Christian Morgenstern – Gedichte

Bei der Suche nach Sekundärliteratur zu Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ war ich irgendwie kurz abgelenkt – wie das eben so ist bei Assoziationen. Jedenfalls bin ich irgendwie bei Christian Morgenstern gelandet, hab‘ mich daraufhin daran erinnert, dass mich einige seiner Gedichte schon länger begleiten bzw. mir viel bedeuten und einige meiner Perspektiven geprägt haben, die Identitätspuzzlestücke, wenn man so will. Wenn kurz über „Bedeutung“ nachgedacht werden darf, dann kann ich hier vielleicht anfügen, dass (mir) diese Gedichte deshalb wichtig sind, weil sie einige Perspektiven in den Vordergrund rücken, die häufiger verblassen, oder vielleicht besser: die hin und wieder verschüttet werden und leider nicht immer präsent sind, obwohl sie es sein sollten – es handelt sich vielleicht um jene Gedanken, die das Bewusstsein im Gleichgewicht halten, jene Ideenfetzen, die einen daran erinnern, dass vieles zum Freuen, zum Staunen und zum Lachen ist – und um dies nicht einzuschränken: es geht um alle Formen des Lachens.. des zynischen, des ironischen, des unbeschwert-fröhlichen, des traurigen, des enttäuschten, etc. pp. Natürlich ließe sich hier auch ein philosophischer Diskurs aufmachen, grad‘ wenn man an das Gedicht „Der Meilenstein“ denkt, nicht wahr, da kratzt es an Kants Sargdeckel, aber das steht erstmal nicht im Vordergrund, obgleich es faszinierend ist.. oder äh.. geht das nur mir so… öhm, anyhoo. Nun, Worte sind ungerecht, drum hier ohne weiteres die Gedichte:

Aus stillen Fenstern

Wie oft wirst du gesehn
aus stillen Fenstern,
von denen du nichts weißt …
Durch wie viel Menschengeist
magst du gespenstern,
nur so im Gehn …

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Der Meilenstein

Tief im dunklen Walde steht er
und auf ihm mit schwarzer Farbe,
dass des Wandrers Geist nicht darbe:
Dreiundzwanzig Kilometer.

Seltsam ist und schier zum Lachen,
dass es diesen Text nicht gibt,
wenn es keinem Blick beliebt,
ihn durch sich zu Text zu machen.

Und noch weiter vorgestellt:
was wohl ist er – ungesehen.
Ein uns völlig fremd Geschehen.
Erst das Auge schafft die Welt.

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Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

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Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: „Bitte, beuge mich!“

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“, – sprach der gute Mann,
„des Weswolfs“- Genitiv sodann,
„dem Wemwolf“ – Dativ, wie man’s nennt,
„den Wenwolf“ – damit hat’s ein End.‘

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
„Indessen“, bat er, „füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!“

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

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Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum,

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

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Zwischen Weinen und Lachen

Zwischen Weinen und Lachen
schwingt die Schaukel des Lebens.
Zwischen Weinen und Lachen
fliegt in ihr der Mensch.

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Mehr gibt’s zum Beispiel hier und hier oder, wenn man es direkt in den Händen halten will, hier (aus diesem sind auch obige Gedichte entnommen).

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