erinnert der Film an ein Kammerspiel: so schreitet Will Kane eine feste Route ab, in dessen Verlauf er an verschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen spricht, die im Dialog absichtlich oder unbeabsichtigt viel über ihre Einstellungen (und ihr psychologisches Profil) verraten, ja vor unseren Augen „entblößt“ werden. In der Folge zeichnen sich eine Vielzahl von Konflikten ab, die mal gelöst, zum größten Teil aber nur offen zu Tage brechen und ungelöst bleiben. Allein diese psychologische Tendenz, die zur gesellschaftskritischen Botschaft hinzukommt, macht den Film mehr als nur sehenswert, ja, man halte mich für den nackten Irren mit der Laterne, aber ich denke, man sollte den Film an Schulen zeigen, wenn es nicht sogar schon gemacht wird – ich erinnere mich da dunkel, aber… anyway. Jedenfalls ist der Film mehr als eine ideologiekritische Allegorie: Wenn man hier nicht eine Vorstellung von Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Treue, Idealismus, Verantwortungsbewusstsein und Selbstbestimmung bekommt, dann nirgendwo. So. Mit Ausrufezeichen!

Und wenn ich mich am Ende einmal selbst zitieren darf, wobei mir der Pathos bitte angesichts meiner jugendlichen, vielleicht überbordenden Leidenschaft verziehen sei:

„HIGH NOON ist nicht nur technisch und ästhetisch ein überragender Film,
sondern beeindruckt vermutlich vor allem diejenigen, die im Leben vor ähnlichen
Konflikten standen, mit ihrem Gewissen stritten und sich angesichts zweier Wege
fragten, welchen sie warum beschreiten wollen. HIGH NOON ist kein Film, der leichte
und bekömmliche Unterhaltung bietet: Er ist todernst und verzichtet auf jegliches
komische Element – seine Botschaft ist hart, erschütternd und dringt tief ins Mark.
Zeitgleich eröffnet er unzählige Diskurse: Über Wert und Nutzen der Demokratie, über
Idealismus und Zynismus, über moralische Pflichten und die Bedingungen sozialen
Zusammenlebens. Zudem werden wir vor die Frage gestellt, wie Konflikte gelöst
werden können, wie sie gelöst werden sollten und letztendlich, ohne diesen
existentialistischen Ansatz überschwänglich hervorheben zu wollen: welchen
Konflikten wir uns stellen wollen, die uns letztlich zu dem machen, was wir sind.“

„Wenn du anständig bist, bleibst du dein Leben lang arm
und schließlich krepierst du mutterseelenallein irgendwo in irgendeiner schmutzigen
Straße. Für was? Für nichts. Für einen Blechstern!“ Mentor Kanes

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