José Ortega y Gasset – Der Tiger und der Mensch

„Es sind also drei verschiedene Momente, die sich im Laufe der menschlichen Geschichte zyklisch und in immer komplizierteren und verdichteteren Formen wiederholen: 1. Der Mensch fühlt sich verloren und schiffbrüchig zwischen den Dingen; das ist das Außer-sich-sein, die Selbstentfremdung. 2. Der Mensch zieht sich mit einer energischen Anstrengung in seine Innerlichkeit zurück, um sich Ideen über die Dinge und ihre mögliche Beherrschung zu bilden; das ist die Insichselbstversenkung, die Vita contemplativa, wie die Römer sagten, der θεωρητικός βίος der Griechen, die Theorie. 3. Der Mensch wendet sich wieder der Welt zu, um in ihr nach einem vorbedachten Plan zu handeln; das ist die Aktion, die Vita activa, die Praxis.
Demnach kann man also nur insoweit von einer Aktion sprechen, als sie durch eine vorgängige Überlegung geleitet wird, und umgekehrt: die Insichselbstversenkung ist nur ein Planen der künftigen Aktion. 
Die Bestimmung des Menschen ist daher in erster Linie Aktion. Wir leben nicht, um zu denken, sondern umgekehrt: wir denken, um am Leben zu bleiben. Das ist ein Hauptpunkt, in dem man sich nach meiner Ansicht jeder philosophischen Tradition radikal widersetzen und sich entschließen muß, zu bestreiten, daß das Denken in irgendeinem zureichenden Sinne des Wortes dem Menschen ein für allemal gegeben worden sei, so daß es ihm ohne weiteres zur Verfügung stehe als eine vollkommene Fähigkeit oder Kraft, bereit, ausgeübt und in Ausübung gehalten zu werden, wie dem Vogel der Flug und dem Fisch das Schwimmen verliehen wurde.

Wäre diese hartnäckig aufrechterhaltene Theorie zutreffend, so würde sich daraus ergeben, daß der Mensch sofort und ohne weiteres denken könnte, in ähnlicher Weise, wie der Fisch sofort schwimmen kann. Eine solche Auffassung macht uns aber in beklagenswertem Maße blind für die Erkenntnis der besonderen Dramatik, der einzigartigen Dramatik, die gerade die Lebensverfassung des Menschen darstellt. Denn wenn wir für einen Augenblick um uns in diesem Punkte recht zu verstehen, der traditionellen Idee Raum geben, daß das Denken die charakteristische Eigenschaft des Menschen sei – erinnern Sie sich an den Menschen als das vernunftbegabte Tier –, so daß Mensch sein – wie unser genialer Vater Descartes behauptete – gleichbedeutend damit sei, ein denkendes Ding zu sein, dann müßte der ein für allemal mit dem Denken begabte Mensch, der dieses Denken mit der Sicherheit besitzt, mit der man eine wesensmäßige und unabänderliche Eigenschaft besitzt, ebenso sicher sein, Mensch zu sein, wie der Fisch sicher ist, Fisch zu sein. Nun denn: gerade das ist ein ungeheurer und verhängnisvoller Irrtum. Der Mensch ist niemals sicher, daß er sein Denken, selbstverständlich in angemessener Weise, ausüben kann, und nur wenn es angemessen ist, ist es Denken. Oder etwas allgemeiner ausgedrückt: der Mensch ist niemals sicher, was er mit Gewißheit sein wird, was ihm zufällig begegnen wird. Was nichts weniger bedeutet, als daß der Mensch, zum Unterschied von allen übrigen Wesenheiten des Universums, nie sicher ist, nie sicher sein kann, daß er wirklich ein Mensch ist, wie der Tiger sicher ist, ein Tiger zu sein und der Fisch ein Fisch.
Weit entfernt davon, daß das Denken dem Menschen geschenkt worden wäre, ist es in Wahrheit ganz anders – diese Wahrheit kann ich jetzt nicht ausreichend begründen, sondern nur andeuten: […] der Mensch [ist] zum Unterschied von den übrigen Wesen des Universums niemals mit Sicherheit Mensch; Mensch sein bedeutet vielmehr gerade, immer im Begriff zu sein, es nicht zu sein, ein lebendes Problem, ein absolutes und gefahrvolles Abenteuer sein oder, wie ich zu sagen pflege, wesensmäßig Drama sein! Denn es gibt nur ein Drama, wenn man nicht weiß, was geschehen wird, wenn vielmehr jeder Augenblick reine Gefahr und beklemmendes Risiko ist. Während der Tiger nicht aufhören kann, Tiger zu sein, sich nicht enttigern kann, lebt der Mensch in ständiger Gefahr, sich zu entmenschlichen. Nicht nur das ist für ihn problematisch und zufällig, daß ihm wie den andern Lebewesen dies oder jenes zustoßen kann, dem Menschen geschieht vielmehr zuweilen nichts Geringeres, als nicht Mensch zu sein. Und das ist nicht nur im Abstrakten und Grundsätzlichen wahr, sondern gilt für unsere ganze Individualität. Jeder von uns ist immer in Gefahr, nicht er selbst, nicht der Einzige und Unübertragbare zu sein, der er ist. Die meisten Menschen verraten dauernd dieses Selbst, das sie zu sein hoffen, und um die ganze Wahrheit zu sagen, unsere Individualität ist eine Persönlichkeit, die sie nie ganz verwirklicht, eine lebende Utopie, ein geheimer Text, den jeder in der Tiefe seiner Brust bewahrt. Man versteht daher sehr wohl, daß Pindar seine heroische Ethik in den bekannten Imperativ zusammenfaßt: >Werde der du bist!<.“

