Friedrich Nietzsche – Sils-Maria

Sils-Maria

 

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,

Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts

Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,

Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

— Und Zaratustra ging an mir vorbei …

Quelle.

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Christian Fürchtegott Gellert – Der Tanzbär

Der Tanzbär

Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen,
Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt.
Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen,
Und brummten freudig durch den Wald.
Und wo ein Bär den andern sah:
So hieß es: Petz ist wieder da!
Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen
Für Abenteuer ausgestanden,
Was er gesehn, gehört, getan!
Und fing, da er vom Tanzen redte,
Als ging er noch an seiner Kette,
Auf polnisch schön zu tanzen an.
Die Brüder, die ihn tanzen sahn,
Bewunderten die Wendung seiner Glieder,
Und gleich versuchten es die Brüder;
Allein anstatt, wie er, zu gehn:
So konnten sie kaum aufrecht stehn,
Und mancher fiel die Länge lang danieder.
Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn;
Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen.
Fort, schrien alle, fort mit dir!
Du Narr willst klüger sein, als wir?
Man zwang den Petz, davonzulaufen.

Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen,
Weil dir dann jeder ähnlich ist;
Doch je geschickter du vor vielen andern bist;
Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen.
Wahr ists, man wird auf kurze Zeit
Von deinen Künsten rühmlich sprechen;
Doch traue nicht, bald folgt der Neid,
Und macht aus der Geschicklichkeit
Ein unvergebliches Verbrechen.

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Erich Kästner – Misanthropologie

Misanthropologie

Schöne Dinge gibt es dutzendfach.
Aber keines ist so schön wie diese:
eine ausgesprochen grüne Wiese
und ein paar Meter veilchenblauer Bach.

Und man kneift sich. Doch das ist kein Traum.
Mit der edlen Absicht, sich zu läutern,
kniet man zwischen Blumen, Gras und Kräutern.
Und der Bach schlägt einen Purzelbaum.

Also das, denkt man, ist die Natur?
Man beschließt, in Anbetracht des Schönen,
mit der Welt sich endlich zu versöhnen.
Und ist froh, dass man ins Grüne fuhr.

Doch man bleibt nicht lange so naiv.
Plötzlich tauchen Menschen auf und schreien.
Und schon wieder ist die Welt zum Speien.
Und das Gras legt sich vor Abscheu schief.

Eben war die Landschaft noch so stumm.
Und der Wiesenteppich war so samten.
Und schon trampeln diese gottverdammten
Menschen wie in Sauerkraut herum.

Und man kommt, geschult durch das Erlebnis,
wieder mal zu folgendem Ergebnis:
Diese Menschheit ist nichts weiter als
eine Hautkrankheit das Erdenballs.

Erich Kästner

(Aus: Erich Kästner – Die Gedichte. Haffmansverlag bei Zweitausendeins, 5. Auflage 2012, S. 190.)

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J. W. v. Goethe – Allerdings

Allerdings

Dem Physiker

„Ins Innre der Natur“ –
O du Philister! –
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken: „Ort für Ort
Sind wir im Innern.“
„Glückselig!, wem sie nur
Die äußre Schale weist!“
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausend Male:
„Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
  Dich prüfe du nur allermeist,
        Ob du Kern oder Schale seist!“

Quelle.

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Heinrich Heine – Anfangs wollt ich fast verzagen

Heinrich Heine – Anfangs wollt ich fast verzagen (aus: Buch der Lieder, 1827)

Anfangs wollt ich fast verzagen,
Und ich glaubt’ ich trüg’ es nie,
Und ich hab’ es doch getragen, –
Aber fragt mich nur nicht, wie?

 

Quelle.

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Rainer Maria Rilke – Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Rainer Maria Rilke

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

 

Quelle.

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Thomas Bernhard – Bis einem Hören und Sehen vergeht – Die Wahrheit

Thomas Bernhard über Wahrheit. Auszug aus Kurt Hoffmann – Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard. München: Dtv 1991. S. 21-22.

„Das weiß ich ja nicht, was die Wahrheit ist, das weiß man ja selbst nicht. Vor allem ist das eine Sache, die ist, wie sie ist und die man dann beschreibt, das sind ja zwei. Auch wenn Sie den Drang haben oder die Manie haben, jetzt hundertprozentig die Wahrheit zu schreiben, gelingt es Ihnen nicht, weil Sie müßten die Wirklichkeit auf’s Papier klatschen können, das geht nicht. In dem Moment aber, wie Sie mit stilistischen Mitteln und Sprache drangehen, ist es etwas anderes und auf jeden Fall eine Verfälschung, aber vielleicht eine Annäherung. Wahrscheinlich ist der Wille zur Wahrheit, wahrscheinlich, das Einzige, was man da einsetzen kann, aber die Wahrheit … Eine Beschreibung ist eben nicht die Tatsache, also sie nützt nichts, wie man es auch wendet. […] So viele Menschen eine Sache wahrnehmen, so viele Wahrheiten sind’s. Vorausgesetzt, daß die die Wahrheit wollen. Aber die Wahrheit ist sowieso ein Blödsinn. Ich sehe mich ja auch jetzt anders, als Sie mich sehen, und Sie sehen sich anders, als ich Sie sehe, und alles immer wieder über’s Kreuz, also es ist schon, während es stattfindet, vollkommen verschoben, verschroben und etwas ganz anderes. Jeder, der etwas schreibt, das wäre eine neue Wahrheit.“

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