Abdruck

„Menschen, oder?“ fragte er sie, während er versuchte, den Milchschaum zu trennen, der sich letztendlich doch immer wieder um den Löffel schloss. Sein Blick tropfte in die Tasse und sank bleischwer zu Boden. „Oder nicht?“
Sie saßen nun seit zwei Stunden im Café, während draußen Schneegestöber herrschte. Innen ein Konzentrat aus herbem Kaffeegeruch, Heizungsluft und Smalltalknebel. Im Grunde verstand sie zwar was er sagte, aber nie, worauf er letztlich hinauswollte: dieses vage Element zwischen den Zeilen. Sie bestellte ein Glas Wasser.

„Nehmen wir an, wir sehen uns nie wieder“ begann er erneut.
„Was soll das heißen?“ entgegnete sie. „Nun, woran würden wir uns erinnern, sicherlich, das Segeln, die Berghütte ohne Strom und die Tour.. naja, gemeinsame Erlebnisse eben, wertvolle, erinnerungswürdige, bleibende. Aber was bleibt da eigentlich? Unsere Erinnerungen verwischen und bleichen, gut, wir haben diese Bilder im Kopf, aber nicht greifbar, diese Fotografien, aber nicht alle und diese Gefühle, aber nie für immer. Oder doch? Es ist kaum auszuhalten, wenn man die Schönheit der Welt einmal gesehen hat und begreift, dass man irgendwann gehen muss. Ich denke, alles wird zerfallen, wie diese sogenannte Identität.“
Dieser Sprachgestus war ihr nicht neu. Sie nahm einen Schluck, setzte ab und schluckte einen Seufzer.

„Ich meine“, fuhr er fort, auch um ihr übliches Schweigen zu überbrücken, „was unterscheidet uns denn von den anderen? Wir haben diese sogenannten Hobbys, yey!, aber im Grunde… wir stehen auf, wir frühstücken, wir duschen, jedenfalls die meisten, wir sitzen auf der Toilette, gehen unserem Tagwerk nach, haben alle diese dämlichen Bedürfnisse und Triebe, die uns zu allerlei absurdem Schwachsinn .. und apropos Schwachsinn, allein diese Gedanken, na danke. Die hat vielleicht nicht jeder, jeden Tag…jedenfalls: alles andere? Alles wird kategorisiert. Heute bist du links, morgen bist du indie, übermorgen tot und sie sagen: ja, doch, der war Poststrukturalist. Und wofür? Die können sich auch nicht entscheiden, oder, immer Relativist sein wollen, aber trotzdem Etiketten kleben. Nichts bleibt eigen, mein, selbst die Erfahrungen unter den Menschen ähneln sich. Und heutige Autoren, worüber wollen die schon schreiben, außer über sich selbst – wenn alles schon gesagt wurde, … im Grunde, hätte man nur ein bisschen Anstand und Ehrfurcht, man müsste doch sofort verstummen.“

Und so warf er erneut einen trüben Blick in seinen Milchkaffee, kostete etwas Absurdität und wartete auf einen Anker. – Nun, sie kannte das. Die meisten Menschen verändern sich nicht, sie werden verändert. –

Und so nahm sie seine Hand, presste seinen Zeigefinger gegen ihr Wasserglas und fragte:
„Nun, dieser Abdruck ist einzigartig, oder nicht?“
Da war sein Anker. „Ob körperlich oder geistig, wir hinterlassen Abdrücke. Sie schwinden, gut, aber sie sind jederzeit erneuerbar, vielleicht stets auf andere, aber eigentlich doch immer auf dieselbe, auf unsere Weise. Oder nicht? Reicht dir dieser Gedanke nicht?“

Der Gedanke reichte.

[Dezember 2010]

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