Aus: José Ortega y Gasset: Der Mensch und die Leute. München: DTV 1961. S. 21-23.

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Kakuzō Okakura – Das Buch vom Tee (1906)

Die Schulen des Tees

„Das Tee-Ideal der Sung-Zeit unterschied sich von dem der Tang-Zeit in dem gleichen Maße, wie die Lebensauffassung dieser Zeiten. Die Sung-Zeit strebte danach, zu verwirklichen, was ihre Vorgängerin zu symbolisieren versuchte. Für den Neo-Konfuzianismus spiegelte sich das kosmische Gesetz nicht in der Erscheinungswelt wider, sondern die Erscheinungswelt war das kosmische Gesetz selbst. Ewigkeiten waren nur Augenblicke. Nirwana immer in Reichweite. Die taoistische Auffassung, daß Unsterblichkeit im ewigen Wechsel ruht, durchdrang die ganze Gedankenwelt. Es war der Fortschritt, nicht die Tat selbst, wonach man blickte. Das Vervollkommnen war wesentlich und nicht die Vollendung. So kamen die Menschen sofort in enge Verbindung mit der Natur. Die Kunst des Lebens bekam einen neuen Stil. Jetzt war der Tee nicht mehr ein poetischer Zeitvertreib, sondern er wurde ein Weg zur Selbstbesinnung.“ (S. 26)

Taoismus und Zen-Lehre

„Tao bedeutet wörtlich Pfad. Es ist auch als der Weg, das Absolute, das Gesetz, Natur, höchste Vernunft, Modus übersetzt worden. Diese Wiedergaben sind nicht falsch, denn der Gebrauch des Wortes ändert sich auch bei den Taoisten je nach dem Hauptgegenstand der Untersuchung. Lao-tze selbst sprach folgendermaßen davon: >Es gibt ein Ding, das allumfassend ist, das geboren wurde, ehe Himmel und Erde waren. Wie still! Wie einsam! Es steht allein und wandelt sich nicht. Es dreht sich ohne Gefahr für sich selbst und ist die Mutter des Alls. Ich kenne seinen Namen nicht, und darum nenne ich es Weg. Zögernd nur nenne ich es das Unendliche. Das Unendliche ist das Flüchtige, das Flüchtige ist das Vergängliche, das Vergängliche ist die Rückkehr.< Das Tao ist mehr Übergang als Weg. Es ist der Geist des kosmischen Wandels, – das ewige Wachstum, das in sich selbst wiederkehrt, um neue Formen zu zeugen. Wie der Drache, das geliebte Symbol der Taoisten, zeiht es sich in sich selbst zurück. Es faltet und entfaltet sich wie die Wolken. Man könnte das Tao als den großen Übergang bezeichnen. Subjektiv ist es die Stimmung des Alls. Sein Absolutes ist das Relative.“ (S. 33/34)

