Herr Neumann und die Kohlezeichnung

Herr Neumann fliegt mit einem Kollegen in Richtung unbestimmt, unter ihm der Himmel, oberhalb das schwebende Meer, am Horizont einsame Bergspitzen, die gletschergrauen Züge wie Narben im Stein. Plötzlich stürzt eine dahergeflogene Plastik-Taube ab, landet in einer Wolkenlichtung, löst sich in ihre Einzelteile auf, die zu Holzklötzen werden und wie von selbst einen Kreis bilden wollen, und doch, er wird nicht vollständig, so verflüssigt sich das Holz, schwindet in die Wolken, die daraufhin grün werden und sich per Gewitter zu einer einzigen Blume verfestigen, Manifestation! schreit sein Kollege, die Blume bricht auf, heraus fliegt ein Adler, Funkenfederkleid, der aufsteigt, immer höher schießt, jeden Meter sich erkämpft und schließlich vom nunmehr schwerelosen Meer erschlagen wird: Meer und Wolken mischen sich, es entsteht eine durchsichtige Kugel voll brodelnder Elementarteilchen, heiße Dämpfe und rasierende Winde, in ihrem Zentrum der totleuchtende Adler, der zur Blume wird, die zu Gewitter wird, das zu Wolken wird, die verpuffen. Die Kugel löst sich auf, der Kollege implodiert zu einer Randnotiz, Herr Neumann sitzt im Nichts, vor ihm ein kleines Lederband, er schlägt es auf: Auf allen Pergamentseiten sind Kohlezeichnungen. Angedeutete Dörfer, vermeintliche Personen, Skizzen, Fragmente, schwarz auf weiß, zumeist undeutlich, vage und unbestimmt.

Herr Neumann wacht auf. Vor den Augen die Kohlezeichnungen, in den Gedanken die Frage: Wessen Kohlezeichnungen sind das, wenn ich zum einen noch nie derartige Skizzen gesehen habe und zum zweiten selbst gar nicht zeichnen kann?

Nur was wir träumen, sind wir wirklich, denn alles andere gehört, weil es verwirklicht ist, allen Menschen“ murmelt Herr Neumann lebensabwesend, teils in Erinnerung an den Traum, teils in Gedenken eines großen Träumers und putzt sich den Schlaf aus den Augen.

[2.11.2010]

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