Herr Neumann und der Respekt. Szene 1.

Herr Neumann flog letztens gedankengetragen durch die Stadt – durch Donut-Duftwolken, vorbei an Käseständen, in Richtung unbestimmt.
In seinem aufgeräumten Papageienschädel war im obersten Regal der Wunsch nach einem Keks eingelagert – daneben ein flüchtiger Gedanke zur Welteroberung. Diesen hatte er allerdings aus Gründen der Grübelei über das Böse und seine Herkunft, was in einer Etage darunter vor sich hin schlummerte, erst einmal nicht weiter verfolgt.

Während er also keksvernarrt durch die Luft schoss und beinahe achtlos einen Wolkenkratzer über den Haufen geflogen hätte, kam ihm ein Leutnant seiner Tauben-Scharfrichter-und-Schutzschwadron, (kurz TSSS!) entgegen: Völlig atemlos und mit einer pulsierenden Brust machte er die Meldung, dass sich etwas geradezu Unerhörtes zugetragen hätte:

Eine betagte Dame war im Park von drei Lausbuben ausgelacht worden, weil sie während des Versuchs, eine Sonnenblume aus einem Beet zu stibitzen, in selbiges gefallen war, um sodann auch vom eingeschalteten Sprenger, den sie zu überlisten gehofft hatte, für ihre rabenhafte Absicht bestraft zu werden.
Nun, Herr Neumann, billigt zwar das singuläre Mopsen einer Blume, nicht aber die respektlose Haltung der Bengel, die der armen, gebrechlichen Dame nicht aufgeholfen hatten und viel schlimmer noch: ihr Anliegen, das so menschlich und natürlich war, auch noch verhöhnt hatten. Was getan werden musste, war offensichtlich.
Herr Neumann holte tief Luft, fokussierte seinen meldungsmachenden Leutnant und stach seinen Blick geradewegs in jene erwartungsvollen Augen: sein entschlossenes Feuer sprang über, entzündete den Leutnant und nach einem „Korax, Code 17“ flog der Leutnant mit der Staffel „Napoleon braunweiß“ auf die Jagd.
377 Sekunden später wurden die rumpeldummen Rotzlöffel mit einer wahren Flut an Taubenscheiße eingedeckt. Schreie, heftiges Gestikulieren, zum Schutz erhobene Hände, Bettelei – es half nichts. Machen wir uns nichts vor, die Realität kann grausam sein. Unter Herrn Neumanns wachem Blick war sie grausam, aber gerecht.

Herr Neuman pfiff im Brustton der Gerechtigkeit Mozarts kleine Nachtmusik. Er war sicher kein Held. Seine zahlreichen Auszeichnungen hatte er entweder zurückgewiesen oder mit einem verächtlichen Blick in ein Menschenreservat (eine Stadt) geschmissen.
Sein Keks mundete ihm: Ein Hauch Gerechtigkeit mischte sich als Nuance in die Sahne, die er sich von einer kompetenten Bäckersfrau auf seinen Schokoladen-Haselnuss-Heidelbeer-Keks hatte sprühen lassen. Vertieft in die Melodie eines monoton dahinplätschernden Brunnens und die Welt, die sich dahinter verbarg, bemerkte er seinen Leutnant zuerst nicht.

Außer Atem und sichtlich angestrengt salutierte dieser, stellte sich in den Hintergrund und erwartete die Erlaubnis, Meldung machen zu dürfen. Herr Neumann schluckte, zog sein Federkleid zurecht, gewährte und speicherte für späteren Genuss die Brunnenmelodie in einem der obersten Regale seines Unterstübchens.

Der Leutnant meldete: „Mon general, Ironie, die Ironie: Jene alte Dame, es geht um jene alte Dame: Sie ging in einen Bus, wo eben jene Rüpel von vorhin saßen. Der Bus war leer, menschenleer, bis auf die vier Sitze der Rabauken. Dennoch blieb sie dort vor den Rüpeln stehen und beleidigte sie, die nicht aufstehen wollten, da sie keinen Grund dafür sahen, da der gesamte Bus schließlich leer war, als Flegel und Unholde.“

Herr Neumann biss finster einen Zacken aus dem Keks, heftete seinen durchdringenden Blick auf den Leutnant und fragte bestimmt: „Sie wissen, was getan werden muss?“

„Oui, mon general“ antwortete dieser, piff einen Code 17, erhob sich vor der Staffel „Napoleon Braunweiß“ in die Lüfte und war innerhalb von 376 Sekunden an seinem Zielort.

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