„Die Taoisten behaupteten, die Komödie des Lebens würde interessanter werden, wenn jeder die Einheit wahrte. Das Verhältnis der Dinge einzuhalten und anderen Platz zu machen, ohne seine eigene Stellung einzubüßen, das sei im irdischen Drama das Geheimnis des Erfolges. Wir müssen das ganze Stück kennen, um unsere Rolle richtig zu spielen; die Vorstellung des Ganzen darf in der des Einzelnen nie verloren gehen. Lao-tze veranschaulichte das in seiner Lieblingsmetapher vom Vakuum. Er behauptete, nur im Vakuum läge das wahrhaft Wesentliche. Die Realität eines Zimmers zum Beispiel sei in dem leeren Raum zu finden, der von Dach und Wänden umschlossen ist, und nicht in dem Dach und den Wänden selbst. Die Nützlichkeit eines Wasserkruges wohnte in der Leere, in die Wasser hineingefüllt werden kann, und nicht in der Form des Kruges oder in dem Material, aus dem es gefertigt ist. Der leere Raum ist allmächtig, weil er allumfassend ist. Nur im leeren Raum wird Bewegung möglich. Wer sich in einen leeren Raum verwandelte, in den andere ungehindert hineingehen könnten, der wäre Meister aller Lebenslagen. Stets vermag das Ganze den Teil zu beherrschen.“ (S. 38)

 

Kakuzō Okakura – Das Buch vom Tee. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Horst Hammitzsch. Mit farbigen Illustrationen von Alexandra Klobouk und Eva Gonçalves. Insel 2016.

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Andreas Gryphius – Betrachtung der Zeit

Andreas Gryphius

Mein sind die Jahre nicht,
Die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht,
Die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein,
Und nehm‘ ich den in acht
So ist der mein,
Der Jahr und Ewigkeit gemacht.

 

Quelle hier.

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Theodor W. Adorno – Fernsehen lehren

Adorno: „Im Übrigen, Herr Becker, bin ich ganz Ihrer Ansicht, daß man die Zuschauer Fernsehen lehren müßte. […] [So ist doch] die Frage: wie soll man fernsehen, ohne darauf hereinzufallen, also ohne dem Fernsehen als Ideologie zu verfallen. Mit anderen Worten: der Unterricht, den Sie vorgeschlagen haben im Gespräch über solche Medien, müßte nicht nur darin bestehen, daß man das Richtige auswählen und mit Kategorien sehen lernt, sondern er müßte von vornherein auch die kritischen Fähigkeiten entwickeln; er müßte die Menschen dazu bringen, etwa Ideologien zu durchschauen; er müßte sie vor falschen und problematischen Identifikationen bewahren und er müßte sie vor allem davor bewahren, der allgemeinen Reklame für die Welt zu verfallen, die durch die bloße Form solcher Medien, vor allem Inhalt, schon unmittelbar gegeben ist.

Kadelbach: Darf ich Sie einen Moment unterbrechen, Herr Adorno? Sie haben also einmal davon gesprochen, das Fernsehen könnte selbst eine Ideologie sein, und dann haben Sie das gleiche Worte Ideologie noch einmal gebraucht, nämlich im Zusammenhang mit der Gefahr, einer Ideologie zu verfallen. Vielleicht ist es um der Begriffsklarheit willen ganz gut, wenn Sie uns einmal sagen, was Sie unter >Fernsehen als Ideologie< verstehen?

Adorno: Unter >Fernsehen als Ideologie< verstehe ich zunächst einmal ganz schlicht, was man vor allem an den amerikanischen Fernsehspielen, und es fehlt ja bei uns nicht an ihresgleichen, feststellen kann, daß nämlich falsches Bewußtsein und Verschleierungen der Wirklichkeit den Menschen eingetrichtert werden, und daß, wie man so schön sagt, eine Reihe von Werten als schlechterdings dogmatisch positiv geltend den Menschen aufgeschwatzt werden, während die Bildung, von der wir sprechen, gerade darin bestünde, daß man solche Begriffe, die hier als positiv gesetzt werden, in ihrer Problematik durchdenkt und daß man zu einem selbständigen und autonomen Urteil über sie gelangt. Darüber hinaus aber gibt es noch etwas wie einen formal-ideologischen Charakter des Fernsehens, daß sich nämlich eine Art von Fernsehsüchtigkeit entwickelt, bei der schließlich das Fernsehen, wie andere Massenmedien auch, eigentlich durch seine bloße Existenz zum einzigen Bewußtseinsinhalt wird und durch die Fülle des Angebots die Menschen ablenkt von dem, was eigentlich ihre Sache wäre und was sie eigentlich angeht. Und von diesem zweiten allgemeineren ideologischen Charakter des Fernsehens wären die Menschen, vor aller einzelnen und bestimmten Ideologie, soweit es möglich ist, durch jene Art von Fernsehunterweisung zu impfen […].“

Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969. Hrsg. v. Gerd Kadelbach. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971. S. 54f.

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Hans-Georg Gadamer – Was uns etwas sagt und uns aussagt

„Gewiss liegt eine ungeheure Gefahr für die menschliche Zivilisation in der Passivität, die durch Benutzung allzu bequemer Multiplikatoren der Bildung eintritt. Das gilt vor allem für die Massenmedien. Aber gerade da stellt sich an jeden die humane Forderung, an den Älteren, der anzieht und erzieht, wie an die Jüngeren, die angezogen und erzogen werden, zu lehren und zu lernen durch das eigene Tun. Was von uns verlangt wird, ist ebendies: die Aktivität unseres eigenen Wissenwollens und Wählenkönnens angesichts von Kunst, wie von allem, was auf dem Wege der Massenmedien verbreitet wird, einzusetzen. Dann erst erfahren wir Kunst. Die Untrennbarkeit von Form und Inhalt wird als die Nichtunterscheidung wirklich, durch die uns Kunst als das, was uns etwas sagt und uns aussagt, begegnet.“

Hans-Georg Gadamer: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel , Symbol und Fest. Stuttgart: Reclam 2012. S. 83f.

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Friedrich Nietzsche – Sils-Maria

Sils-Maria

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —
— Und Zaratustra ging an mir vorbei …

Quelle.

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Christian Fürchtegott Gellert – Der Tanzbär

Der Tanzbär

Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen,
Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt.
Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen,
Und brummten freudig durch den Wald.
Und wo ein Bär den andern sah:
So hieß es: Petz ist wieder da!
Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen
Für Abenteuer ausgestanden,
Was er gesehn, gehört, getan!
Und fing, da er vom Tanzen redte,
Als ging er noch an seiner Kette,
Auf polnisch schön zu tanzen an.
Die Brüder, die ihn tanzen sahn,
Bewunderten die Wendung seiner Glieder,
Und gleich versuchten es die Brüder;
Allein anstatt, wie er, zu gehn:
So konnten sie kaum aufrecht stehn,
Und mancher fiel die Länge lang danieder.
Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn;
Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen.
Fort, schrien alle, fort mit dir!
Du Narr willst klüger sein, als wir?
Man zwang den Petz, davonzulaufen.

Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen,
Weil dir dann jeder ähnlich ist;
Doch je geschickter du vor vielen andern bist;
Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen.
Wahr ists, man wird auf kurze Zeit
Von deinen Künsten rühmlich sprechen;
Doch traue nicht, bald folgt der Neid,
Und macht aus der Geschicklichkeit
Ein unvergebliches Verbrechen.

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